Zeit ihren Blicken ganz entschwunden , sie konnte von ihm über diese betrübende Erfahrung keine Aufklärung erhalten ... Allmählich hörte sie , daß Thiebold in jener trüben Gensdarmenzeit seinerseits in der Heimat sich auch nur mit Mühe von politischem Verdacht über seinen Aufenthalt in Rom hätte reinigen können ... Ueber Benno hörte sie , daß der Präsident für ihn die freie Rückkehr zu erwirken gesucht hätte , aber auch damit nicht durchdrang ... Die Mutter schrieb ihr nach allerlei seltsamen Andeutungen über Benno ' s jetzt immer mehr sich lüftende Herkunft , daß ihr alter Freund undankbar genug gegen diese Verwendungen protestire ; Benno wollte , hätte er aus Paris geschrieben , jetzt ganz nur noch Italiener sein ... » Man weiß ja « , schrieb die Mutter , » wer alles seine Flucht ermöglicht hat ! ... Die dir wol noch bekannte Lucinde Schwarz hat das römische Staatsruder in Händen ! ... Ist die Abenteurerin vielleicht einer Regung von Dankbarkeit für die Familie gefolgt , die ihr und dem Doctor Abaddon , Herrn Oberprocurator Nück , das Zuchthaus ersparte ? ... Wie solche und ähnliche Menschen Rom nach Gutdünken regieren , ersieht man ja aus Bonaventura ' s Laufbahn ... Trotz des Staatsverbrechens seines Anverwandten Benno , trotz der gegen ihn erhobenen Anklage über seine Antecedentien als Magnetiseur , trotz seiner an und für sich höchst achtbaren Unterstützung der waldensischen Bewegungen Italiens ist er nach einem kurzen Aufenthalt in der ewigen Stadt als Erzbischof in die Thäler seiner neuen Heimat zurückgekehrt , nachdem er vorher Lucinden in der Kirche der Heiligen Apostel in Rom mit einem päpstlichen Gardisten getraut hat ... Freilich soll die in Paris verweilende Fürstin Olympia Rucca , die Beherrscherin des Kirchenstaats , alles möglich machen - - « Hier brach der Brief mit räthselhaften Gedankenstrichen ab ... Centnerschwer wälzten sie sich auf Armgart ' s vereinsamtes Herz ... Es folgten dann in dem verbitterten , im Ton höchster Reizbarkeit geschriebenen Briefe noch Scherze über den Onkel Levinus , der in allen Bibliotheken nachschlüge , um eine klare Vorstellung über das alte Cuneum , jetzt Cuneo oder Coni , zu gewinnen - Tante Benigna vergliche die Ehrfurcht , die hier zu Lande vor dem entthronten Kirchenfürsten geherrscht hätte , die Trauer über seinen nach seiner Freisprechung bald erfolgten Tod , die Festlichkeiten der Inthronisation seines Nachfolgers mit dem Bilde der Festlichkeiten in Coni , zu denen wol Paula nun persönlich erscheinen würde - Paula ' s Gatte hätte vor seiner Abreise seine Besitzantretung vollständig geordnet , hätte die Verträge mit den Agnaten abgeschlossen , hätte das voraussichtliche Erlöschen seines Stammes mit dem Präsidenten von Wittekind , dem nächsten Erben , zum Gegenstand gerichtlicher Punktationen gemacht - und da dann auch der Präsident ohne Kinder wäre , so wäre manche geheimnißvolle Seite aus dem Lebensbuch des verstorbenen Kronsyndikus , des Tyrannen , jetzt zur offenen Kunde gelangt - Noch läge ihr zwar nicht offen , warum in letzter Instanz das ausschließliche Erbrecht Bonaventura ' s durch eine anderweitige Beziehung gemodelt werden könnte - aber man spräche jetzt allgemein , durch Hülfe des kanonischen Rechts könnte selbst Benno noch vor Bonaventura die Vorhand gewinnen - Nicht unmöglich , schrieb die Mutter , daß eine in Rom , jetzt in Paris lebende Herzogin von Amarillas , eine ehemalige Sängerin aus Kassels westfälischer Zeit , mit dem Kronsyndikus eine geheime Ehe geschlossen hat und Benno ihren Sohn nennen darf - ! ... Benno Sohn des Kronsyndikus ! ... Ueber alle diese so räthselhaften und ganz nur abgerissen mitgetheilten und mit religiösen Betrachtungen schließenden Dunkelheiten durfte Armgart wol in eine Aufregung gerathen , die sie der Mutter kaum schildern konnte ... Sie sah Benno in Rom - in Paris - in den Armen einer Mutter , die eine Herzogin war - eine Fürstin hatte ihn gerettet - Lucinde war eine Gräfin Sarzana geworden - ! ... Noch flossen ihre Thränen nicht ; noch glaubte sie an den Sieg des Guten und Edeln ; noch standen nur lichtverklärte Bilder vor ihren Augen ... War nicht das Höchste möglich - : Graf Hugo führte Paula nach Coni zum Freund ihrer Seele ! ... Sie sah noch ihre magisch seraphische Welt , ihre in den Wolken schwebenden Rosenkränze , ihre großen Thaten der Entsagung und der opfernden Liebe ... Aber schon die Vorstellung : Benno ein Sohn des Kronsyndikus ! - das war ja ein Bild wie aus der Welt des Teufels , an die jetzt auch die Mutter nach ihren religiösen Ausdrücken zu glauben schien ... Der Onkel Dechant , den Armgart ' s reife und inhaltreiche Briefe besonders zu erfreuen schienen , schrieb ihr : » Nun hat deine sonst so treffliche Mutter gar den Standpunkt einer bloßen Vernunftopposition gegen den Katholicismus verlassen ! ... Der der deutschkatholischen Bewegung gemachte Vorwurf , es läge ihr ja kein Bedürfniß nach Religion , am wenigsten nach dem Christenthum , zu Grunde , bestimmt sie , sich dem Einfluß unterzuordnen , den Hedemann um so mehr auf sie ausübt , als die freudige Geduld und werkthätige Liebe , mit der dieser Treueste sich seinem Beruf widmet , allerdings jeden , der sein Leiden , den schmerzlichen Hinblick auf die junge Frau sieht , die sich so innig ihm anschloß , ergreifen und rühren muß ... Aber eine Monika verirrt sich in die trübe Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben ! ... Ich mußte deiner Mutter schreiben : Durch den Grundverderb unserer Kirche , den auch ich in unsern Ehegesetzen finde , sind Sie aus dem Denken und Fühlen Ihrer Jugend hinausgedrängt worden - aber daß Sie , Sie einen Teufel durch den andern austreiben , das ist beklagenswerth ! ... Sie herrliche , klare , geistesfrische Frau , wie kommen Sie zu Hedemann ' s Bibelgefangenschaft ? ... So oft ich dem von Amerika angesteckten Quäker hier beim Obersten begegnete , erkannte ich die unwürdigste Abhängigkeit des Menschen , die vom Buchstaben ... Unsere Zeit ist nicht zu neuen Religionsschöpfungen gemacht , die einzige