Du fühlst Dich doch unglücklich bei ihm . Man sieht es Dir an . Dein Dasein ist unerträglich . Gut — so ändere es . ” “ Aber lieber Martin , sei doch nur vernünftig . Wie soll ich denn plötzlich meinen Vater allein lassen — ohne Geld und ohne Kenntnisse in die weite Welt hineinlaufen ? Er braucht mich . Wer soll ihn erheitern und pflegen ? Da draußen in der Fremde , da braucht mich niemand . ” “ Nein ! ” antwortete Martin sehr ernst , “ da braucht Dich niemand , und Du wirst Zeit bekommen , Dich endlich einmal auf Dich selbst zu besinnen — Dich wiederzufinden — die Du Dich ganz verloren hast ! ” “ Damit fänd ' ich auch was Rechtes ! ” klagte Agathe kleinlaut . “ Kannst Du noch gar nicht wissen ! Glaube mir , es ist sehr überraschend , sich selbst kennen zu lernen . ” — Sie wollte ihm doch zeigen , daß es wert sei , sich um ihr Wohl zu sorgen . Ging er , müde und abgearbeitet , nur schweigend neben ihr , so begann sie , ihm vorzuplaudern . Die kleinen Künste wendete sie auf , mit denen sie ihren Vater unterhielt . Das war nun ein Gebiet , auf dem sie Übung besaß . Sie konnte mit harmlos-drolligen Bemerkungen auch Martin oft zum Lachen reizen und seine düstern Stimmungen verscheuchen . Der Regierungsrat sah den Umgang seiner Tochter mit Martin nicht ungern . Es war ihm eine tiefe Kränkung gewesen , daß der Sohn seiner einzigen Schwester sich so ganz seinem Einfluß entzog . Vielleicht war er jetzt durch die Tochter wiederzugewinnen . “ Diesen jungen Männern , die toll ins Leben stürmen , thut es am Ende doch wohl , einmal wieder mit gebildeten Frauen zu verkehren , ” setzte er Agathe auseinander . “ Du hast da eine schöne Aufgabe zu erfüllen , mein Kind . Es würde mich freuen , wenn es Dir gelänge , Martin wieder mehr in unsere Kreise zu ziehen . ” So arbeiteten in dem stillen Bergasyl zwei Welten daran , sich gegenseitig zu retten . — Zuweilen wollte es Agathe scheinen , als verfolge Martin einen heimlichen Plan . Im Gespräch versank er oft in Nachdenken oder blickte sie lange forschend an . Manches andere Mädchen würde sich auf seine Freundschaft viel eingebildet haben . Ging er nicht durch den Garten , stieg über den Zaun und kam herauf in den Wald , wo sie saß und las , während der Professor aus Zürich vorn in der Veranda auf ihn wartete , um sich mit ihm zu unterhalten ? Nun — Gott sei Dank — sie war nicht verliebt in ihn . Sie sah gern auf seine Hände , wenn er die Worte mit ausdrucksvollen Bewegungen begleitete . Es freute sie , daß er gutgepflegte weiße Hände besaß , die dabei kräftig und männlich waren . Aber das konnte man doch nicht Verliebtheit nennen . Sie prüfte sich ehrlich . Ganz gewiß nicht ? Unter keinen Umständen ? — Sie war doch noch widerstandsfähig ! Glücklicherweise . Es handelte sich jetzt auch um ganz andere Dinge als um Liebe . Wie sich die Beziehungen zu Martin durch ihr ganzes Leben zogen . Das erste kindische Wohlgefallen und Sehnen , es hatte ihm gegolten , wenn sie es sich auch damals nicht zugestand . Die erste Prüfung ihrer jungen , spröden Tugend — von ihm . Die große Leidenschaft hatte sie auseinandergerissen — zur selben Zeit die gleichen Schmerzen ihnen beiden . Und dann der einsame Kampf , sich aufrecht zu halten : er draußen in wilden Wettern und Stürmen die Seele geweitet und befreit — sie daheim im engen Raum die Seele wundgestoßen und zermürbt . O — es war etwas weit Höheres als Liebe , das sie jetzt zusammenführte . Nichts von alledem , was sie von Martin erwartet und gefürchtet , war aus ihm geworden . Kein Volksverführer und Aufwiegler zu wilden Thaten — kein Verschwörer und Bombenwerfer — und auch kein feige und vorsichtig zum Alten Zurückkriechender — kein müder Entsager . Nur ein freier Mensch war er geworden . Weiter nichts . Und was das heißen wollte — ein freier Mensch . Welche Kluft zwischen einer ganz auf sich gestellten Persönlichkeit , die nach eigenem Gesetz und eigener Wahl das eigene Leben führt , und den Kreisen ihrer Gesellschaft ! An solchem Maß gemessen — besaß jede That , jeder Gedanke ihres Daseins überhaupt noch Wert ? Das ahnte sie nun erst . Es war ein schauderndes Aufwachen mit ungeduldigem Flügelschlagen ihrer Seele . Wie reif und fest und ruhig er geworden , fiel Agathe besonders auf , wenn sie ihn im Verkehr mit dem Vater beobachtete . Nichts mehr von dem zornigen Auftrumpfen . Zwar suchte Martin kein längeres Zusammensein mit dem Onkel . Und der Frohsinn , die Jugendlichkeit seines Wesens traten nur hervor , sobald er allein mit Agathe in die Berge wanderte . Aber er wußte ungefährliche Gesprächsstoffe zu finden . Er verstand auch zu schweigen bei den sentenziösen Ausfällen des Regierungsrats gegen die Immoralität und die mangelnde Idealität der jungen Generation . “ Du mußt es mir hoch anrechnen , daß ich hierbleibe , ” sagte er einmal zu Agathe . “ Aber ich habe noch viel zu thun , bis ich alle Raupen aus diesem dummen , kleinen Mädchenkopf heraushabe . Ich Raupentöter ! — Wenn Du nur ernstlich wolltest ! ” “ Ich will ja , Martin . ” “ Willst Du wirklich ? Ach — ich gebe mir ganz umsonst Mühe mit Dir . Schließlich bist Du auch wie die andern alle . ” “ Wenn Du das glaubst , warum giebst Du Dir da Mühe ? ” “ Ja , das frage ich mich selbst ! Eines Morgens gehe ich doch auf und davon . ” Endlich machte er ihr den Vorschlag , den Vater allein heimreisen zu lassen und in