und sie fragte : Wie viel Jahre Ablaß und Milderung für die Läuterung im Fegefeuer sie schon gewonnen hätte ? zeigte sie ihr Büchelchen und gab die Addition von einigen Millionen Jahren an mit den Worten : Die Ewigkeit ist lang ! ... Aber im Grunde der Seele wurde sie über dies und anderes doch ernster und bekümmerter ... Aus ihrer sichern , ja trotzigen Lebens- und Denkweise , die von einigen großartigen , bis zum Anerbieten glänzender Heirathspartieen gehenden Huldigungen unterbrochen wurde , weckten die , trotz ihres Protestes dagegen , doch zur halben Engländerin Gewordene mehre der erschütterndsten Botschaften , die fast zu gleicher Zeit in England eintrafen ... Die eine war die Nachricht von jener Bewegung um den » Trierschen Rock « , der sich die Aeltern , Hedemann und einige Gleichgestimmte , selbst in dem urkatholischen Witoborn , angeschlossen hatten ... Die Aeltern hatten in der That förmlich mit der Kirche gebrochen ... Sie hatten eine deutschkatholische Gemeinde gebildet , der sich auch Protestanten anschlossen ... Den Gottesdienst leiteten abwechselnd durchreisende , von ihren Pfarreien oder Vikarieen gewichene Kaplane ... Statt der Orgel spielte die Tochter des Pfarrers Huber die Harmonika ... Sogar Püttmeyer wurde seinen Gönnern und geistigen Gefängnißwärtern rebellisch und ließ sich einigemale bei jenen Erbauungen betreffen , bis dann Angelika Müller von den Adeligen aus Wien verschrieben wurde und die Rechte einer zwanzigjährigen Verlobung geltend machte , um den großen Mann in die Kirche und die Beichtstühle von Eschede wieder zurückzuschmeicheln ... Manche in gemischten Ehen lebende Gatten oder Brautpaare entschlossen sich , diesen Ausweg einer neuen Kirche aus allerlei confessionellen Bedrängnissen zu ergreifen ... Der protestantische Staat , damals überwiegend jesuitisch inspirirt , erschwerte die Bildung auch dieser witoborner Gemeinde , konnte sie aber nicht hindern ... Für Witoborn und Umgebung war hiermit ein Aergerniß ohne gleichen gegeben ... Norbert Müllenhoff betheuerte auf der Kanzel der Liborikirche : Die Familie des Obersten von Hülleshoven und sein Anhang müßte aus dieser rechtgläubigen Gegend , wo bisher nur Gottes Athem geweht hätte , weichen , es kostete was es wolle ! ... Stutzig wurde er zwar , als die alte Hebamme , auch der buckelige Stammer und sogar die Finkenhof-Lene der neuen Religion sich anschlossen - Das ist das schmerzliche Verhängniß der besten Principien , daß sie anfangs die umirrenden und moralisch heimatlosen Naturen zuerst anlocken ! - Aber sein Wort verhallte nicht und da die Familie Hülleshoven nicht wich , da die Gemeinde sich durch die achtbarsten Elemente vergrößerte , so kam es zu Aufläufen , zu Beschädigungen der Fabrik , zum Einschreiten der bewaffneten Macht ... Allen diesen Prüfungen setzte die kleine Gemeinde , die ihre schlechten Elemente bald ausschied , Muth und Entschlossenheit entgegen ... Sie vergrößerte sich durch die Arbeiter der Fabrik , die aus fernen Gegenden genommen werden mußten , weil auf Priestervorschrift heimische schon gar nicht mehr in sie eintreten durften ... Damals holte sich Hedemann die Keime seiner Krankheit ... Der Vielgeprüfte , der an seinen verkümmerten Aeltern erlebt hatte , wohin getäuschtes Vertrauen zur Priesterwürde führen konnte , wollte nach beiden Richtungen hin auf dem Platze bleiben , wollte den Betrieb des Geschäfts ebenso abwarten , wie den Ausbau einer von Rom abgefallenen , apostolischen Kirche ... So gewaltig seine Körperkraft war , sie erlag diesen Mühen , Beunruhigungen , Nachtwachen , Kämpfen , die bis zum Handgemenge gingen ... In einer kalten Winternacht , als Hedemann im Mühlenwerk noch spät allein gearbeitet hatte , ging er , über und über in Schweiß gebadet , in seine nahe gelegene Wohnung ... Dort warf ihn ein auflauernder Haufe Fanatiker in die an ihrem Ursprung nicht frierende , aber eiseskalte Witobach ... Mit Stangen hatten sie den Unglücklichen verhindert , aus dem bis an seine Brust gehenden Strom herauszukommen ... Sein Hülferuf , der Hülferuf Porzia ' s , die schon im Bett lag und durch die lärmende Scene ans Fenster getrieben wurde , verjagte die böse Rotte und endlich konnte der Mißhandelte ans Ufer ... Fieberfrost durchschauerte ihn ; eine lange Krankheit warf ihn aufs Lager ... Von dieser Nacht an schrieb sich der Keim einer Krankheit , die seine Lungen zerstörte ... Noch aber würde vielleicht Armgart auf solche Schreckenskunden nicht aus England zurückgekehrt sein , hätte sich nicht auch um dieselbe Zeit auf ihre stillverschwiegene Liebe zu Benno und Thiebold - die seltsame Einigkeit beider Namen dauerte fort - der trübste Schatten gesenkt ... Die Nachricht , daß sich Benno in die Verschwörung der Brüder Bandiera eingelassen hätte , gefänglich eingezogen und auf die Engelsburg gebracht war , hatte nur vorübergehend erschütternd gewirkt ; denn wenige Wochen darauf kam die frohe Botschaft seiner Befreiung ... In diesen Wochen aber fühlte Armgart erst , daß es ihr wie Fürstin Olympia Rucca ging und Thiebold doch nur » eine schöne Eigenschaft an Benno mehr « war . Sie hatte Benno sonst nur , wie sie selbst glauben wollte , schwesterlich geliebt ; gibt es aber in der Liebe Stufen ? ... Gott , Weib , Kind - es ist dasselbe allzündende Feuer , entglommen demselben Altar , entlodert derselben Sonne - nur verehren will dies Gefühl und zuletzt erst erkennt es sich ganz - in der Sehnsucht nach Erwiderung ... Im stillen hatte sich diese Sehnsucht immer höher gesteigert ... Wer schärfer beobachtete , sah , Armgart hatte ihre Heiligen , von denen sie sprach ; sie hatte noch Heiligere , von denen sie schwieg ... So war Paula ihrem wehmüthigen Blick schon lange der Sphäre des Irdischen entrückt - sie billigte ihre Ehe , aber sie trauerte doch um sie ... » Katholisch sein heißt einen geheiligten Willen haben « , hatte sie einst zu Lucinden gesagt - diese Lehre war groß und doch in den meisten Fällen - schmerzlich ... Ebenso mit Benno und Thiebold ... Sie hatte beide in ihrer Verblendung um Terschka ' s Willen gekränkt , von beiden für immer Abschied genommen - wie gedachte sie jener Scene in der Kapelle mit