zumal ihre Familie seit zehn Jahren durchgemacht , gehörte ein wehmüthiger , wenn auch unausgesprochener Zwiespalt Armgart ' s mit Paula , hervorgerufen durch die so mannichfache Verschiedenheit der Meinungen und Ueberzeugungen ... Nächster Anlaß dieser Reise war keinesweges allein das dringende Bedürfniß , sich endlich wiederzusehen , sondern mehr noch der zufällige Umstand , daß Hedemann , der sich in einer bewegten Zeit dem Wohl des Obersten von Hülleshoven geopfert hatte , heftig an der Brust erkrankt war , Genf , wo der Oberst mit den Seinigen seit den letzten Jahren gewohnt hatte , erst mit Nizza vertauschte und dann in der Heimat seiner Porzia für immer zurückbleiben - vielleicht dort sterben wollte ... Die Aerzte hatten ihn aufgegeben ... Doch die Auflösung eines so kraftvoll gebauten Körpers ließ einen langen Kampf erwarten ... Ulrich von Hülleshoven , dessen Locken nun auch schon ergraut sind , schreitet schon wieder wacker voraus ... Seit Jahren begleitete ihn auf solchen und ähnlichen Wanderungen immer derselbe mächtige Alpenstab ... Er kehrte diesen jetzt um , hielt das Ende mit der eisernen Spitze oben und streckte den Griff seiner Frau und Tochter zu mit der scherzenden Aufforderung , sich festzuklammern , er wollte sie hinaufziehen ... Aber Armgart stemmte im Gegentheil beide Hände an seinen Rücken , um ihm hinaufzuhelfen ... Vorwärts ! Vorwärts ! rief sie und ihre Kraft gab ihr das Zeugniß noch der Jugend ... Porzia unterhielt sich indessen mit dem Postillon über ihre endlich wieder begrüßte Heimat , in der sie die Aeltern nicht , die in Deutschland waren , nicht die alten Seidenwürmerkammern ihrer mütterlichen Hütte fand , aber die Pathin ihres Kindes , die edle Gräfin , die sie einst nach England mitgenommen hatte ... Die kleine Erdmuthe plauderte bald deutsch , bald italienisch ... Da sie so viel vom Sterben hörte , fragte sie , ob es von hier in den Himmel ginge ... Das war nun alles so , wie es war und nicht anders sein konnte ... Darum brannte die Sonne so drückend wie nur in jedem Juni , pfiff ein scharfer , der Hitze widersprechender Wind aus Nordost herüber - hüpften die Ziegen , zankten die Hirten , grüßten die über den Berg gekommenen Fuhrleute , die in zweirädrigen , maulthierbespannten Karren den guten Wein von Coni und Robillante nach diesseits führten , und - zankte auch wol Monika , die , als der Postillon am Wirthshaus wirklich hielt und die Locandiera auf die Bestellung einer Collazione lauerte , sagte : Das muß man den Leuten ganz abgewöhnen , den Reisenden ihren freien Willen rauben zu wollen ... In Italien soll man nur immer den Muth haben , in jeder Lage Ja ! oder Nein ! zu sagen ... Sie ließ der kleinen Erdmuthe nur Milch geben ... Mutter , entgegnete Armgart , milde lächelnd , dies Haus ist in der Voraussetzung gebaut worden , daß man hier nach Eiern und Schinken , nach Wein und vielleicht selbst nach einem kalten Huhn frägt ... Es zu bauen hat Mühe gekostet ... Die Galerie da , die Thüren , die Verschläge sind von Holz und Holz wächst hier nicht ... Unser Leben ist ja eine einzige große Verschwörung der verbündeten Menschheit gegen den Schöpfer , der uns vieles doch so gar , gar schwer gemacht hat , besonders die Existenz ... Muß denn nun immer alles so regelrecht gehen ? ... Wenn es nach mir ginge , ich kehrte in jedem Wirthshause ein - ich bestelle auch hier Schinken , Eier und Wein ... Das waren nun so die kleinen Intermezzis des gemeinschaftlichen Reisens , wo sich die gegenseitigen Stellungen ergaben ... Der Oberst ging gern auf den Ton seiner Tochter ein , der ihm sympathisch war , wenn er auch wol sich hütete , die Mutter in solchen Fällen ganz Unrecht behalten zu lassen ... Der kleine Imbiß wurde bestellt ... Am öde und einsam gelegenen Wirthshause wurde es mit der Zeit ganz lebhaft ... Die Weinfuhrleute richteten an den abgestiegenen und sich ganz , als wäre er gesund und nur ein Diener , benehmenden Hedemann die Frage , ob sie denn auch Neuigkeiten aus der Welt mitbrächten und vor allem von Rom Entscheidendes über die Belagerung der ewigen Stadt durch die Franzosen ... Armgart trat über diese Fragen zur Seite und Monika wußte , warum sie es that ... Nun bestellte die Mutter selbst noch mehr , als Armgart gewollt hatte ... Auch der Oberst verstand Armgart ' s Beiseitetreten , seufzte und bedeutete Hedemann , der den Fuhrleuten in gebrochenem Italienisch kurz erzählte , was er wußte , daß er sich dem scharfen Winde nicht aussetzen und sogleich ins Zimmer treten sollte ... Hedemann erwiderte mit einer Stimme , die seine alte Kraft und Männlichkeit nicht mehr erkennen ließ , daß ihm wohl wäre ... Auf dieser luftreinen Höhe , unter dem blauen Dach des Himmels hatten aus dem Munde eines rettungslos Dahinsiechenden die Worte der Ergebung einen doppelt wehmüthigen Nachdruck ... Nach einer Rast von mehr als einer Stunde erklommen die Gefährten neugestärkt die Spitze des nun immer noch kahler werdenden Passes ... Wie glich ihr mühsames Aufwärtsschreiten den Kämpfen ihres eigenen Lebens selbst , denen erst jetzt eine etwas glücklichere Ruhe gefolgt war ! ... Aber Muth ! leuchtete aus dem Auge Monika ' s , Hoffnung ! aus dem Auge Armgart ' s ... Des Vaters kräftige Hand half jetzt den Klimmenden nach und mancher Scherz über die Possirlichkeiten der Kleinen erheiterte die Stimmung , trotz Porzia ' s Trauer , trotz Hedemann ' s wiederholtem : Die Gräfin ruht wol schon in Gottes Schooß ! trotz aller der Mischungen von Freude und Schmerz , die ihnen die Nennung der Namen Paula ' s , des Grafen Hugo und des jetzigen Erzbischofs von Coni , Bonaventura von Asselyn , bereiten durften . 2. Das waren denn jene muthigen Menschen , die einige Jahre hindurch , schon vor Paula ' s Vermählung , mit einer Stadt wie Witoborn ,