konnte sich noch immer nicht in den unglaublichen Auftrag finden . » Soll es eine kleine oder eine große Flasche sein ? « fragte er endlich . » Die größte , die zu haben ist , und nun mach , daß du fortkommst . – Halt , was hast du da in deiner Joppe ? « Der Knabe wurde dunkelrot und griff hastig nach seiner Joppe , aus der ein gewisses blaues Etwas hervorlugte , das er zu verbergen suchte , aber der Professor merkte diese Absicht und nahm es ihm fort . » Was soll denn das heißen ? Das ist ja der Schleier von Fräulein Doras Reisehut , den du vorhin erst in das Haus getragen hast ? Wie kommst du dazu ? « Die argwöhnische Frage brachte den Knaben noch mehr in Verwirrung ; er senkte schuldbewußt die Augen und stotterte : » Das Fräulein reist doch morgen ab , und da dachte ich – da wollte ich – « » Was wolltest du ? « fragte Normann hartnäckig , und nun gewann Friedel auf einmal Mut und fing ganz vergnüglich an zu schwatzen . » Fräulein Dora ist so gut zu mir gewesen , so gut , und hat gesagt , sie werde mich auch in Heidelberg nicht vergessen ; aber Heidelberg ist so weit und sie vergißt ' s gewiß , und da dacht ' ich an das , was der Sepp uns erzählt hat , damals auf der Alm , von dem Jäger , der den Schleier stahl . Der Sepp sagt , das geschieht noch heutzutage , man sollt ' es nur probieren , aber gestohlen müßt ' es halt sein – und da – hab ' ich ihn gestohlen . « » O du dummer Junge ! « fuhr der Professor in voller Entrüstung auf . » Bist doch ein Stadtkind und glaubst an solch hirnverrücktes Zeug ! Aber so seid ihr alle . Vernunft , die begreift ihr nicht ; doch wenn man euch mit dem krassesten Aberglauben kommt , darauf schwört ihr . Es ist ganz vergeblich , euch auf einen höheren Standpunkt heben zu wollen , ihr bleibt in eurer Dummheit . Du gehst jetzt sogleich und bringst Fräulein Dora den Schleier zurück – oder nein , ich werde das thun und ihr dabei erzählen , wie albern du dich dabei benommen hast . « Friedel ließ den Kopf hängen bei dieser Strafpredigt , er warf noch einen schmerzlichen Blick auf das seiner Meinung nach so wunderthätige Gewebe und schlich dann beschämt davon . Die Sonne war längst gesunken und auch das letzte Abendrot verblaßt . Leise kam die Dämmerung geschlichen und hüllte die Landschaft in ihre kühlen , grauen Schatten ; jetzt tauchte langsam hinter den Bergen der Mond auf , und tiefe Abendstille und Abendruhe umfing die Erde . Professor Normann saß noch immer in der Laube und ärgerte sich über den krassen Aberglauben des Volkes im allgemeinen und über den seines Friedel im besonderen , aber dabei hatte er immer noch den blauen Schleier in der Hand . Ganz recht , der alte Sepp hatte den Unsinn erzählt , damals auf der Alm . Normann erinnerte sich sogar noch deutlich der Worte : » So geht ' s noch heutzutag , wenn ein Bub was Liebes hat , dann muß er ihm den Schleier stehlen – ein Fürtuch thut ' s auch , wenn ' s ein Mädel aus den Bergen ist – dann vergißt ' s ihn nimmer . Er liegt ihm im Sinn Tag und Nacht und es kommt nimmer los von ihm – aber gestohlen muß es halt sein . « Der dumme Junge , der Friedel ! Als wenn das für einen vierzehnjährigen Burschen paßte , das hatte doch nur Sinn , wenn » was Liebes « ins Spiel kam ! Der Professor blickte noch immer unverwandt nieder auf das luftige Gewebe in seiner Hand . Er hatte es so oft gesehen auf den Bergwanderungen , wenn es die braunen Flechten und das rosige Antlitz umflatterte , nun war das zu Ende . Morgen war es verstummt , das helle , übermütige Lachen , und das rosige Gesicht verschwunden . Nun fing in Heidelberg das vergnügte Leben an in dem gastfreien Herwigschen Hause , dann kamen all die Studenten und mit den ernsteren Absichten die Dozenten , die der Tochter des Hauses den Hof machten , und dann kam der Winter mit den Gesellschaften und Bällen – da wurde die Reise , und was sonst mit ihr zusammenhing , natürlich vergessen – natürlich ! Der Mond warf jetzt seine ersten Strahlen durch das Blätterdach der Laube , er sah es allein , wie Professor Julius Normann , diese Leuchte der Wissenschaft , dieser erhabene Freigeist , stufenweise herabsank von seinem höheren Standpunkte , immer tiefer , bis zu dem vielgeschmähten krassen Aberglauben , Und dann kam ein Augenblick , wo der Mond eigentlich sein Antlitz hätte verhüllen müssen , um nicht zu sehen , was er doch sah . Besagter Professor blickte sich scheu um , faltete dann folgsam den blauen Schleier zusammen und barg ihn auf seiner Brust . Er schämte sich zwar vor sich selbst und seinem höheren Standpunkte noch viel mehr , als sich der Friedel vor ihm geschämt hatte , aber dabei hielt er die Hand fest auf die Brust gepreßt , um seinen Talisman zu hüten . Er hätte ihn nicht hergegeben , um keinen Preis der Welt , Der nächste Tag war sonnenhell angebrochen , die Gebirgskette zeigte sich in voller Klarheit , und der Garten lag taufunkelnd im Morgensonnenschein , es war ein herrliches Reisewetter . In dem Hause , das Herwig mit seiner Tochter bewohnte , war man mit den letzten Reisevorbereitungen beschäftigt ; es zeigte sich niemand am Fenster oder in der Thür , im Garten dagegen wandelte eine hohe Gestalt mit langsamen Schlitten auf und ab . Es lag sonst gar nicht in der Art des Professors Normann , so feierlich und