Harder wandte sich und sah zu den Schallöffnungen , die den Wind zum Musiker machen , noch einmal stehenbleibend empor ... Ja ! Ja ! Ich kenne den Zauber dieser stillen Warte , sagte sie zu dem jungen Mädchen . Wie gern hab ' ich auch sonst stundenlang hier geweilt und beim Erwachen der Abendwinde , die meist mit dem Untergang der Sonne eine Weile lebendiger wehen , bis gleichsam die Sterne Kraft gewinnen und wieder Ruhe auf der Erde gebieten , wie oft hab ' ich da den Tönen gelauscht , in denen die Luft hier zu uns spricht ! Ich wußte freilich , es ist das Alles nur künstlich hervorgerufen , es kommt nicht von selbst , eine menschliche Vorrichtung eroberte sich diesen Gruß der Winde . Und doch ist der Ton als solcher so selbständig , als Gewordenes doch so ein Ureignes , so ein von Menschenhänden gar nicht zu schaffendes Geschaffenes . Wir können das Licht absperren , ab- und zulassen , anzünden , auslöschen , aber wir können das Licht selbst nicht machen . Kein Seifensieder , kein Kerzenzieher erschafft das Licht . Auch den Ton macht kein Instrumentenmacher . Man erobert ihn nur , man fängt ihn ein , man läßt ihn hinaus , man gewinnt ihn sich und Andern . Das blasse junge Mädchen hörte und schwieg . Der Vogel , ein Kranich war ' s , sprang voraus mit seinen wunderlich tanzenden Sprüngen . Ach , sagte Anna , des Mädchens träumerische Empfindungen unterbrechend , wie gut es unser armer Lakai meint ! Der gute Vogel ! Sein Tanzen ist keine angeborne Freude . Großpapa kaufte ihn von einem Vogelabrichter , der das arme Thier zum Tänzer für Jahrmärkte gezogen hatte . Auf einen Fußboden von heißen Blechplatten hatte er das Thierchen , als es jung war , eingesperrt . Entsetzt von der Hitze , die sein an Sümpfe und Moor gewöhnter Fuß nicht verträgt , fing es an zu hüpfen und hüpfte und hüpfte so lange , bis es nicht mehr gehen konnte . Armer Schelm , wie bin ich froh , wenn ich dich vor wirklicher Freude tanzen sehe und nicht an die glühenden Kohlen denken muß , die deinen Schmerz zu einer nur scheinbaren Freude machten ! In die ernsten , fast unbeweglich starren Züge des jungen Mädchens schlich sich bei diesen Worten jetzt ein außerordentlich feines , fast bittres Lächeln . Es war als wollte sie sagen : Das ist die Lustigkeit der Weltbildung , des Zwanges , der Convenienz ! Das sind die Bewegungen des scheinbaren Tanzes , die nur von den brennenden Kohlen unter uns kommen ! Anna verstand dies Lächeln und seine Bedeutung sehr wohl . Sie wollte aber , daß Heiterkeit waltete ... Nein , sagte sie , man soll nicht lügen ! Man kann in der Freude und auch im Schmerze zu unwahr sein ! Ich mache mir Vorwürfe , daß ich viel zu oft unter meinen Windharfen saß und mich zur Sklavin ihrer traurigen Töne machte ! Dann und wann ! Wenn die Seele nicht übervoll , sondern wenn sie leer ist ! Wenn die Alltäglichkeit uns übermannt , das tiefste Leid , die heiligste Pflicht vergessen ist , dann ein solcher Akkord und gleich haben wir uns wieder gefunden ! Ich würde nicht immer in den Büchern über Italien lesen , um mich in Italien heimisch zu fühlen . Ich würde vorziehen , der Gegenwart , der nächsten Umgebung anzugehören und dann und wann plötzlich einen Lichtstreifen , einen solchen goldnen , daß er gleich ganz Rom und alle Seen des Südens uns vorzaubert , über mich fallen lassen . An einen einzigen Lichtstrahl knüpft sich eine ganze Welt ! Ich brauche nur einen gewissen Akkord zu hören und gleich weckt er mir eine ganz bestimmte Empfindung . Ich schlage auf dem Klavier einige Töne in A-Moll an und ich sehe gleich aus den Fluthen und Nebeln ein wunderbares Eiland steigen , das Land meiner Jugend , meines Glückes , meiner seligsten Hoffnungen . Fast glaub ' ich , daß das Übermaß der in diesen Ton gesetzten Rhythmen das Bild verscheucht , den Zauber der Erinnerung abstumpft . Ich bin viel zufriedener mit mir , seit ich Pflichten der Gegenwart habe und meinem stillen Kultus der Trauer um die Vergangenheit nur manchmal lebe . Das junge blasse Mädchen hörte ruhig dem bezüglichen Wort zu und erwiderte den Handdruck , den sie von Anna empfing , die ihren rechten Arm in ihrem linken trug . Sie lächelte ein wenig , als Anna beim Hinausschreiten aus dem Parke , sich umsehend , sagte : Der grillenfängerische Rabe ist uns nicht gefolgt ! Der Schelm trauert , daß man ihm seine Sucht zu stehlen abgewöhnte . Ihm ziemt es , unter den Tannen zu philosophiren . Unser Kranich aber hüpft zum Pavillon . Er weiß , daß wir dort mehr Zerstreuung finden . Sieh , sieh , er ist doch vergnügt der Schelm ! Er wirft kleine Steine in die Luft und fängt sie auf ! Der Herr Balletmeister amüsiren sich , obgleich Sie pensionirt sind ! Ich habe dem Großpapa erst glauben mögen , daß die Thiere der Erziehung fähig sind , als ich sah , daß sie spielen . Gibt es einen redenderen Beweis für eine gewisse Freiheit auch innerhalb der sonst gebundenen Thierseele ? Hunde und Kätzchen spielen , Hasen treiben die tollsten Possen , Goldfische mögen sich langweilen , wie alle Vornehmen , aber Forellen wahrlich nicht ! Forellen tummeln sich . Und was spielen nicht die Vögel ! Auch Pferde spielen und reiben sich mit den Köpfen , selbst wenn sie vor den Häusern der Reichen bis tief in die Nacht frieren müssen und eigentlich ungeduldig und zornig über uns sein sollten . Nein sieh , sieh , Olga ! Sieh den Kranich ! Jetzt wirft er ein Hölzchen empor und duckt sich unter ihm weg , daß es ihn im Fallen nicht trifft ! Du närrischer Patron du