Liebe und der Kunst ! wie entwickelten sich meine Fähigkeiten ! welcher Strom von vielseitigem Glück umrauschte mich , und wie froh , wie sicher , wie bewußt meines Glücks und meines Rechts daran stand ich im Nachen , und ließ ihn durch Andlau lenken ! » Da starb Obernau , und ich war frei mit meiner Hand zu schalten . Aber ein unermeßlicher Widerwille gegen die Ehe hatte sich zu fest in meine Brust genistet , als daß ich eine zweite hätte schließen mögen . Die zwei Jahre meiner Verheirathung hatten mich übersättigt mit bittern Empfindungen : der Gemahl war mir peinigend gewesen , seine Familie feindlich , die Welt gleißnerisch , ich mir selbst verächtlich ; keinen Schutz hatte ich gefunden gegen die bitterste Demüthigung , keine Stütze für meine rathlose Unerfahrenheit , keinen Trost für meine innere Zerfallenheit ; zweifelnd an Gott , an den Menschen , an mir selbst , stand ich in grausiger Einsamkeit da , unbegnügt , unbefriedigt , tantalisch nach Hesperidenfrüchten schmachtend und , wenn mir eine in die Hand fiel , wenn meine Lippen sie berührten , augenblicklich den Sodomsapfel in ihnen erkennend . Bei Andlau - wie anders ! stets war ich gehoben , nie herabgezogen ; stets fühlte ich ein Vorwärtsschreiten , eine Entwickelung , keinen Stillstand , kein Zurückgehen , kein Versinken . Ich war glücklich , und fühlte mich durch dies Glück befähigt und stark gemacht , in dieser eigenthümlichen Weise es festzuhalten . Dies Glück und diese Weise ließen mich in meiner vollen Selbständigkeit und doch zugleich in der Sphäre des Weibes , welches seine Ausbildung und Befriedigung allein in der Liebe findet . Es war eine unendliche Gewißheit in mir , welche keines endlichen Symbols bedurfte , und eine endliche Fessel verschmähte . Vielleicht jedem andern Mann gegenüber würde diese Zuversicht eine ungeheure Thorheit sein : bei Andlau ist sie nur eine richtige Würdigung seines Charakters . Aber mir selbst gegenüber ist es die größte Thorheit gewesen , denn die unendliche Gewißheit wankt , und der Platz , der wie ein Fels unter meinen Füßen war , ist Triebsand geworden . « » Darum , Faustine , mußt Du ihn verlassen , « sagte Mario ernst und ruhig , stand auf und nahm ihre Hand ; » da , wo Du bisher gestanden , ist es nicht mehr sicher für Dich . Stütze Dich getrost auf meinen Arm , ich hebe Dich über alle Schwankungen hinweg . Ich danke Dir , daß Du mir Dein Schicksal enthüllt hast , und doppelt danke ich Dir , weil ich darin nichts sehe , was uns trennt . « Faustine blickte ihn sprachlos an und fuhr mit der Hand über die Augen , wie um sich zu überzeugen , daß sie wache . » Nichts ! denn Du liebst mich , und Andlau - liebst Du nicht mehr ; denn wenn Du ihn noch liebtest , so wäre Dein Auge nie anders , als mit dem gleichgültig freundlichen Blick auf mich gefallen , den Du für alle Welt hast - « » Ja , siehst Du - das ist unmöglich ! « rief sie . » Nun , Faustine , ich liebe Dich : Du weißt es , ich habe es Dir gesagt und Du mußt es auch ohne Worte wissen ; aber da ich es Dir gesagt habe , so will ich auch nicht von Dir lassen , denn Dich bindet nichts an einen Andern , sobald Dein Herz Dich nicht bindet , und Dich aufgeben , zurücktreten , von Nothwendigkeit der Selbstopferung reden - das thut nur eine matte Liebe , die sich nicht stark genug fühlt , für die Geliebte eine alte Welt aus ihrer Axe zu heben und eine neue hineinzulegen . Wer zu einer Frau spricht : ich liebe Dich ! - und nach diesem Wort nicht bereit ist , mit ihr eines Weges zu gehen , und sollte der in die Hölle führen - freudig bereit ist , weil er die Zuversicht hat , die Hölle in Himmel verwandeln zu können durch Liebe - der ist feig , Faustine , und der Feigling ist keiner Liebe fähig . Ich bin nicht feig ! ich habe den Muth , Dich mit Allem zu versöhnen , mit Vergangenheit und Zukunft , und mit jedem Verhältniß , das Dich bisher verwundet oder abgestoßen hat . Du wirst mein Weib , Faustine ! « » O dann bin ich aber von erbärmlicher Untreue ! « sagte sie dumpf . » Und was wärest Du , wenn Du zwischen zwei Männern stehen bliebest , beide verzaubertest , jedem halb , keinem ganz gehörtest ? und was wärst Du , wenn Du mit einem gespaltenen Herzen zu demjenigen Dich zurückwendetest , den Du geliebt hast , und zu ihm sprächest : ich liebe einen Andern , aber Dir will ich treu sein ? - Du liebst das Schöne , Gute und Hohe , wo Du es findest , Faustine : das macht Dich liebenswürdig ; und Du bist zu sehr von der Gegenwart beherrscht , um Dich dauernd an eine Persönlichkeit zu fesseln , sobald Dir diese nicht ganz überwältigend entgegentritt : das macht Dich schwach . Ich will diese Schwäche nicht vertheidigen , weil Du mir Sophisterei vorwerfen , oder mich beschuldigen könntest , ich spräche für meinen eigenen Vortheil ; aber glaube mir , wenn Du meine Schwester wärest , würd ' ich Dir nichts Anderes sagen als : Untreue ist ein zerrissenes , halbes , schwankendes Wesen , ist Widerspruch in der Seele ; mach ' den zunicht durch eine scharfe Entscheidung , durch einen unwiderruflichen Schritt , und Du hast Dich frei gemacht , Dich ins Gleichgewicht gestellt , hast das Störende fallen lassen und das Fördernde ergriffen ; wähle . Wähle , Faustine ! « rief Mario , und die ruhige Gelassenheit , mit der er bisher gesprochen , ging in die bewegteste Leidenschaftlichkeit über ; » wähle ! jetzt , gleich , auf