wollte in diesem Augenblick weder ein herzliches Wort von den Lippen noch eine Phrase glücken . Um nun sämtlicher Gesellschaft aus der Verlegenheit zu helfen , begann der Arzt eine Vergleichung beider Gestalten . Der Vater sei etwas größer , hieß es , und deshalb der Rock etwas zu lang ; dieser sei etwas breiter , deshalb der Rock über die Schulter zu eng . Beide Mißverhältnisse gaben dieser Maskerade ein komisches Ansehen . Durch diese Einzelnheiten jedoch kam man über das Bedenkliche des Augenblicks hinaus . Für Hilarien freilich blieb die Ähnlichkeit des jugendlichen Vaterbildes mit der frischen Lebensgegenwart des Sohnes unheimlich , ja bedrängend . Nun aber wünschten wir wohl den nächsten Zeitverlauf von einer zarten Frauenhand umständlich geschildert zu sehen , da wir nach eigener Art und Weise uns nur mit dem Allgemeinsten befassen dürfen . Hier muß denn nun von dem Einfluß der Dichtkunst abermals die Rede sein . Ein gewisses Talent konnte man unserm Flavio nicht absprechen , es bedurfte jedoch nur zu sehr eines leidenschaftlich-sinnlichen Anlasses , wenn etwas Vorzügliches gelingen sollte ; deswegen denn auch fast alle Gedichte , jener unwiderstehlichen Frau gewidmet , höchst eindringend und lobenswert erschienen und nun , einer gegenwärtigen , höchst liebenswürdigen Schönen mit enthusiastischem Ausdruck vorgelesen , nicht geringe Wirkung hervorbringen mußten . Ein Frauenzimmer , das eine andere leidenschaftlich geliebt sieht , bequemt sich gern zu der Rolle einer Vertrauten ; sie hegt ein heimlich , kaum bewußtes Gefühl , daß es nicht unangenehm sein müßte , sich an die Stelle der Angebeteten leise gehoben zu sehen . Auch ging die Unterhaltung immer mehr und mehr ins Bedeutende . Wechselgedichte , wie sie der Liebende gern verfaßt , weil er sich von seiner Schönen , wenn auch nur bescheiden , halb und halb kann erwidern lassen , was er wünscht und was er aus ihrem schönen Munde zu hören kaum erwarten dürfte . Dergleichen wurden mit Hilarien auch wechselsweise gelesen , und zwar , da es nur aus der einen Handschrift geschah , in welche man beiderseits , um zu rechter Zeit einzufallen , hineinschauen und zu diesem Zweck jedes das Bändchen anfassen mußte , so fand sich , daß man , nahe sitzend , nach und nach Person an Person , Hand an Hand immer näher rückte und die Gelenke sich ganz natürlich zuletzt im verborgnen berührten . Aber bei diesen schönen Verhältnissen , unter solchen daraus entspringenden allerliebsten Annehmlichkeiten fühlte Flavio eine schmerzliche Sorge , die er schlecht verbarg und immerfort nach der Ankunft seines Vaters sich sehnend , zu bemerken gab , daß er diesem das Wichtigste zu vertrauen habe . Dieses Geheimnis indes wäre , bei einigem Nachdenken , nicht schwer zu erraten gewesen . Jene reizende Frau mochte in einem bewegten , von dem zudringlichen Jüngling hervorgerufnen Momente den Unglücklichen entschieden abgewiesen und die bisher hartnäckig behauptete Hoffnung aufgehoben und zerstört haben . Eine Szene , wie dies zugegangen , wagten wir nicht zu schildern , aus Furcht hier möchte uns die jugendliche Glut ermangeln . Genug , er war so wenig bei sich selbst , daß er sich eiligst aus der Garnison ohne Urlaub entfernte und , um seinen Vater aufzusuchen , durch Nacht , Sturm und Regen nach dem Landgut seiner Tante verzweifelnd zu gelangen trachtete , wie wir ihn auch vor kurzem haben ankommen sehen . Die Folgen eines solchen Schrittes fielen ihm nun bei Rückkehr nüchterner Gedanken lebhaft auf , und er wußte , da der Vater immer länger ausblieb und er die einzige mögliche Vermittlung entbehren sollte , sich weder zu fassen noch zu retten . Wie erstaunt und betroffen war er deshalb , als ihm ein Brief seines Obristen eingehändigt wurde , dessen bekanntes Siegel er mit Zaudern und Bangigkeit auflöste , der aber nach den freundlichsten Worten damit endigte , daß der ihm erteilte Urlaub noch um einen Monat sollte verlängert werden . So unerklärlich nun auch diese Gunst schien , so ward er doch dadurch von einer Last befreit , die sein Gemüt fast ängstlicher als die verschmähte Liebe selbst zu drücken begann . Er fühlte nun ganz das Glück , bei seinen liebenswürdigen Verwandten so wohl aufgehoben zu sein ; er durfte sich der Gegenwart Hilariens erfreuen und war nach kurzem in allen seinen angenehm-geselligen Eigenschaften wiederhergestellt , die ihn der schönen Witwe selbst sowohl als ihrer Umgebung auf eine Zeitlang notwendig gemacht hatten und nur durch eine peremtorische Forderung ihrer Hand für immer verfinstert worden . In solcher Stimmung konnte man die Ankunft des Vaters gar wohl erwarten , auch wurden sie durch eintretende Naturereignisse zu einer tätigen Lebensweise aufgeregt . Das anhaltende Regenwetter , das sie bisher in dem Schloß zusammenhielt , hatte überall , in großen Wassermassen niedergehend , Fluß um Fluß angeschwellt ; es waren Dämme gebrochen , und die Gegend unter dem Schlosse lag als ein blanker See , aus welchem die Dorfschaften , Meierhöfe , größere und kleinere Besitztümer , zwar auf Hügeln gelegen , doch immer nur inselartig hervorschauten . Auf solche zwar seltene , aber denkbare Fälle war man eingerichtet ; die Hausfrau befahl , und die Diener führten aus . Nach der ersten allgemeinsten Beihülfe ward Brot gebacken , Stiere wurden geschlachtet , Fischerkähne fuhren hin und her , Hülfe und Vorsorge nach allen Enden hin verbreitend . Alles fügte sich schön und gut , das freundlich Gegebene ward freudig und dankbar aufgenommen , nur an einem Orte wollte man den austeilenden Gemeindevorstehern nicht trauen ; Flavio übernahm das Geschäft und fuhr mit einem wohlbeladenen Kahn eilig und glücklich zur Stelle . Das einfache Geschäft , einfach behandelt , gelang zum besten ; auch entledigte sich , weiterfahrend , unser Jüngling eines Auftrags , den ihm Hilarie beim Scheiden gegeben . Gerade in den Zeitpunkt dieser Unglückstage war die Niederkunft einer Frau gefallen , für die sich das schöne Kind besonders interessierte . Flavio fand die Wöchnerin und brachte allgemeinen und diesen besondern Dank mit nach Hause . Dabei konnte es nun an