Herrn am Nebentisch anfangs sehr flüchtig , dann aber wie erstarrt zwischen Freude und Schrecken . War es möglich ? War es eine Täuschung oder Wahrheit ? War er es , oder war er es nicht ? ... Kein Zweifel , er war ' s trotz Bart und allem andern . Zitternd vor Aufregung erhob sich der Kandidat und trat zu auf den Herrn , der ihm jetzt den Rücken zuwandte . Leise berührte er seinen Arm ; und jener drehte sich um und sah dem Theologen voll ins Gesicht . » Moses ! Moses Freudenstein ! « murmelte Hans Unwirrsch , beide Arme ausbreitend zur Umarmung ; jener jedoch trat einen Schritt zurück und schien einen Augenblick in seiner Erinnerung zu suchen , während seine Augenbrauen sich zusammenzogen und seine Lippen fest sich schlossen . Aber er schien schnell , wenn auch nicht freudig überrascht , zu einem Entschluß gekommen zu sein . Er faßte fest beide Hände des Kandidaten und zog ihn dicht zu sich heran . » Ei , du bist es , Hans ? Bist du es ? Welch ein Zusammentreffen ! Sprich nicht so laut ! O wie ich mich freue ! Nenne meinen alten Namen nicht mehr , ich will dir später sagen , warum nicht . Jetzt bin ich der Doktor Theophile Stein . Mach mir hier keine Szene , Freund ! Alle die Narren sehen auf uns ! Nachher - morgen , nachher ! « Moses Freudenstein schob den bestürzten Jugendfreund von sich und wandte sich wieder zu den andern Herren . Sie schienen ihn über den Auftritt und den drolligen Schwarzrock auszufragen ; er flüsterte ihnen etwas zu , und nun sah jedermann mit einem gewissen wohlwollenden Lächeln auf den armen Hans . Noch einmal trat Moses zu dem Freund und sagte leise und eindringlich : » Geh zu deinem Tisch zurück ! Errege kein Aufsehen , es hängt viel für mich davon ab . Sei ein guter Kerl , Hans , wie du es immer gewesen bist . Mach uns hier keine Szene ! « Von allen Seiten wurde jetzt der Doktor Theophile Stein gerufen . Er schien ein sehr beliebter und bekannter Charakter zu sein , Wie der Kellner in Shakespeares » Heinrich dem Vierten mußte er nach allen Seiten hin Gleich ! Gleich ! antworten . Bald war er von einer ganzen Schar der Anwesenden umgeben ; jedermann horchte mit lachendem Munde auf seine Aussprüche . Witzig , scharf zufahrend im höchsten Grade waren diese Aussprüche ; niemand schien ihm auf irgendeinem Felde standhalten zu können ; - nichts , nichts , nichts in dem Wesen des Mannes erinnerte mehr an den dunkeln Laden in der Kröppelstraße , an den königlich westfälischen Lakai ! Hans war zu seinem Tisch zurückgewichen und strich immer von neuem die Haare aus der Stirn ; es war ihm fast unmöglich , an das zu glauben , was er sah und hörte . « Jetzt kam der Leutnant Götz zurück und sagte , indem er neben Hans sich wieder niederließ : » Ah , da ist ja auch der Doktor Stein ! Ein merkwürdiges Menschenkind , Herr Kandidate . Ist erst vor kurzem in hiesiger Stadt angelangt - Literat - Journalist - Buch über den Weltgeist oder dergleichen . Ein fabuloses Mundwerk . Wenn ich nur wüßte , wo ich das Gesicht schon gesehen habe ! Kann nicht sagen , daß mir der Mensch so außerordentlich gefalle , aber die andern haben ohne Frage den Narren an ihm gefressen . « Hans saß auf glühenden Kohlen ; er wußte , wo der Leutnant seinen Moses Freudenstein , der sich jetzt Theophile Stein nannte , gesehen hatte ; er mußte es sagen , und doch durfte er es nicht , denn plötzlich richteten sich die schwarzen Augen des Jugendgenossen mitten aus dem Gewühl auf ihn . Den Finger legte Moses auf den Mund und schüttelte den Kopf . Der arme Hans befand sich in ungemütlichster Kollision der Pflichten , aber die Kröppelstraße ging nochmals aus dem Kampfe in der Brust des Theologen als Siegerin hervor , das Posthorn zu Windheim unterlag . An diesem Abend erfuhr der Leutnant noch nicht , wer der interessante Fremdling war ; Hans aber versprach sich fest , dem Zwiespalt in seinem eigenen Innern so schnell als möglich ein Ende zu machen ; er beruhigte sich endlich in dem Gedanken , daß es zu gegebener Zeit leicht sein müsse , diese beiden edlen Charaktere einander entgegenzuführen und vorgefallene kleine Zwistigkeiten auszugleichen . Das aber stand auch fest , geschlafen hatte die Seele des Kandidaten der Gottesgelahrtheit Johannes Unwirrsch bis jetzt wie die - Prinzessin Dornröschen im Zauberwald , und während dieses allzu tiefen Schlafes hatte sich die Welt vollkommen verändert und den Kandidaten bei diesem Prozeß durchaus nicht vermißt . In seinem Trübsinn bedachte Hans nicht , daß die verzauberte Prinzessin jung - jung erwachte und daß das blühendste Leben anhub im Schloß , während draußen vor dem Walde die Leute so alt , so sehr alt geworden waren . - Seit der Doktor Theophile erkannt hatte , daß Hans ihn nicht an den Leutnant verraten würde , widmete er sich gänzlich dem eigenen , fröhlichen Kreise , ohne weitere Notiz von dem Jugendgenossen zu nehmen . Als aber der Leutnant sich zum Abschied gerüstet hatte und zuerst aus der Tür gegangen war , fühlte der Kandidat plötzlich eine Berührung . Moses stand neben ihm und drückte ihm eine Karte in die Hand ; dann sprang er zurück , küßte wie zärtlich die Fingerspitzen gegen den Freund , und Hans befand sich einen Augenblick später auf der Gasse an der Seite des Leutnants Götz , der heute auch übermüdet zu sein schien und an der Kammertür im Grünen Baum schnell Abschied von seinem Begleiter nahm . Lange betrachtete der Kandidat in seiner Kammer die Karte mit der Adresse des Jugendfreundes . Schwer wog sie auf seiner Seele , obgleich sie zart und zierlich genug war . Siebzehntes Kapitel Fast