zum Widerwillen entwöhnt . Denn die Natur , auch in ihrer einfachsten Form , spricht immer neu und geistvoll zu einem , der nicht bloß eine beschauliche , sondern eine wirkende Stellung in ihrem Bereiche eingenommen hat . Der Besuch in der Heimat verkürzte sich daher von Jahr zu Jahr ; in den letzten bis auf wenige Tage . Meine Gegenwart in Reckenburg wurde immer unentbehrlicher ; freilich auch immer undankbarer und gebundener . Alles stockte , allem drohte der Verfall unter der wahnsinnigen Goldsucht der Greisin . Die bewährten Diener und Gehilfen versagten ihren Dienst ; ich mußte kämpfen um jeden Taler , den ich aus den Erträgen den gierigen Händen vorenthielt , ja ich mußte zur Täuschung , zum offenbaren Betrug meine Zuflucht nehmen : heimlich Korn verkaufen , um die Arbeiter zu bezahlen , daß die Äcker nicht brach liegen blieben ; heimlich Holz fällen lassen , um die Forstwärter zu besolden , daß das überhandnehmende Wild nicht Saaten und Schonungen vernichte . Wenn ich diese dämonische Selbstzerstörung , die Entartung der trefflichsten Anlagen vor Augen sah , oder die von Geschlecht zu Geschlecht wachsende Verwilderung der Gemeinde , welche seit jenem Brande selber des schützenden Daches über dem Gotteshause entbehrte , wenn ich ihre Reden erhaschte von dem Beelzebub , dem das Gespenst im Goldturm seine Seele verschrieben habe , Reden , vor deren Logik die Gegenrede verhallte wie leerer Wind , da fragte ich mich oftmals mit höhnendem Grimm , warum nicht in jedem Tollhaus eine Station für Geiznarren errichtet sei ? Und noch öfter kämpfte ich mit der Versuchung , eine gerichtliche Kuratel für meine unzurechnungsfähige Verwandtin zu beantragen . Aber ich kämpfte sie nieder . Die Frau , die so kraftvoll gelebt hatte , um so kümmerlich zu versiechen , stand in ihrem zehnten Jahrzehnt , und nicht auf das Zeugnis hin der Letzten , die ihren Namen trug , sollte sie in den Registern ihres Landes als eine Törin verzeichnet stehen . Noch war ich stark genug , gegen die Verwüstung standzuhalten , bis ein zögernder Naturlauf die Verwalterin zur Herrin ihres heimatlichen Grundes machen oder sie für immer von demselben vertreiben mußte . Jahr um Jahr schlich dahin in diesem Zustande äußerlicher und innerlicher Latenz , wie der Arzt ein lähmendes , lastendes Siechtum nennt , und der Krise harrt , die seinen Patienten , sei es im Tode , sei es zu einem verjüngten Leben , befreit . Und dieses heimlich lauernde Elend verspürte das einsame Mädchen in dem Waldwinkel von Reckenburg , mehr noch als an sich selber , an dem gesamten Wesen seiner vaterländischen Zeit . Mit dem geschärften Sinn eines unbeschäftigten Gemüts sah es , über die eigene Leere hinaus , die schwankenden Bewegungen von Schwäche zu Schuld , sah die Kraft seines Volkes , hier überschraubt , dort versumpfend , einer Katastrophe entgegenschleichen , die es zerreißen oder aufrütteln mußte zu einer erneuernden Tat . Ich weiß , was Ihr sagen wollt , meine Freunde , oder mindestens , was Ihr sagen dürftet : seis um das lauernde Siechtum der deutschen Welt , wenngleich du auch darin vielleicht die nachträgliche Erfahrung oder etwa den Kontrast deines rohen Reckenburger Völkchens mit dem zarten Literaturfreunde im Kloster als Zeichen der Zeit deinem Spürsinne zugute geschrieben hast . Nun seis darum . Was aber das Pathos deiner persönlichen Latenz betrifft , Fräulein Ehrenhardine , das war wohl schwerlich ein anderer als der unbehagliche Zustand jedweden Jüngferchens , das allmählich aus den Zwanzigern in die Dreißig hinüberschreitet . Warum heiratest du nicht ? Du warst nicht schön und lieblich , wie wir dir glauben wollen ; aber du warst tüchtig und respektabel , und was mehr bedeutet , du warst voraussichtlich die Erbin des » grünen Röckleins « deiner Reckenburger Flur . So ein Röcklein aber ist kleidsam auch ohne Venusgürtel . Fehlte es dir an Freiern oder spieltest du die Amazone ? Keines von beiden , meine jungen Querulanten . Fräulein Ehrenhardine war sattsam ernüchtert , um auch sonder Sehnsucht und Neigung eine verständige , anständige Heirat für ein besseres Korrektiv ihres Siechtums zu halten , als selber den Heimfall ihrer Reckenburg . Was aber die Schar ihrer Freiwerber anbelangt , oho ! eine väterliche Schwadron hätte sie mit ihren Kavalieren füllen können . Alt und jung , bekannt und unbekannt , von fern und nah meldeten sie sich , durchdrungen von den Reizen und Tugenden der letzten Reckenburgerin . Sobald diese Letzte aber wahrheitsgemäß Reize und Tugenden als das einzige verbriefte Kunkellehn der Reckenburgs in Erwägung stellte , da sah sie jenen Zustand der Latenz sich plötzlich auch über die flott avancierte Ritterschaft verbreiten . Männiglich dämpfte sich die Leidenschaft zu einem rhythmischen Tempo gleich dem der Menuett in der choreographischen Schule Eberhards von Reckenburg : Cavaliers à droite , à gauche , en arrière ! nicht einen ganzen Pas , kaum einen halben , und jederzeit mit tiefer Reverenz und graziösem Portebras , - doch so langatmig , wie das Leben in dem Goldturme der Reckenburg . Als aber - um vorderhand mit dem matrimonialen Kapitel abzuschließen - , als aber jenes langatmige Leben endlich dennoch ausatmete und die Reize und Tugenden der letzten Reckenburgerin in dem grünen Röcklein ihrer Heimat strahlten , da wußte sie Besseres zu tun , als die Blöße eines harrenden Ritters unter seinen Falter zu verbergen . En arrière cavaliers ! hieß es nun ihrerseits ; en arrière au galop ! Und das Herz hat ihr nicht geklopft bei dieser Freierscheuche . Denn zu ihrem Glück oder Unglück hatte sie früh nach großen Maßen messen gelernt , und ein verführerischer Antinous , ein Charakter wie Mosjö Per-sé zählten nicht zu ihrer späteren Klientel . Die Herbstereignisse von 1806 trieben mich eilends und voraussichtlich für längere Zeit in das Elternhaus zurück . Der Kurfürst hatte sich in letzter Stunde für den Krieg entschieden , und mein alter Vater mußte zum zweitenmal unter preußischem Banner zu Felde ziehen . Die Mutter , deren Gesundheit