In die Festung sah er dann lustig und fröhlich zuweilen Soldaten ziehen - die Garnison wurde von den in der Hauptstadt liegenden Truppen in bestimmten Zwischenräumen ergänzt - sah auch wol einmal einen verschlossenen , von Gensdarmen geleiteten Wagen über die Fallbrücke fahren ; verglich fremdes Loos und eignes , verglich den Strom des Flusses und den der Welt ... und kehrte dann spät Abends heim , nicht ohne bei der Wohnung seines Sohnes zu horchen und zu spähen , ob er wol schon zur Ruhe wäre oder schwärme ... er hatte beschlossen , ihn noch mindestens ein Jahr ganz allein sich entwickeln und ihn an seiner ihm täglich bewiesenen Liebe allmälig aufthauen zu lassen . Mitten in diese Auflösung einer Menge von bisher so traulich beisammen bestandenen Beziehungen kam eine Botschaft von Olga Wäsämskoi , die neue Sorgen wecken mußte . Als Dystra eines Abends zur Fürstin kam , hörte er , daß Rudhard trotz seiner Jahre und zunehmenden Schwäche sich eben aufgemacht hatte , um ohne Abschied in höchster Eile nach Wien zu reisen . Die Fürstin vermied Auskunft zu geben , da Siegbert zugegen war . Sie schützte eine Veranlassung vor , die Siegbert nicht kennen konnte . Sie war aber so unruhig , so bewegt , sie wandelte in dem Garten , den sie nach langem Winterschlafe wieder zum ersten Male begrüßte , so unsicher an seiner Seite , daß er irgend eine neuerstandene Schwierigkeit fürchtete . Einige Tage darauf las er bei Dystra einen Brief , den ihm der treue Gönner und im innersten Herzen vielbedrängte Freund nicht vorenthalten zu dürfen glaubte . Olga schrieb an Rudhard : » O Vater Rudhard , ich ergreife mit Zittern heute die Feder und möchte sie statt in Tinte , in Blut und Thränen tauchen . Wie bin ich betrogen worden ! Welchen Schmerz hat mir die Tante bereitet ! Ich kann nicht mehr in ihrer Nähe bleiben , ich hasse nun die treulose Verrätherin . Ach , Himmel und Erde ! Helene ist ja nicht was sie scheint . Gott ! Gott ! Daß Engelzüge lügen können ! Du weißt , wie wir litten , Papa ! Du weißt , wie wir den Mond und die Sterne beschworen haben und unserm Schmerze einen ewigen Kultus widmen wollten . Ach , Helene hat ihren Schwur gebrochen . Es war eine Lüge , daß sie sich nach den Zellen der Klöster umsah , Lüge , wenn wir Kirchen besahen , daß sie sich in die Beichtstühle setzte , bis ein Kirchendiener kam und ihr sagte : die Patres hörten grade keine Beichte oder ob sie sie rufen sollten ? Dann sprang sie unmuthig auf und ich glaubte , sie würde die Religion unsrer Väter wechseln . Es ist Täuschung gewesen , Papa ! Helene liebt wieder ! Sie liebt ! Wie an einem erstarrten Baume , sagte sie mir , als ich ihr zornig gegenüber trat , geschieht an mir das Wunder , daß er einen neuen Keim trieb . Nein , sagt ' ich , Tante , dein Herz ist ein Polyp . Er lebt im Sterben und wächst durch den Tod , er bedarf der grausamen Zerstückelung , um zu wachsen . Aber was hilft ' s ! Du entsinnst dich jenes Heinrichson . Ich sprach nicht mehr von ihm , weil seine Huldigungen mir nicht gefielen und ich den Schein vermeiden wollte , als rühmte ich mich meiner Erfolge . Diesen Heinrichson liebt die Tante ! Ich entdeckte eines Abends , daß ich betrogen bin ... Vor diesem Anblick schauderte mich ' s. Ich nahm meinen Hut , einen Mantel und floh von dem Landhause , das wir so schön , so reizend an einem kleinen Wasserfalle unter Oliven- und Kastanienbäumen gemiethet hatten . Ich wußte nicht , wohin ich fliehen sollte . Aber Das wußte ich , zurück zu Helenen , die den Schmerz um Egon in den Armen eines Heinrichson zu ersticken sucht , kehrt ' ich nicht wieder . Mein Instinkt trieb mich auf unsre Gesandtschaft . Ich warf mich der Baronin von S. zu Füßen - Der Gesandtin in Rom , erklärte Dystra ... » Und flehte sie an , mich zu beschützen . Sie nahm diese Bitte gnädig auf , unter der Bedingung , daß ich mit einer befreundeten Familie nach Wien reise und dort von dir , Papa , mich abholen lasse . Ich mußte diese Bedingung eingehen , so entsetzlich mir der Gedanke ist , ein Land wiederzusehen , wo dieser Teufel Otto von Dystra wohnt . Ich werde kommen , aber ich schwöre Euch beim ewigen Gott , eher durchbohrt mich eine Dolchnadel , die ich auf meinem Herzen trage , eh ' ich in eines Eurer grausamen Verlangen willige . Die Tante ist außer sich . Sie will mich nicht lassen . Sie fährt vor . Ein gewisser Herr Rafflard , den ich schon bei Euch gesehen , ihr zur Seite . Sie wollen die Baronin sprechen , mich - ich höre Alles - der Kurier geht ab . Ich fliehe ! Ich fliehe ! Ich muß schließen . Olga . « Das sind ja entsetzliche Zustände ! sprach Siegbert , als er den so abgerissen endenden Brief staunend noch einmal überflog ... » Ein Land wiedersehen , wo dieser Teufel Dystra wohnt « , wiederholte der so schlimm Angefeindete . Wo denken Sie , daß dieser kleine Grobian jetzt schon ist ? Rafflard in Rom ! Sie ist doch in Rom geblieben ; sie ist Zeuge dieser ... O nein ! Die Konsequenzen der Freiheit bringen dies tolle Mädchen zur skrupulösesten Tugend , sagte Dystra . Kann eine Dame , die in einer Pensionsanstalt mit lauter Gefühl , Bibelsprüchen , Musik , Goldschnittlyrik , Sonntagsmoral und sogenannter edler Weiblichkeit aufgezogen ist , prüder denken als diese kleine Emanzipirte , die durch die Konsequenz ihrer unmoralischen Ideen über Liebe und Weltschmerz strengmoralisch wird ? Wenn da nicht eine Eifersucht wegen Heinrichson ' s im Spiele istNein ,