! Olga Wäsämskoi war es , die eben mit der so freundlich ihr zuredenden und wie wir wol bemerken werden , mit Absicht sie erheiternden Anna von Harder auf den kleinen Rasenhügel stieg , wo jenes Schirmdach stand , unter welchem man im heißen Sommer einigen Schutz vor den Sonnenstrahlen fand . Olga hatte sich zur vollkommnen Jungfrau entwickelt . Zwar nur klein waren alle ihre Formen geblieben , doch zeugten sie von vollendeter Reife ; der Bau ihrer Schultern war kraftvoll , der Nacken sicher , das Antlitz von einer Bestimmtheit , die leider , um noch kindlich erscheinen zu können , zu sehr vom auffallendsten Ernste beherrscht war . Die Haut zart , von jenem braungelben Schimmer , wie das Inkarnat des Südens . Die Augen noch schwärzer beschattet als im vorigen Jahre . Die Hüften wölbten sich im schwarzen , sehr langen Atlaskleide , in der Sonne glänzend , von der nicht sehr engen Taille ab . Sie bot das Bild einer südlichen Schönheit , die von unsrer nordischen wespenartigen Grazie kein Merkmal hat . In dichten Flechten war das schwarze Haar im Nacken festgebunden ohne Gefallsucht . Ihr ganzes Wesen schien innerlich und nur zu sehr vergeistigt , nur zu sehr der Wirklichkeit entrückt , von der man nicht wußte , verachtete oder bemerkte sie sie nur nicht . Das Wesen Olga ' s seit ihrer Rückkehr von Wien , bis wohin ihr Rudhard im Frühjahr entgegengereist war , hatte sich als das seltsamste von der Welt angekündigt . Ihren Briefen zufolge hätte man die lebhafteste Empfänglichkeit für alle ihre Umgebungen , ein gewisses Aufthauen aus ihrer früheren oft eisigen Lethargie , eine große Lust der Mittheilung erwarten sollen . Von dem Allen fand sich nichts . Olga war nicht nur ganz in ihre frühere träumerische Art zurückgesunken , sie war viel weiter zurückgegangen , sie zeigte einen apathischen Zustand , der an Starrheit grenzte . Sie war krank , nervenkrank . Sie litt an sich selbst , ohne sich in ihrem Schmerze äußern zu können . Sie bot einen erschreckenden Anblick . Schön , fesselnd , träumerisch , in jeder Beziehung ein weibliches Ideal , entsetzte an ihr eine tödtliche Kälte , die fast wie ein Krampf , wie eine Starrsucht zu nehmen war . Rudhard brachte sie so von Wien zurück . Sie hatte die abenteuerlichste Fahrt von Rom aus gehabt und Rudhard deutete an , daß ihr Zustand mit Erlebnissen zusammenhing , die er verschwieg . Er hätte von Siegbert die einzige günstige Einwirkung auf die in solchem Zustand Wiedergewonnene hoffen müssen . Aber Siegbert Wildungen war bald nach der Flucht seines Bruders durch geheime Warnungen , denen er Glauben schenken durfte , veranlaßt worden , sich von der Hauptstadt und ganz aus dem Lande zu entfernen . Er war erst mit Otto von Dystra nach dem Schlosse Buchau , an die im äußersten Westen Deutschlands liegende Tempelsteiner Ruine gereist , die in voller Wiederherstellung begriffen war . Dann hatte sich Siegbert zu Louis Armand nach Belgien begeben . Beide lebten in Antwerpen , wo sich Siegbert mit erneutem Eifer auf seine Kunst warf und zu gleicher Zeit für die Zwecke des Bundes so wirkte , wie ihm sein Bruder Dankmar die briefliche Anleitung gab . Als Dystra zurückkehrte , fand er zwar Olga , aber nicht mehr Rudhard . Dieser hatte sich , da die Fürstin Wäsämskoi nicht im Stande war , sich irgendwie mit ihrer Tochter zu verständigen , entschließen müssen , sie und die jüngeren Kinder gleichfalls nach Westen zu begleiten , zum großen Ärgerniß der Welt , die , wir wissen noch nicht , mit welchem Rechte , behauptete , Siegbert Wildungen wäre die Veranlassung dieser Reise . Aber Anna von Harder hatte den Einfluß , den ihr die Fürstin auf sich zugestand , selbst dahin benutzt , ihr diese Reise anzurathen , ihr sogar Paris als künftigen Aufenthaltsort umsomehr vorzuschlagen , als die Gräfin d ' Azimont wieder aus Italien zurück war , in Paris lebte und es sich ihrem versöhnlichen Herzen als eine Möglichkeit einschmeichelte , diese Schwestern würden sich eher versöhnen , als es ihr mit der ihrigen , Paulinen , möglich war . Und Olga hatte sie für sich behalten . Jetzt vollends , wo Olga Liebe , Schonung , Pflege verlangte ! Olga war von einer Reizbarkeit der Nerven , die die Mutter nimmermehr würde geschont haben . Adele war ergebener geworden , beruhigter durch Anna ; sie hatte sich den jüngern Kindern angeschlossen , aber vom Herzen kam ihr der pflegende Muttertrieb nicht . Wie hätte sie Geduld gehabt mit Olga , die jetzt Geduld bedurfte ! Im Laufe des Sommers kehrte Dystra , der in seiner Gewissenspflicht , Olga zur Gattin zu wählen , von dem sich beherrschenden Siegbert nicht gehindert wurde , vom Tempelstein , der im großartigsten Style hergestellt wurde , nach der Residenz zurück und sah nun Olga zuweilen . Er hatte von ihrem so plötzlich verwandelten Wesen gehört . Als er sie in Tempelheide zuerst begrüßte und von ihr mit der Geringschätzung , die er voraussetzen konnte , behandelt wurde , erschrak er , sie in einem Grade abstoßend zu finden , der ihn gleich zu der Bemerkung veranlaßte : Das hat sich gut getroffen ! Ein Wesen dieser Art mußte in eine Anstalt kommen , wo man wilde Thiere bändigt ! ... Er begriff nicht , wie von diesem Mädchen jene Briefe hatten herrühren können , die ihn so fesselten . Er hatte noch auf der Reise nach dem Tempelstein zu Siegbert gesagt : Wildungen , wir führen zusammen einen psychologischen Konflikt auf , an dem mir nur störend ist , daß er zu sehr an die Gefühlswelt des achtzehnten Jahrhunderts erinnert ! Sie wissen , ich halt ' es mit dem neunzehnten und erlebe auch noch die zeitgemäße Ummodelung , daß Sie von Olga vergessen werden oder daß Sie sie selbst vergessen ! ... Nun aber Olga wirklich sehend , fand er es auch unmöglich ,