ein kleiner Theil dessen , was hier überflüssig ausgegeben wird , das edelste Geschöpf erhalten hätte . Dunkel schwebte mir dabei vor , daß ich doch meinem Vater nicht einmal würde nützen können , und diese Gefühle brachten mich dahin , das Ende meines Lebens zu suchen . Können Sie nun die Stimmung begreifen , die mich dazu trieb , den Streit mit Ihnen zu beginnen ? St. Julien drückte seine Hand , und der junge Graf fuhr fort : Ich war nicht so verstockt , daß ich nicht dennoch mein Unrecht empfunden hätte ; ich war entzweit mit mir selbst ; ich entzog mich den Blicken aller Menschen und schweifte auf den Bergen umher , um in der Einsamkeit das Gleichgewicht wieder zu finden , das meine Seele verloren hatte ; die Stürme meines Busens wurden gekühlt , eine edlere Trauer ruhte mir im Herzen , und ich beschloß schon auf meinem einsamen Spaziergange , mich näher gegen Sie zu erklären . Mit solchen Empfindungen kehre ich zurück und finde hier , begreifen Sie mein staunendes Entzücken , die Freundin meines Herzens mit allen Zeichen des Wohlstandes umgeben , blühender , schöner , als ich sie jemals kannte . Ihr leuchtendes Auge goß den Strahl des Friedens in meine Seele , von ihren Purpurlippen erfuhr ich , wie sie und ihr Vater schon am Rande des entsetzlichsten Abgrundes gestanden hatten ; hier vernahm ich , welche Hand sie erhalten , daß mein Oheim wie ein edelfühlender Mensch ihr Leid getheilt , wie ein milder Engel sie darin getröstet und wie ein helfender Gott sie mit starkem Arm daraus errettet hatte . Ich vernahm , mit welcher schonenden Großmuth meine gütige Tante das Werk ihres Gemahls vollendete ; wie ihr edler , gebildeter Geist alle schönen Keime zu entwickeln strebt , die in Theresens Seele ruhen ; ich erfuhr , wie dieß himmlische Geschöpf hier nur Liebe und Freundschaft umgegeben , und sie heben und tragen auf den Wegen des Lebens . Liebe , Bewunderung , Entzücken durchbebten mein Herz , aber zugleich die brennende Scham über die verächtlichen Gründe , die mich dazu gebracht hatten , mich diesen Menschen feindlich gegenüber zu stellen . Ich konnte mich nicht mehr beherrschen , ich wäre zu Theresens Füßen gesunken und hätte allen meinen Empfindungen Worte gegeben , wenn nicht meine Tante das holde Geschöpf in demselben Augenblicke von meiner Seite genommen hätte . Und nun , mein theurer Freund , sagte St. Julien , werden Sie doch gewiß schon den Entschluß gefaßt haben , sich mit Offenheit an Ihren Oheim zu wenden , und werden eben so , wie ich , überzeugt sein , daß Sie einen väterlich helfenden Freund an ihm finden werden ? Es kann nicht sein , sagte der junge Graf , daß mein Oheim das Vermögen besitzt , welches zum Theil meinem Vater zukäme ; sein edler Charakter würde ihn sonst längst bestimmt haben , Gerechtigkeit zu üben , und mein Vater schwebt gewiß darüber , wie über vieles Andere , im Irrthume ; aber es sei , wie es will , ich werde mit meinem Oheim über Alles sprechen , und wenigstens zwischen uns soll ein reines Verhältniß stattfinden . St. Julien konnte den Entschluß des jungen Grafen nur loben und erinnerte ihn nun daran , daß sie schon lange aus dem Gesellschaftssaale entfernt wären und dieß leicht auffallen könnte . In der That hatte der Graf die Abwesenheit der beiden jungen Männer bemerkt , die ihm bei der feindlichen Stellung , die sie gegen einander annahmen , mancherlei Besorgnisse erregte ; um so größer war also seine Verwunderung , als sie Arm in Arm eintraten , und ihre Blicke wie ihre ganze Haltung zeigten , daß auf ein Mal eine innige Vertraulichkeit an die Stelle feindseliger Kälte getreten war . Der junge Graf näherte sich seiner schönen Freundin von Neuem und fragte mit schmeichelnden Blicken : Darf ich nicht wissen , was meine Tante Ihnen sagte , als sie vorhin unsere Unterredung störte ? Warum sollte ich Ihnen das nicht mittheilen dürfen , antwortete Therese , indem sie die großen , dunkeln Augen mit dem Ausdrucke der reinsten Unschuld zu ihrem Freunde erhob ; die Gräfin sagte mir : Ich werde gewiß , mein liebes Kind , Dich nicht mit unzeitiger Zudringlichkeit stören , wenn wir unter uns sind und lauter wohlwollende Menschen Dich umgeben ; dann kannst Du ohne Rückhalt Deinem Freunde alles mittheilen , was ihm wichtig scheint , aber hier , jetzt unter so vielen fremden Menschen , ist es besser , wenn Du keine so langen und angelegentlichen Unterredungen mit ihm führst . Und Sie wünschen den Rath meiner Tante zu befolgen ? fragte lächelnd der Graf . Wenn es Sie nicht kränkt , wünsche ich es wohl , erwiederte Therese aufrichtig , denn die Gräfin behandelt mich so mütterlich , ihr Rath ist so wohl gemeint , daß ich ungern davon abweichen möchte . Da wir denn nicht viel mit einander sprechen dürfen , sagte der junge Graf , so werden Sie es mir doch gewiß nicht abschlagen , mit mir zu tanzen ? O gewiß nicht , rief Therese , ich habe mich schon lange darüber gewundert , daß Sie ganz weggegangen waren und nicht einmal Lust bezeigten , mit mir zu tanzen . Und dahin schwebten Beide durch den Saal zum größten Erstaunen des Grafen , der die Verwandlung seines finstern Vetters gar nicht begreifen konnte und doch auch sich nicht aufklären mochte , weil er eine lange vertrauliche Unterredung mit St. Julien in dieser gemischten Gesellschaft nicht suchen wollte . So war unter Tanz , Spiel und heitern Gesprächen ein großer Theil der Nacht verschwunden , und die Gesellschaft begab sich nach dem Speisesaale zur Abendtafel . Die geschmackvolle Verzierung der Tafel , die glänzende Beleuchtung , machten dem Haushofmeister eben so viel Ehre , als die Fülle der auserlesenen Speisen und Getränke . Die feurigen Weine erhöhten die Heiterkeit der Gäste , und auch die ,