um so mühseliger wurden , je verächtlicher sie meinen Augen erschienen . Denn bei dem Eintritte in den Saal des Meisters hatte sich mit der Pflicht und dem Gehorsame zugleich der Schein der Nüchternheit und Leerheit über diese Dinge ergossen für meinen ungebundenen und willkürlichen Geist . Auch kam es mir fremd vor , den ganzen Tag , an meinen Platz gefesselt , über meinem Papiere zu sitzen , zumal man nicht im Zimmer umhergehen und unaufgefordert nicht sprechen durfte . Nur der Kupferstecher und der Lithograph führten einen bescheidenen Verkehr unter sich und den betreffenden Druckergesellen und richteten das Wort auch an den Meister , wenn es ihnen gutdünkte , ein bißchen zu plaudern . Dieser aber , wenn er guter Laune war , erzählte allerlei Geschichten und geläufige Kunstsagen , auch Schwänke aus seinem frühern Leben und Züge von der Herrlichkeit der Maler . Sowie er aber bemerkte , daß einer zu eifrig aufhorchte und die Arbeit darüber vergaß , brach er ab und beobachtete eine geraume Zeit weise Zurückhaltung . Ich erhielt nach einiger Zeit das Recht , meine Vorlagen selbst hervorzuholen und die vorhandenen Schätze durchzugehen . Sie bestanden aus einer großen Menge zufällig zusammengeraffter Gegenstände , aus leidlichen alten Kupferstichen , einzelnen Fetzen und Blättern ohne Bedeutung , wie sie die Zeit anhäuft , Zeichnungen von einer gewissen Routine , ohne Naturwahrheit , und einem übrigen Mischmasch . Handzeichnungen nach der Natur , Blätter , die um ihrer selbst willen da waren und denen man angesehen hätte , daß sie freie Luft und Sonne getrunken , fanden sich nicht ein einziges Stück vor ; denn der Meister hatte seine Kunst und seinen Schlendrian innerhalb vier Wänden erworben und begab sich nur hinaus , um so schnell als möglich eine gangbare Ansicht zu entwerfen . Eine gewandte , obschon falsche Technik war das eigentliche Wissen meines Meisters , und er legte alles Gewicht seines Unterrichtes auf diesen Punkt . Anfänglich hielt er mich eine Weile in Abhängigkeit , indem ich den Unterschied zwischen einem transparenten scharfen und einem rußigen stumpfen Vortrage nicht recht begriff und mehr auf Form und Charakter sah ; doch endlich , durch das fortwährende Pinseln , geriet ich hinter das Geheimnis , und nun fertigte ich in einem fixen Jargon eine Menge Tuschzeichnungen an , ein Blatt ums andere . Schon sah ich nur auf die Zahl des Gemachten und hatte meine Freude an der anschwellenden Mappe ; kaum daß bei meiner Wahl die wirkungsvollsten und auffallendsten Gegenstände mir noch eine weitere Teilnahme abgewannen . So war , noch ehe der erste Winter ganz zu Ende , meines Lehrers Vorrat an Vorlagen von mir beinahe durchgemacht , und zwar auf eine Weise , wie er selbst ungefähr konnte ; denn nachdem ich einmal die Handgriffe und Mittel einer sorgfältigen und reinlichen Behandlung gemerkt , erstieg ich bald den Grad geläufiger Pinselei , welchen der Meister selbst innehatte , um so schneller , als ich in dem wahren Wesen und Verständnis gänzlich zurückblieb . Habersaat war daher schon nach dem ersten halben Jahre in einiger Verlegenheit , was er mir vorlegen sollte , da er mich aus Sorge für sich selbst nicht schon in seine ganze Kunst einweihen mochte ; denn er hatte nur noch seine Behandlung der Wasserfarben im Hinterhalte , welche , wie er sie verstand , ebenfalls keine Hexerei war . Weil Nachdenken und geistige Gewissenhaftigkeit im Refektorium nicht gekannt waren , so bestand alles Können in demselben aus einer bald erworbenen leeren Äußerlichkeit . Doch fand ich selbst einen Ausweg , als ich erklärte , eine kleine Sammlung großer Kupferstiche mit meinem Tuschpinsel vornehmen zu wollen . Er besaß in derselben etwa sechs schöne Blätter , nach Claude Lorrain gestochen , zwei große Felsenlandschaften mit Banditen nach Salvator Rosa und einige Stiche nach Ruisdael und Everdingen . Diese Sachen kopierte ich der Reihe nach in meiner geläufigen frechen Manier . Die Claudes und Rosas gerieten nicht so übel , da sie , abgesehen davon , daß sie selbst etwas konventionell gestochen waren , auch sonst mehr in symbolischen und breiten Formen sich darstellten ; die feinen und natürlichen Niederländer hingegen zerarbeitete ich auf eine greuliche Weise , und niemand sah diese Lasterhaftigkeit ein . Doch legte sich durch diese Arbeit in mir ein Grund edlerer Anschauung , und die schönen und durchdachten Formen , die ich vor mir hatte , hielten dem übrigen Treiben ein wohltätiges Gegengewicht und ließen die Ahnung des Bessern nie ganz in mir verlöschen . Auf der anderen Seite aber heftete sich an die Errungenschaft sogleich wieder ein Nachteil , indem sich die alte voreilige Erfindungslust regte und ich , durch die einfache Größe der klassischen Gegenstände verführt , zu Hause anfing , selber dergleichen Landschaftsbilder zu entwerfen , und diese Tätigkeit bald in der eigentlichen Arbeitszeit bei dem Meister fortsetzte , meine Entwürfe in anspruchsvollem Format mit der eingelernten Fertigkeit ausführend . Herr Habersaat hinderte mich in diesem Tun nicht , sondern sah es vielmehr gern , da es ihn der weiteren Sorge um zweckdienliche Vorbilder enthob ; er begleitete die ungeheuerlichen und unreifen Gedanken , welche ich zutage brachte , mit ansehnlichen Redensarten von Komposition , historischer Landschaft und dergleichen , und das alles brachte ein gelehrtes Element in seine Werkstatt , daß ich bald für einen Teufelsburschen galt und auch die lustigen Aussichten der Zukunft , Reise nach Italien , Rom , große Ölbilder und Kartons , was man mir alles vormalte , geschmeichelt hinnahm . Doch überhob ich mich nicht in diesen Dingen , sondern lebte in Eintracht und Schelmerei mit meinen jungen Genossen und war oft froh , das ewige Sitzen unterbrechen zu können , indem ich ihnen , die zugleich der Hausfrau untertänig waren , einen Haufen Brennholz unter Dach bringen half . Überhaupt drängte sich die Frau , eine zungenfertige und streitbare Dame , mit Hauswesen und Familiengeschichten , Kind und Magd häufig in das Refektorium und machte es zum Schauplatze heißentbrannter Kämpfe , in welche nicht selten