Wie eine Blütendecke legten sich seine Worte auf die unruhige Qual ihres Innern . Mit einem unaussprechlichen Dankgefühl blickte sie zu ihm auf , der Widerschein ihrer Stimmung in seinem Antlitz rührte sie fast noch inniger , als sein Handeln . Wie selten war ihr wohlgethan worden in ihrem so beneideten und brillanten Leben ! Und Er war ihr noch dankbar dafür , daß sie es annahm . Die kleine irländische Ballade , welche Leontine am ersten Abende des Zusammenseins mit ihm gesungen , war Beiden eine Art inneren Palladiums geworden . An jenem Abend hatte Gotthard zuerst sich ihr ausgesprochen . Seitdem hatte er die Verse in Musik gesetzt und oft gesungen . Wenn Kronberg Annen ganz unverständlich wurde , spielte sie die Melodie ; seltsam genug liegt diese Art Doppelempfindung in der weiblichen Natur : sie wollte Roderichs früheres edles Bild sich hervorrufen , es festhalten , trotz den entsetzlichen Verzerrungen des Lebens , und dennoch blickten Gotthards ernste stetige Augen so tröstlich zwischen den Notenreihen sie an . Anna saß in der Nähe des Fortepiano , auf demselben lag die Ballade aufgeschlagen ; unwillkürlich fiel ihr Blick darauf , er umflorte sich , sie ward sehr düster . Gotthard war ihr im Sprechen näher gerückt , sein Stuhl berührte die Sophaecke , in welcher sie ruhte . Sein Auge folgte dem ihren , aber er verstand den Zug ihrer Gedanken nicht sogleich ; es trat eine jener gefährlichen Gesprächspausen ein , in denen die Gewalt des sich insgeheim entwickelnden Gefühls verrätherisch der Erwiderung im Augenaufschlag des Geliebten begegnet - Beide errötheten . Gotthard ergriff ihre Hand und küßte sie unbewußt leise ; sie ließ sie ihm eben so unwillkürlich . Zum ersten Mal versagten sich ihnen Wort und Gedanken , die innere Flut der Empfindung und einer plötzlich sie überkommenden namenlosen schmerzlichen Ahnung überwältigte Beide . So saßen sie schweigend neben einander , dicht zu einander gebeugt , lautlos das Glück der Geliebten Nähe fühlend , scheu vor jeder noch näheren Berührung zurückbebend . Da sprang die kleine Tapetenthüre auf , die aus dem Cabinet zu einer obern Zimmerreihe führte , Kronberg trat in dieselbe , er schleuderte den kleinen Joseph vor sich her , den er an der Hand herabgeführt . Kannst du mir erklären , Anna ! - begann er und blieb verstummend , staunend an der Schwelle stehen - er gewahrte Gotthard , der aufgesprungen war , der Knabe aber stürzte in des geliebten Freundes Arme , der ihn zärtlich an sich zog und liebkoste . - Joseph , fuhr Kronberg nach einem höflich kalten Gruße fort , hat mich soeben gebeten , ihn zu seinem Bruder in ' s Institut zu thun , weil er dort Herrn Gotthard wieder alle Tage sehen würde . Er klagt über seinen Lehrer , daß er ihn geschlagen ; wolltest du die Gnade haben , mir diesen Gallimathias zu erklären ? In der That kann ich auch nicht begreifen , wie es zugehen mag , daß Sie , Herr Gotthard , meine Kinder täglich sehen ? Gotthard fühlte lebhaft , es gälte , die Geliebte vor einer neuen Form der Eifersucht zu schirmen , die Kronberg verzehrte . Beide Männer verstanden vollkommen einer den andern : Anna ' s Name durfte nie unter ihnen genannt werden . Sie saß beklommen , schwer athmend , still in ihrer Sophaecke . Gotthard erwiderte stolz aber besonnen , daß der Director des Instituts sein Jugendfreund sei , den er allerdings während seines kurzen Aufenthalts in Wien täglich besuche und bei welchem er den Knaben öfters treffe , zu dem ja immer noch die herzlichste Neigung ihn hinziehe . Herr Gotthard , unterbrach ihn der Graf , als die Kinder noch das Glück hatten , Ihrer Obhut anvertraut zu sein , habe ich , der Vater , mir nie die kleinste Einmischung in Ihre Ansicht und Erziehungsart erlaubt . Sie würden mich verbinden , obgleich ich Ihre Theilnahme dankbar anerkenne , dasselbe jetzt für mich zu thun . Doch habe ich ohnehin mit Beiden andere Pläne und kam , sie mit der Gräfin zu besprechen . Vergeben Sie , daß ich Ihre Gegenwart in meinem Eifer nicht augenblicklich bemerkte ; die Sache hat Zeit . Mit gewohnter Leichtigkeit begann er ein Gespräch über ein von Gotthard verfaßtes Memoire , blieb eine halbe Stunde und verließ dann das Zimmer mit der Bitte an Gotthard , mit Annen noch ein wenig Musik zu machen , indem er die auf dem Flügel liegenden Musikalien bemerkte ; das Kind ließ er in dessen Armen zurück . Ernst blieben die Liebenden vor einander stehen : die dunkle Ahnung war schon Wirklichkeit geworden . Anna , sagte endlich Gotthard , indem er den Knaben , der in seinen Armen eingeschlafen war - es war Abend geworden - auf ' s Sopha legte , Anna ! wir müssen scheiden . Auf welche Weise ist mir selbst noch nicht deutlich , aber es gilt , Ihnen die Knaben zu erhalten , deren Verlust Sie zerstören würde . Gott weiß , ob ich Sie je wieder allein spreche , darum heute eine Bitte , für welche ich Ihre Verzeihung innigst erflehe . Er blickte auf Joseph , das Kind schlief fest und sanft . Anna war in einer furchtbaren Stimmung , Gotthards volle bewegte Stimme vibrirte in jedem Nerv ihrer bebenden Gestalt ; sie konnte nicht reden , es erstickte sie . Der Graf wird meine Einmischung in seine Verhältnisse unter keiner Form jemals vergeben , Sie würden immer dafür büßen . Sie wissen , Anna , daß mein Leben hier , wie in der Ferne Ihnen angehört . Ich werde Wien gleich nach der geschlossenen Uebereinkunft mit Metternich verlassen , mich ganz den Geschäften in den älteren Provinzen widmen . Der volle , tragende Strom der Zeit - Anna , er wird auch uns wieder zusammenführen und - es übermannte ihn , er schwieg einige Secunden - durch alle Verwandlungen der Tage hindurch werden wir einander erkennen . Nicht