ein flüchtiges Nebelbild über dem Ganzen , nie vollendet , nie klar und voll austönend , und bald genug ging sie unter in anderen Klängen , die , nicht so rein und süß wie jene , doch mit fremdartig seltsamem Reize zu fesseln wußten . Die Nebel zerrissen , und aus ihnen hervor trat die dämonisch schöne Gestalt , welche die Hauptträgerin und der Mittelpunkt der ganzen Oper war . Ein lauter Beifall begrüßte das Erscheinen Signora Biancona ’ s auf der Bühne . Beatrice zeigte es heute , daß sie noch schön zu sein verstand , so schön , wie nur jemals im Beginne ihrer Laufbahn . Was die Kunst vielleicht dazu gethan hatte , kam ja hier nicht in Betracht , genug , die Erscheinung , die jetzt vor dem Publicum stand , war vollendet in jeder Hinsicht . Das halb phantastische , halb classische Costüm zeigte die Gestalt in ihrem ganzen Reize ; die dunkeln Locken wallten gelöst über die Schultern , und die Augen brannten in der alten verzehrenden Gluth . Und jetzt erhob sich diese Stimme , welche die Bewunderung fast ganz Europas gewesen war , voll und mächtig , den weiten Raum erfüllend – die Sängerin stand noch im Zenith ihrer Schönheit und ihrer künstlerischen Kraft . Glühender , feuriger rauschten die Melodien auf , und vor dem Publicum entrollte sich ein Tongemälde , das seine Farben [ 572 ] bald dem hellsten Sonnenlichte und bald der lodernden Gluth eines Kraters zu entlehnen schien . Es malte ein heißes , wildes Leben , dem der Becher bis an den Rand gefüllt war , und das ihn bis auf die Neige auskostete . Dieses Stürmen über alles Maß und Ziel hinaus , diese vulcanische Gluth der Empfindungen , dieses dämonische Spiel mit den Tönen riß die Zuhörer widerstandslos mit hinaus auf das tobende Meer der Leidenschaften , um sie dort zwischen Grauen und Entzücken , zwischen Himmel und Hölle ruhelos umherzuschleudern . Wohl klang es bisweilen daraus hervor wie Jubel und Triumph , aber dazwischen zuckten auch grelle Dissonanzen , und dann wieder wehten verlorene Klänge jener ersten Melodie herüber , die wie eine leise tiefschmerzliche Sehnsuchtsklage durch die ganze Oper ging . Wie ein Traum von Liebe und Glück durch die Seele des Menschen zieht , ohne je zur Wirklichkeit herabzusteigen , so verwehten und erstarben diese Töne in der Ferne , im Vordergrunde aber stand immer und immer wieder die eine Gestalt , die Rinaldo mit der höchsten dramatischen Gewalt ausgestattet hatte , in der er Meister war wie kein Anderer , die er mit dem ganzen Zauber seiner Melodien umgeben hatte , deren sinnlich bestrickender Reiz sich wie ein Bann auf die Seelen der Zuhörer legte . Und wenn irgend Eine , so war Beatrice dazu geschaffen , gerade diese Musik in ihrem innersten Sein und Wesen zu erfassen und zur Geltung zu bringen , sie , deren eigentlichstes Element die Leidenschaft war , die selbst als Künstlerin nur darin ihre Triumphe gesucht und gefunden hatte . Sie klang aus jedem Tone ihres Gesanges , bebte aus jeder Regung ihres Spiels , das sich zu einer dramatischen Höhe erhob , wie nie zuvor , während sie Haß und Liebe , Hingebung und Verzweiflung , Wuth und Rache mit ergreifender Wahrheit zeichnete . Es war , als ob ein Gluthstrom von dieser Frau ausgehe und sich dem Publicum mittheile , das halb entzückt , halb beängstigt ihrer Darstellung folgte . Noch nie war die Sängerin so eins mit ihrer Aufgabe gewesen , noch nie hatte sie diese so vollendet gelöst , wie diesmal . Freilich , es ahnte ja Niemand , um welchen Preis sie kämpfte , was sie antrieb , ihre beste Kraft einzusetzen . Galt es doch den zurückzugewinnen , den sie schon mehr als halb verloren hatte ! Er hatte die Künstlerin bewundert , ehe er die Frau lieben lernte , und die Künstlerin rief jetzt alle Macht ihres Talentes zu Hülfe , um die der Frau zu behaupten . Zum ersten Male war ihr der Beifallssturm gleichgültig , der jeder ihrer Scenen folgte ; zum ersten Male lag ihr nichts an den Huldigungen der Menge , sie wartete nur auf den einen Blick leidenschaftlichen Entzückens , der ihr so oft gedankt hatte an solchen Abenden – heute wartete sie vergebens . „ Signora Biancona übertrifft sich heute selber , “ sagte Marchese Tortoni begeistert zu dem Capitain Almbach , der sich in seiner Loge befand . „ So oft ich sie auch schon bewundert habe , so habe ich sie noch nie gesehen . “ „ Ich auch nicht , “ entgegnete Hugo einsilbig . Cesario blickte ihn mit unverhehltem Erstaunen an . „ Das klingt sehr kühl , Signor Capitano . Haben Sie keinen anderen Ausdruck der Bewunderung für diese Frau , die Ihrem Bruder so nahe steht ? “ Hugo ’ s Miene war in der That so kühl , wie sein Ton , als er ruhig antwortete : „ Das ist eben Reinhold ’ s Geschmack . Wir gehen bisweilen in unseren Ansichten sehr weit auseinander . Uebrigens wäre es ungerecht , Signora Biancona heute nicht unbedingt zu bewundern , und ich thue das gleichfalls , das heißt , vom Zuschauerraume aus . In der Nähe wäre mir eine solche über alles Maß hinausgehende Leidenschaft , die gar keine Grenze zu kennen scheint , doch etwas unheimlich . Ich kann mich nie ganz des Gedankens erwehren , daß Donna Beatrice einmal dieses allerdings meisterhafte Spiel in die Wirklichkeit übertragen und auch dort eine Art Medea sein könnte , die nur Tod und Verderben sprüht . Daß sie das kann , sieht man an ihren Augen , und – wenn ich auch sonst nicht gerade zu den Furchtsamen gehöre – zu lieben vermöchte ich eine solche Frau nicht . “ „ Und doch fordern gerade Rinaldo ’ s Werke diese flammende Darstellung , “ sagte der Marchese vorwurfsvoll , „ und dessen ist nur eine Biancona fähig