uns ungetreu « , sagte sie dann , » wenn uns die Komödie nicht vereinigte , so würden Sie immer in Feld und Wald umstreifen . « » Konnt ich glauben « , erwiderte er , » daß man mich vermissen möchte ? und daß gerade Sie mir diesen freundlichen Vorwurf machen würden ? « » Artige Worte « , erwiderte sie lachend , » der ewige Text , um den sich die Unterhaltung der Gesellschaften dreht ; die Auslegung ganz willkürlich , so oder so , und meist ohne Ernst und Wahrheit ; Gespräch , um zu sprechen , so wie oft Noten zu Dichtern entstehen , bloß um Noten zu machen . - Aber wie waren Sie mit der gestrigen Darstellung zufrieden ? « » Von Ihnen will ich nicht sprechen « , antwortete Leonhard , » denn Sie würden mich doch nur als einen Schmeichler abweisen und wenn man entzückt ist , ist man nicht gerade in der Stimmung , um ein Urteil zu fällen . Aber haben Sie nicht auch die Darstellung Emmrichs bewundert ? Er war unter uns Männern doch eigentlich allein nur der Meister . Dieses Verwirklichen aller Empfindung so ohne Anstrengung ! jede Szene so gegeben , als könnte es eben nicht anderes sein ! so daß jeder Zuschauer der Meinung sein mußte , er selbst würde es gerade eben auch so und nicht anders gemacht haben . « » Ein Spiel « , sagte Charlotte , » so wie Sie es beschreiben , ist gewiß der Triumph der Schauspielkunst . Wohl versteht es unser Emmrich ganz anders , als der Baron Mannlich . Indessen wollte ich doch , man hätte ein anderes Stück gewählt . « » Das wünschen gerade Sie ? « sagte Leonhard mit einigem Erstaunen , » wo möchten Sie einen Charakter antreffen , in welchem Sie so allen Zauber der Lieblichkeit , des Reizes , der Verführung und des feinen Anstandes entwickeln könnten ? « » Sie geraten doch in jene Schmeichelei « , bemerkte sie , » der Sie ausweichen wollten . Das Stück aber hat auf keine Weise meinen Beifall . Der Götz geht zu schmählich unter , und man begreift nicht , weshalb ; die innere Notwendigkeit tritt nicht deutlich genug hervor . « » Wie ? « sagte Leonhard , » fühlen wir diese nicht in jedem Wort ? Sehen wir sie nicht in jeder Szene ? Die bessere Zeit geht unter , und mit ihr der brave Götz , ihr Repräsentant ; sie wird verdrängt oder erdrückt von einer anderen , die uns als die der List und Verstellung , der Unwahrheit und Treulosigkeit gemahnt ; ihre Repräsentanten , Adelheid und Weislingen , gehen aber ebenfalls in dem Sturm der Begebenheiten zugrunde , den sie erregt haben , den sie aber nicht bewältigen können . « » Und dann « , sagte Charlotte , » tritt ein anderes Zeitalter auf , das für uns jetzt Lebende auch schon ein längst veraltetes ist ; dieses verspielt sich wieder an einem einbrechenden , welches als das schwächere und schlechtere erscheint ; und so geht es immer fort , und das ist die Täuschung der Geschichte , die , so vorgetragen , vielleicht kein wahres Wort enthält . « Leonhard ward nachdenklich und sagte dann : » Die Zeitalter wechseln wohl in Güte und Schlechtigkeit ; bald tritt diese , bald jene Vortrefflichkeit mehr und deutlicher hervor , und die Aufgabe ist , an diesen Zeichen die Zeit zu erkennen . « » Gut « , sagte sie , » mögen das die Gelehrten und Denker tun ; unsereins versteht nur das , was ewig wiederkehrt , nie wandelt , weil es selbst der Wandel ist . « » Und das wäre ? « - » Ei nun , jene Schwäche der menschlichen Natur , die auch den rührenden und interessanten Teil unseres Schauspiels bildet ; dieser Weislingen , der so meisterhaft geschildert ist , in welchem sich die menschliche Natur selbst und das eigentliche Wesen der Männer so unvergleichlich präsentiert . « » Sie meinen also - « » Jawohl « , fiel sie schnell ein , » der Weislingen ist der Mann selbst , das heißt , der wirkliche , der interessante , von dem es sich zu sprechen lohnt . Denn was wäre die Welt , wenn alle Männer so bieder , treu , unerschütterlich wären , wie dieser alte Freibeuter , der Berlichingen ? Und was würde in aller Welt das Stück selbst für eine triste Physiognomie haben , wenn Weislingen und Adelheid nicht Leben und Frische hineinbrächten ? Und so war es gewiß immer und zu allen Zeiten . Und Götz selbst ! fällt er nicht fast ohne Ursache von seiner Treue ab , um der Anführer der rebellischen Bauern zu werden ? Dies Gelüst war seine neue Geliebte , die ihn zur Treulosigkeit verführte , und er muß , wie Weislingen , nur seinen eigenen Fehler büßen . Alle Hochachtung vor Tugend und Wahrheit ! aber herrschten sie allein in der Welt , so gäbe es wenigstens keine Poesie . « Leonhard mußte über diese Ketzerei lachen und wußte doch im Augenblick dieser seltsamen Behauptung nichts entgegenzusetzen . » Können Sie mir unrecht geben ? « fuhr sie nach einiger Zeit fort ; » in der römischen Geschichte stehen Antonius und seine Kleopatra ebenso glänzend und unglücklich da , und wo sich mein Auge hinwendet , schon von der Iliade an bis zu unserem Wieland und Clavigo und der Stella , ist immer die weiche , liebe , interessante Verführbarkeit des Mannes der Gegenstand der schönsten Gemälde und anziehendsten Verwicklungen . Jene festen , unerschütterlichen , dem Reiz und der Schönheit unzugänglichen sind eben keine echten Männer , sondern nur Larven und widerwärtige , wenigstens gleichgültige Gespenster . « Leonhard war während dieser Rede nach und nach ernsthaft geworden . » Nicht wahr « , fuhr sie fort , » wer gar nicht , gar nicht wanken könnte , den