. Bielau ' s übrige stehende Besatzung war nur ein Invalidenkorps . Die Ergänzungen desselben kamen der Reihe herum an die in der Residenz befindlichen Truppenkörper . Viele hatten , des demnächst abzuführenden Gefangenen von Werdeck wegen , widerrathen , sein eignes Bataillon nach Bielau zu schicken ; doch da die Reihe einmal an diesen Truppentheil kam , wollte man am wenigsten einen öffentlichen Beweis von Unzuverlässigkeit der so hochgepriesenen Armee geben . Ein Komplott zur Befreiung des wegen Mitgliedschaft eines Geheimbundes , Korrespondenz mit auswärtigen Revolutionären und Zerbrechens seines Degens kassirten und zu sieben Jahren Festung verurtheilten Majors machte sich wie von selbst . Das Loos traf eine Wache , die dem Spaziergänger das Thor freilassen , alle Ausgänge öffnen konnte . Ein Sergeant war mit der Ausführung beauftragt . Werdeck kommt , tumultuarisches Geschrei begrüßt ihn , man gibt ihm die Gelegenheit zur Flucht . Aber Werdeck weigert sich . Der Major ermahnt seine alten Krieger selbst , ihrer Pflicht treu zu bleiben . Aber schon hatte der Kapitän von Aldenhoven von dem Vorfall an dem sogenannten Sternwall Kunde . Die Sternwall-Wache wird vom Invalidenkorps abgelöst , einige der verzweifelnden Soldaten versuchten Gegenwehr , andre die Flucht ... Der Sergeant wird verhaftet ... Werdeck in einen engeren Gewahrsam geführt ... So viel ließ sich den Zeitungen entnehmen . Es entspann sich zwischen Siegbert und Dystra ein Gespräch über die möglichen Folgen dieses Vorfalles , über die Ursachen des Unglücks , das den Major betroffen , über den Geist der Pflicht und die Gefahren der freien Selbstbestimmung . Der schnell gewonnene Freund und Gönner zeigte sich so voll Antheil , blickte so frei über die Widersprüche des Lebens hinweg , hatte so von jeder Meinung und Überzeugung , die in ihm lebte , die schroffen Kanten und Ecken des Vorurtheils und des Egoismus abgeschliffen , daß ihn Siegbert den Brief seines Bruders lesen ließ und in das Geheimniß des Bundes vom vierblättrigen Kleeblatt einweihte . Dystra erstaunte . Er gedachte seines eignen Tempelsteins und wie er an dessen Ruinen das dreiblättrige Kleeblatt am Kreuze oft genug beobachtet hätte . Er war erfüllt von der Bedeutsamkeit dieser Mittheilung und äußerte , ehe er zustimmte , fast erschrocken : Ein Vierblatt ist selten , mein Freund ! Selten ist alles Neue und Große ! antwortete Siegbert , von dem Wirken seines Bruders ergriffen , erschüttert von Werdeck ' s Schicksal , das ihm Thränen abgewann ... Ernst und in Gedanken verloren prüfte Otto von Dystra die empfangene Mittheilung . Schon zitterte Siegbert , daß er hier eine Übereilung zu bereuen hätte , schon wollte er Dystra beschwören , ihm , wenn nicht Übereinstimmung , doch Verschwiegenheit zu geloben , als der Baron das Wort ergriff : Ich bin , sagte er , durch Sie und Ihre Freunde etwas stark aus meinem bisherigen geistigen Schlummer geweckt worden . Ich interessirte mich bisher für Alles und deshalb im Grunde für Nichts . Ich schlug heute das wirkliche Buch der Natur , morgen Kupferwerke auf , die mir Das ergänzten , was ich noch nicht kannte . Ich glaube , ich bin in der Lage mit vielen , vielen Tausenden , die sich von der Zeit und der Wirklichkeit , so gut es geht , fernzuhalten suchen und sich mit ihren Abbildern begnügen lassen . Uns interessirt erst dann Alles , wenn es historisch geworden ist . Wir sind gerecht sogar gegen Das , was uns widerstrebend ist und dennoch wären wir selbst für Das , was uns zusagt , nicht im Stande einzustehen , so lange es im Entstehen , im Werden begriffen . Ein Haus soll uns , wenn wir mit ihm in Berührung kommen , gleich fertig sein . Staub , Schutt , Mörtel , der Lärm des Schaffens , des Niederreißens und Aufbauens ist uns widerwärtig und wir genießen Jedes , nur in Ruhe , nur in Behaglichkeit , auf einem Sopha , unter Teppichen , unter Polstern . Das ist die Stellung der sogenannten Bildung zu den Fragen der Gegenwart ! Aber wohlan ! Es soll nicht so sein . Es kommt die Reihe nun auch an uns ! Wir sollen mit angreifen , auch wir sollen Partei halten und uns schämen , immer nur zu reflectiren und unsern einsiedlerischen geistigen Genüssen zu fröhnen . Wenn ich erst erschrak über Das , was Ihr Bruder da angelegt hat und was ich nun schon so im Keimen und Wachsen sehe , so fühl ' ich wol die Bedeutung seines Gedankens . Ich finde Europa zerrüttet . Ich sehe einen Welttheil , der nicht leben , nicht sterben kann . Irgendwie muß ihm geholfen werden , dem Verlebten zur Bahre , dem Neuen zur bequemeren Wiege . Ich will es mir noch einen Tag überlegen , Wildungen , was ich von Ihrem Bunde des Geistes denken soll . Weigr ' ich meinen Beitritt , so stirbt das Geheimniß mit mir . Tret ' ich aber bei , so gehör ' ich ihm mit ganzer Seele und sollt ' es auch sein , wie Byron einst seine letzten Flammen aus einem zwecklosen Leben zusammenraffte und sich läuternd im Brande Griechenlands zu Grunde ging . Siegbert dankte für diese offne , unter Dystra ' s Verhältnissen bedeutsame Erklärung ... Beide erhoben sich . Der Baron , um sich nach dem Schicksal des gefangenen armen Leidenfrost zu erkundigen , in dem er so frühe schon eine künstlerische Entwickelung geahnt hatte und den er mit innigstem Bedauern in einem allgemeinen Scheitern seiner Fähigkeiten und Lebensentwürfe antreffen mußte . Das Leben dieses so vielseitigen Genies lag vor ihm aufgeschlagen wie das Werk eines Dichters , der vom Himmel die prometheische Flamme nur entwandt hat , um sich in ihr selbst zu verzehren . Er kannte den wirren vielverschlungenen Lebenslauf des Max Brüning , mit dem er die Verwandtschaft einer großen Seele und einer gewöhnlichen , ja abstoßenden Hülle derselben gemein hatte . Er kannte das Band der Wehmuth , das dies Soldatenkind an Werdeck knüpfte ...