der Lüneburger Heide . Im Mai finden wir freilich auch Heideschnucken graziös . Nun , es müßte sich allenfalls hier schon leben lassen . « Die Geschwister hatten bei ihrer unerwarteten gestrigen Ankunft dem Oheim erklärt , daß sie die Frist zwischen der Bestattung und Testamentseröffnung , welche aus einem ominösen Zufall am 24. Juni , Mutter Blümels Segenstag , statthaben mußte , in Dresden zuzubringen gedächten . Jetzt stellte Max unerwartet die Frage : » Würdest du mich , liebe Tante , diesen Monat lang dir als Gast gefallen lassen ? « » Und mich natürlich auch , « ergänzte Sidonie , » denn Max und ich sind fortan eins . « Frau von Hartenstein blickte schüchtern zu ihrem Gatten und dieser scharf eindringend zu Lydia hinüber , die , eine Pupurwoge auf den Wangen , die Lider senkte . » Ihr sollt uns willkommen sein , « sagte der Propst darauf . » Herzlich willkommen ! « beteuerte Frau Ottilie , und die Geschwister sagten Dank . Nach einer Pause fragte der Propst , ob sie willens seien , den Amtmann Mehlborn aufzusuchen ? » Ich denke nicht daran , « antwortete Max , während Sidonie nur stumm die Achseln zuckte . Lydia aber fragte mit fast strengem Blick : » Nicht eueren Großvater sehen , eurer Mutter Vater ? « » Das wäre kein Grund , Cousinchen , « äußerte Max leichthin . » Aber gut , du befiehlst , so werden wir ihm aufwarten . « Sidonie nickte zustimmend , sogar sichtbar befriedigt . Die Unterhaltung , anfänglich heiter fließend , war unwillkürlich in einen kurzen Trab von Frage und Antwort geraten , der keinem erquicklich schien . Als weiterhin der Oheim zu wissen wünschte , welche Pläne der Neffe für seine Zukunft verfolge , antwortete dieser : » Im Moment keine . Das Testament wird den Ausschlag geben . « » Aber , lieber Max , « wendete Sidonie ein , » welchen Einfluß auf deine Wahl dürfte diese Verfügung haben ? Du weißt ja , unter allen Umständen bleibt dir freie Hand . « Der Propst zuckte zusammen , als ob er einen Krampf am Herzen spüre . Mehr als Sidoniens Worte hatten die sie begleitenden Blicke ihm verraten , daß sie sich und ihren Bruder des Werbenschen Erbes versichert hielt . Besaß sie ein Zeugnis dafür , sie , die einzige der Familie , welcher die Erblasserin näher getreten war , die sie vielleicht mütterlich liebgewonnen hatte ? Er erhob sich rasch , um sich in sein Zimmer zurückzuziehen , kehrte halben Wegs jedoch um und sagte mit ungewohnter Freundlichkeit : » Sei unseren lieben Gästen , Lydia , doppelt eine aufmerksame Wirtin , da die Mutter durch Philipps Rekonvaleszenz noch vielfach in Anspruch genommen ist . Ich selbst fühle mich ja , Gott sei Dank , jetzt wohl genug , um deine Gegenwart einmal auch anderen gönnen zu dürfen . « Sidonie erinnerte sich auch nicht des flüchtigsten Wortes als Zeugnis für das ihr vorbestimmte Erbe ; aber sie bedurfte dieses Wortes auch nicht , so fest stand ihre Zuversicht desselben , nahezu wie eines natürlichen Rechtes . Und in der unumwundenen Art , welche sie sich im Verkehr mit der Tante angeeignet hatte , sprach sie diese Zuversicht auch aus , als sie noch am nämlichen Vormittag auf die Pfarre kam , um , wie sie fortan jeden Morgen tat , das dortige Instrument zu benutzen , da dasselbe immerhin noch etwas weniger Klapperkasten als das des Schlosses war . » Kann eine Verblendung törichter sein ? « sagte sie halb ärgerlich , halb im Scherz . » Ich merkte es an all seinem Gebaren und habe es an einer rechtzeitigen Warnung nicht fehlen lassen . Dieser standfeste Jünger des blutarmen Doktor Luther hat sich allen Ernstes in den Kopf gesetzt , die Schatzkammer der leibhaftigen Frau Hulda zu überkommen . Er , der einzige Mensch , der ihr unverständlich , daher schlechthin widerwärtig war , den sie immer nur den Oberdruiden nannte und von dessen Familie sie nicht viel mehr hatte kennen lernen , als daß sie samt und sonders nicht die schwächste künstlerische Ader in sich barg . « » Die sie aber in drückender zeitlicher Sorge wußte , « wendete Pastor Blümel ein . » Wußte sie darum ? Sie korrespondierte mit keinem von ihnen , und ich selbst bin erst diesen Morgen auf den Argwohn gekommen , als - - « » Ja , sie wußte darum , liebes Fräulein . « » Um so schlimmer für sie . Die Sorgen waren selbstverschuldete ; ein Grund mehr , die Sorgenträger von einem Besitz auszuschließen , auf dessen Erhaltung es ihr vor allen Dingen ankam . Eine unantastbare Leibrente würde an dieser Stelle die gebotene Hülfe sein . « » Frau Ottilie von Hartenstein bleibt aber immer der Dame nächste Blutsverwandte . « » Nach meinem Papa , welcher der Sohn der älteren Schwester und der geborene Erbe von Werben war . Hat sein Vater ihm das Nachfolgerecht verscherzt , ei nun ! die schönheitssüchtige Thusnelda nannte Großpapa gern den schönsten Mann , den ihre Augen gesehen , und irre ich nicht stark , war er der einzige , der ihr jungfräuliches Herz schwach gemacht haben würde , wenn er nicht ihre Schwester , die eine treffliche Tänzerin war , der trefflichen Sängerin vorgezogen hätte . Würde denn auch ohne eine gewisse Sympathie sie , nach allem Vorhergegangenen , sich bereitwillig mit ihm ausgesöhnt , für die Erziehung seiner Enkel in so umfassender Weise Sorge getragen haben ? Was hat sie für die Kinder Ottiliens getan , die , wenn auch in anderer Weise , der Verkümmerung nicht weniger ausgesetzt waren als wir ? Überdies war die Tante so jugendlichen Sinnes , zog bis an ihr Ende die heitere Jugend so unverhohlen aller sogenannten Altersweisheit und Tugend vor , daß es ihr auch in bezug auf ihr Erbe auf einen näheren oder ferneren Verwandtschaftsgrad nicht ankommen konnte ,