Religion des Bruchs mit aller Religion etwa ausgenommen , und was wir von Verbesserung unserer kirchlichen Zustände gewinnen können , wird immer nur die Folge gelegentlicher Veranlassungen sein ... Selbst zu Luther ' s Zeiten war es nicht anders ... Deutschland hatte sich damals in seiner Reichsverfassung überlebt , die Fürsten waren zu mächtig geworden und suchten sich zu kräftigen durch alles , was schwach und leicht zu erobern war ; sie rissen die geistlichen Güter an sich und so zerfiel der Zusammenhang mit Rom von selbst ... Aehnliche Umwälzungen werden auch wir wieder erleben und aus Benno ' s traurigen Verirrungen erseh ' ich wenigstens eine schöne und große Hoffnung ... ... Was er von Italien schreibt , der arme Verlorene , ist herrlich ... In der Geschichte straucheln die Bewegungen der Massen und Interessen über einen Strohhalm und ich juble im Geiste dem neuen Tag entgegen , wenn Italien dem Papstthum selbst den Schemel unter den Füßen wegzieht ... « Wie erschrak Armgart ! ... » Traurige Verirrungen ? « ... » Der arme Verlorene ? « ... Schon flossen ihre Thränen ... Sie schrieb an Bekannte in Paris , ihr von einer gewissen Herzogin von Amarillas zu berichten ... Am Tage darauf kam wieder ein Brief aus Kocher am Fall ... Der Dechant , wie aus Reue , die Mutter bei Armgart angeklagt zu haben , schickte ihr auch eine eben erhaltene Antwort der Mutter auf seinen Brief ... Die Mutter hatte dem Dechanten geschrieben , daß sie sonst immer so gedacht hätte , wie er , und mit Hedemann und Erdmuthe hätte sie in gleicher Weise gestritten ... Indessen wäre der Vorwurf , daß die Gegner Roms ohne ein religiöses Bedürfniß überhaupt wären , zu empfindlich für die Sache der geistigen Freiheit geworden und deshalb hätten ihre Angehörigen den Beweis liefern müssen , daß sie dem gemeinschaftlichen Urquell des Lichtes näher stünden , als ihre Feinde ... » Ich erkannte « , las Armgart , » daß die Verneinung nur auf der Schärfe eines Messers geht und dabei keinen Schritt vor dem Ausgleiten sicher ist ... Das erkannt ' ich , als ich in unsrer kleinen Gemeinde , die eines Tages ohne Lehrer war , reden wollte ... Man kann nicht reden , wenn nicht aus der reichsten Fülle des Stoffs ... Jede andre Belebung zum Sprechen ist todt und hülflos ... Hier einen Satz zugeben , dort einen wegnehmen , da halb , da beinahe halb dies oder jenes wollen oder sagen , das erzeugt vielleicht das Feuerwerk eines feinen und ironischen Kopfes , aber es leuchtet nur eine Weile und verpufft ... Nun sah ich , warum unser herrlicher Hedemann immer und immer sprechen kann ... Einfach ist seine Rede , aber sie hat die Fülle der Beredsamkeit und erwärmt ... Warum ? Ich mußte mir sagen : Aus dem Vollen nur kann ein lebendiger Glaube kommen und sich auch im Aussprechen lebendig bewähren ! ... Glaube ist nicht die blinde Annahme des Übernatürlichen , sondern Versenkung in die ganze Erscheinung einer Sache ... Das Evangelium wird dem Glaubenden wie ein Freund , auf den man schwört , weil man ihn in einer großen Probe einmal erkannt hat ... Die Ueberzeugung , daß die Bewährung im Einen da ist , erleichtert das Vertrauen dann auch auf die Bewährung im Andern ... So versenkt ' ich mich in die Schrift und die beiden Hauptgegenstände ihrer Verherrlichung , in Gott und seinen Sohn ... Mehr braucht die Religion der Menschheit nicht ... Diese beiden großen Bilder haben so tausendfache zarte Pinselstriche , daß sie jede andere Weisheit überflüssig machen ... Nicht daß ich Wissenschaft und Kunst zurückwiese und wie Omar alle Bücher verbrennen wollte , wenn nur die Bibel bleibt ; aber ein ganzes volles Leben und ein Leben der Gemeinsamkeit zwischen vornehm und gering , zwischen gelehrt und arm an Geist ist nur durch die Schrift möglich ... Und dieses gemeinsame Feld ist nicht etwa eng und das Ergehen auf ihm bald ermüdend ; im Gegentheil , ich entdeckte einen Schatz nach dem andern , als ich die Bücher noch einmal zu lesen begann , die ich früher als eine Quelle der Verdunkelung des Verstandes geflohen war ... Ich finde die höchste Weisheit in dem , was uns belohnt für das Gebot des Apostels : Forschet in der Schrift ! ... Das menschliche Herz will nun einmal Liebe und Liebe muß fühlen und Gebet ist Erhöhung des Gefühls , Sammlung zum Aufblick . Worauf ? Auf das Bessere und die Besseren ... Die große Zahl von Besseren , die die Katholiken als Heilige verehren , sind die zu üppige Erweiterung eines Gefühls , das an sich ganz richtig ist ... Die Liebe gestaltet alles persönlich und das ist denn der persönliche Gott , der lebendige , der unmittelbar auf uns wirkende , der Gott der Offenbarung ... Mein Glaube sieht im persönlichen Gott keine irdische Gestalt , sie zieht das Unaussprechliche und Unbegreifliche nicht in die Sprache der Dichter und Propheten herab ; für mich und für die , die fühlen wie ich , ist der persönliche Gott die Wirkung seines Vorhandenseins in uns ; seine größte Offenbarung war die in jenem , der den Muth hatte , sich deshalb auch geradezu Gottes Sohn zu nennen ... Nehmen Sie nur einmal wieder die Evangelien in die Hand , mein theurer Freund , und nicht Ihren Horaz und Virgil ! Wischen Sie weg , was auf diese ehernen Tafeln der Witz , der menschliche Spott und selbst die gelehrte Kritik geschrieben haben , und sehen Sie dann , was übrig bleibt ... Von dem Tage an , wo ich priesterlich fühlte - und jeder Religionsstifter muß priesterlich fühlen , keine Religion macht sich am Theetisch - von dem Tage an ist mir die Erscheinung unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi aufgegangen wie die meines besten Freundes ... Ich wandle mit ihm am See Tiberias , ich spreche mit ihm bei seinem Freunde Lazarus vor , ich