hatte bis dahin ihre Hände festgehalten , und während sie sprach , ruhte sein Blick durchdringend auf ihren Zügen , die für einen Augenblick rückhaltslos das leidenschaftlich erregte Innere des Mädchens widerspiegelten - den Augen dieses Arztes und Menschenkenners hatten sich wohl schon ganz andere Geheimnisse und Vorgänge der Menschenbrust offenbaren müssen , als die einer , wenn auch noch so stolzen , doch gerade vermöge ihrer Reinheit und Schuldlosigkeit unbewachten Mädchenseele ... » Sie werden nichts ausrichten ! « sagte er plötzlich gelassen , mit einer fast heiteren Ruhe . » Ich habe die Augen offen , und mein Arm reicht ziemlich weit ... Sie entgehen mir nicht , Felicitas ! ... Hier in X. lasse ich Sie auf keinen Fall , und - ebensowenig werde ich ohne Sie nach Bonn zurückreisen . « Die Gartenthür hatte längst geknarrt , aber das Geräusch war den Sprechenden entgangen . Jetzt kam Rosa und meldete dem Professor , daß Frau Hellwig im Salon warte , auch die Frau Regierungsrätin lasse ihn recht sehr bitten , zu kommen . » Ist sie unwohl ? « fragte der Professor rauh , ohne sich nach der Kammerjungfer umzuwenden . » Nein , « entgegnete sie verwundert , » aber die gnädige Frau wird bald fertig sein mit dem Kaffee , den sie selbst kocht - sie wünscht , der Herr Professor möchte ihn recht frisch trinken ... der Herr Rechtsanwalt Frank ist auch im Salon . « » Nun gut , ich werde kommen , « sagte der Professor , aber er machte keine Anstalt zu gehen . Vielleicht hoffte er , Rosa solle sich wieder entfernen , darin irrte er sich jedoch . Das Mädchen machte sich mit Aennchen zu schaffen , die jammernd und wehklagend die Händchen zusammenschlug über alle die » totgetretenen Blümchen « auf dem Rasen . Endlich schritt er mißmutig den Damm hinab . » Halten Sie sich nicht so lange hier auf , « rief er nach Felicitas zurück . » Der Wind wird stärker , er bringt uns möglicherweise ein Gewitter . Kommen Sie mit Aennchen in das Gartenhaus . « Er verschwand hinter den Taxuswänden . Felicitas aber durchschritt hastig die ganze Länge des Dammes . In ihrem sonst so klaren Kopf wirbelte es chaotisch durcheinander . Sie rang vergebens nach der nötigen Fassung und Ruhe , um ihre augenblickliche Lage übersehen und Herr derselben werden zu können ... Also sie sollte ihr Joch weiterschleppen , und nicht genug , daß man ihr jedwede Selbständigkeit auf lange Zeit hinaus verweigerte , sie sollte sogar in seiner unmittelbaren Nähe leben , jahrelang täglich mit ihm verkehren - als ob dies nicht die furchtbarste Aufgabe wäre , die ihr je gestellt werden konnte ! ... Hatte sie nicht alles gethan , ihm zu beweisen , daß er ihr in tiefster Seele verhaßt sei , daß sie unversöhnlich bleiben werde ihr lebenlang ? War es nicht gerade deshalb die raffinierteste Grausamkeit , sie in der Weise fesseln zu wollen ? ... Nein , tausendmal lieber wollte sie sich noch auf Jahre hinaus von Frau Hellwig mißhandeln lassen , als auch nur einen einzigen Monat länger mit ihm zusammen sein , der eine wahrhaft dämonische Macht ihr gegenüber entfaltete . Schon allein seine Stimme vermochte ihren sonst so geordneten Gedankengang zu verwirren - der unbeschreiblich milde und warme Ton , den er jetzt immer annahm , berührte jede Fiber ihres Herzens und machte es heftiger klopfen - das war natürlicherweise der alte Haß , der sich aufbäumte , aber mußte sie nicht schließlich an diesem einen so furchtbar erregten und fortwährend genährten Gefühle physisch und moralisch zu Grunde gehen ? ... Die neulich erzählte Vision hatte ihr viel zu denken gegeben , jetzt wurde ihr die einzige mögliche Lösung durch die Worte bestätigt : » Felicitas , Sie sollen jetzt erkennen lernen , wie es ist , wenn die Liebe für uns denkt und sorgt ! « Er beabsichtigte jedenfalls , trotz ihrer entschiedenen Erklärung in ihren Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen , später eigenmächtig über ihre Hand zu verfügen , sie sollte an irgend einen Mann , den er wählte , gebunden werden - damit war sie versorgt und das ihr widerfahrene Unrecht , welches er allerdings eingesehen hatte , gut gemacht - das Herz drehte sich ihr um bei dieser Vorstellung ... Wie vermessen und unmoralisch war eine solche Absicht ! Konnte er irgend einen Menschen zwingen , sie zu lieben ? Er selbst hatte eine unglückliche Neigung und ging deshalb einsam durch das Leben ; mit diesem Enschluß gestand er seinem Herzen große Rechte zu - es durfte entscheiden über seine ganze Zukunft ... Er sollte sehen , daß auch sie für sich selbst genau dasselbe Vorrecht beanspruche , daß sie sich nicht verhandeln ließe wie eine Ware ... Was hielt sie ab , sofort zu der Hofrätin Frank zu gehen und sich unter deren Schutz zu flüchten ? ... Ach , da war ja der kleine graue Kasten , der kettete sie fester an das unselige Haus , als es irgend ein menschlicher Wille vermocht hätte - um seinetwillen mußte sie ausharren bis zum letzten Augenblick . 23 Aennchen unterbrach das qualvolle Sinnen und Grübeln des jungen Mädchens . Sie nahm schmeichelnd Felicitas ' Hand und zog sie den Damm hinab . Der Wind sauste bereits mit großer Gewalt durch die Baumwipfel , er fuhr auch stoßweise und bissig in die geschützteren Regionen - erschrocken beugten sich die kleinen , schüchternen Grasblumen vor dem Störenfried . Ueber die Sonne hin jagten einzelne Wolkengebilde , deren Schatten sich für Momente wie dunkle Riesenflügel über die Kies- und Rasenplätze hinstreckten , Rosenblätter wirbelten hoch in den Lüften , und selbst die starren Taxuspyramiden neigten sich steif und gravitätisch wie alte Hofdamen . Da war es gemütlich im schützenden Hause . Felicitas setzte sich auf einen Gartenstuhl in der Hausflur und zog eine Handarbeit hervor . Die Thür der kleinen Küche und auch die des Salons standen weit offen