ihm regte sich die Vergangenheit lebendiger bei ihrem Anblick . Liebes Kind , sagte er in großer Rührung , glaube es nur , der rechte Mensch in uns altert nie ! Was Dich bewegt , das zittert noch durch meine ganze Seele . Luise betrachtete ihn lange schweigend . Es war das erstemal , daß sie ihn nach jener Entdeckung wiedersah . Eduard von Mansfeld , sagte sie , an das kleine Miniaturbild und die Schilderung der Markise denkend , wie anders , und doch wieder so ganz derselbe . Was sind denn Zeit und Jahre ; klingt doch die alte Liebe immer wieder aus den Tiefen des Herzens herauf . Alles in ihr zog sie von da zu dem geliebten Verwandten , der sie gern aufsuchte und mit Liebe in ihren thätigen , beglückenden , Beruf eingriff . Und wenn das fromme Tagewerk nun vollendet war , so saßen sie die Abende vertraut bei einander , und keiner scheuete , in sich zurückzublicken , und die geheimsten Gedanken auszusprechen . Eduard erzählte oft von seinen Reisen , seinem langen Aufenthalte in Aegypten , und wie ihm dort Violas Tod so gewiß geworden sei , daß er nie mehr daran gezweifelt habe . Ein Eid , sagte er , den Violas Eltern ihn abgedrungen , sich nur in höchst entscheidenden Momenten , wo es das Leben des Einen oder Andern gelte , als Vater des Kindes zu erkennen zu geben , habe ihn immer von Fernando entfernt gehalten . Aber , fuhr er fort , des Menschen Vorsicht ist eitel , der Himmel macht sie meist zu Schanden . Wie lebendig , hub er nach einer Weile auf ' s neue an , steht hier immer die Jugendzeit meiner Liebe vor mir ! Es ist Violas Geist , der so wunderlich , so bunt und ernst in dem Schmuck und Zierrath der Zimmer lebt . Es ist , als sähe sie aus den übrigen dunklen Umgebungen , wie aus dem Grabe , nach mir hin . Er redete noch viel von ihr , und seine junge Freundinnen hörten ihm theilnehmend zu , als ein heftiger Knall im Zimmer sie alle aufschreckte . Wie sie sich umsahen , nahmen sie einen großen Riß in der Tapete wahr , die , an zwei Stellen geplatzt , sich weit auseinander rollte . Minchen trat mit einem Lichte näher . Seht doch ! rief sie , wie seltsam ! Sie fanden ein hohes , schwarzes Cruzifix , das in die Wand eingelassen war . Daneben sah man auf hölzernen Feldern Heiligen- und Märtyrerbilder , im ältesten Styl gemalt . Bei genauer Besichtigung entdeckten sie unterhalb einen kleinen eingemauerten Schrein , dessen Thüren sich leicht aufschieben ließen . Hier lag , neben Weihgefäßen und einem Rosenkranz , ein kleines Büchelchen , mit silbernen Nesteln zugehakt . Luise öffnete es zuerst . Unter Gebeten und Sprüchen , fiel ihr auf der innern Seite des Deckels eine feine Handschrift auf , die so lautete : » Hier hab ich Gott all mein Herze gesagt und Trost erfunden in mancher Stund . Doch ist des Leides kein End ' , denn der Herr mag nicht wehren das Böse , bis es selbst versöhnt die eignen Schulden . Aber eine Zeit wird kommen , davon ist gesagt , daß ein frommes Auge mit heißen Thränen Aller Schuld abwaschen und Buße an Leib und Seele üben werde . Dann soll die Lust und die Ehre aus diesen Mauern ausziehn , und der Name Falkenstein verhallen , und Friede sein und Ruhe in den Gräbern . Denn der Herr zählet die Seufzer und Thränen , und giebt den Seinen was ihnen werden muß . - Gertrud von Falkenstein . « Das ist der Name der Ahnfrau , sagte der Mönch , der unter dem steinernem Bilde in Kloster eingegraben ist . Luise heftete ihre Augen noch immer auf die vor ihr liegenden Worte . Niemand sagte weiter etwas . Jeder war mit eigenen Gedanken beschäftigt , bei dem Anblick des Cruzifixes und seiner Ausschmückungen , die fast gewaltsam aus der alten Welt hervordrangen . In Luisen besonders bildeten sich längst gehegte Vorstellungen noch fester aus . Schon lange waren ihre Traumgesichte seltner und milder geworden . Die verschleierte Gestalt zeigte ihr meist ihr Gesicht , das unendlich wehmüthig und hold auf sie blickte . Alles deutete ihr die nahe Versöhnung . Der Krieg war indeß fast in ganz Deutschland ausgebrochen , und trieb Luisen viel Unglückliche zu , die ihre Aufmerksamkeit mehr als jemals in Anspruch nahmen . Unter den gehäuften Beschäftigungen hörte sie dennoch theilnehmend , daß Stein mit den Kämpfenden war , und sich mit allem neu erwachtem Lebensmuth auszeichnete . Trotz der allgemeinen Unruhen blieb ihre Einsamkeit von Störungen verschont . Sie mußte ihr stilles Loos seegnen , das ihr so glücklich den Schutz der Bedrängten gewährte , ohne sie in den wilden Wirbel mit hinein zu ziehn . Der Mönch hingegen , ward lebhafter durch die nächste Ereignisse angesprochen . Fernando war auf ' s neue in seiner Nähe . Er wünschte und fürchtete ihn zu sehn . Als darauf aber der Friede geschlossen war , und der siegreiche Feind dennoch weilte , hoffte er mit wachsender Sehnsucht auf die letzte Umarmung seines Sohnes . Luise blieb sehr entfernt von ähnlichen Gedanken . Seit der Krieg ihr jedes Mittel , von den Obristen Nachricht zu erhalten , abschnitt , bekümmerte sie sich wenig mehr um Dinge , die außer ihrem Kreise lagen . Sie fragte nicht , und erfuhr daher auch selten , was Tausende unruhig beschäftigte . Als sie eines Tages ihre Kranken besuchte , und einem schönen , eben genesenden , Knaben liebkosete , und ihm allerlei Spielwerk mitbrachte , bat sie dieser , mit ihm in Garten zu gehn , wo so viel schöne Blumen blüheten . Es war ein warmer Maitag , und sie mochte ihm wohl den Gefallen thun . Das Kind war aber noch matt , und konnte nicht weit gehn