züchtigen . Er wagte nicht zu schreien , nur ein angstvolles Stöhnen rang sich aus der kleinen schweratmenden Brust . Aber schon bei den ersten Lauten fuhr Mercedes aus ihrem leichten Schlummer empor und eilte an das Bett des Kindes . Sie zog ihm die Decke vom Gesicht und erschrak heftig über die brennenden Händchen , die krampfhaft fest ihre Finger umklammerten , über den verstörten Blick , mit welchem der Knabe ihr zuflüsterte : « Lasse den schrecklichen Mann nicht herein , Tante – du weißt , er will mich schlagen ! – Klingle schnell , Jack soll kommen und Pirat auch ! « » Kind , du hast geträumt , « sagte sie bebend – wie ein Feuerstrom ging die Fieberglut von dem kleinen Körper aus – und jetzt schnellte der Knabe empor ; er stieß sie von sich . » Jack , Pirat ! « schrie er mit gellender Stimme . Donna Mercedes riß an der Klingel . Die schwarzen Diener erschienen voll Bestürzung , und bald darauf stand der herbeigerufene Arzt mit bedenklichem Gesicht am Bett des Kindes , das im vollsten Delirium fort und fort nach Hilfe rief , um den » schrecklichen Mann « fortzujagen . Damit begann eine furchtbare Zeit ... Der Tod stand lange am Bett des kleinen José und drohte , das Geschlecht der Lucians in seinem letzten Sproß für immer auszulöschen . Oft schien es , als recke er seinen Arm bereits hinüber bis an das junge , wildschlagende Herz ; dann lag das Kind im schlafähnlichen Zustande und tiefe Schattenzüge verwischten bis zur Unkenntlichkeit das frühere Gepräge des schönen , blondlockigen Köpfchens . Die Ärzte boten alles auf , den Knaben dem Leben zu erhalten , und es war seltsam zu sehen , wie sie fast instinktmäßig in ihrem Benehmen darin übereinstimmten , als gelte es , ihn einzig und allein zu retten für die junge Frau mit dem südlichen Bronzegesicht , die tränenlosen , starren Blickes , mit fest zusammengepreßten Lippen , ihre Berichte entgegennahm , die nie klagte , aber jede Speise und Labung schweigend zurückwies , und Tag und Nacht nicht von dem Krankenbett wich . Die kleine Mama dagegen , die oft mit dickverschwollenen Lidern , in vernachlässigter Toilette am Fußende des Bettes lauerte und unaufhörlich flüsterte und gestikulierte , war ein wahrer Schrecken für die Ärzte . Angesichts des bewußtlosen Kindes brach das Muttergefühl leidenschaftlich durch , aber auch zugleich der ganze Egoismus dieser Frauenseele . Die Angst , die sie folterte , wollte sie nicht ertragen ; sie wollte beruhigt sein , sie peinigte die Ärzte mit Fragen , und doch nahm sie jedes besorgte Achselzucken , jeden noch so verhüllten Hinweis auf die Gefahr wie eine beleidigende Schonungslosigkeit auf . Sie warf sich jammernd über den kleinen Kranken hin und erging sich in maßlosen Schmähungen und Vorwürfen gegen diejenigen , die ihr Kind nach Deutschland , in den spukhaften Schillingshof geschleppt und in eine solche Lebensgefahr geflissentlich gebracht haben sollten ... Mit ihrem Gebaren füllte sie den Leidenskelch für Mercedes bis an den Rand – sie mußte selbst überwacht werden , wie ein Kind , und erschwerte die Pflege , die ohnehin eine aufreibende war , da auch Deborah in ihrem unbeherrschten Schmerz durchaus nicht als Stütze gelten konnte . Die Schwarze litt doppelt . Die Leute des Hauses behaupteten einstimmig , das Kind müsse sterben – Adam sei ihm erschienen . Ein panischer Schrecken hatte alle gepackt , seit die gellenden Hilferufe des Knaben Korridor und Flurhalle erfüllt hatten – niemand mochte sich nachts , selbst bei hellster Beleuchtung , bis an die Laokoongruppe , nächst der Tür des Salons mit den Holzschnitzereien , wagen , und Deborah zitterte am ganzen Leibe bei dem leisesten Geräusch im anstoßenden Zimmer , sie warf die Schürze über den Kopf , um nicht zu sehen , wie der » schreckliche Mann « plötzlich auf die Schwelle trete , um die Seele ihres Lieblings zu holen . In Haus und Garten des Schillingshofes herrschte Totenstille , die Baron Schilling selbst behütete und überwachte . Keine rauhe Stimme , kein hart auftretender Fuß durfte laut werden ; man hatte alle Klingeln im Erdgeschoß abgenommen , das Geräusch des rollenden und rasselnden Kieses auf den Wegen des Vorgartens war gedämpft durch aufgeschüttetes Stroh , kein plätschernder Wasserstrahl sprang aus den geschlossenen Leitungsröhren , und der lärmende Pirat wurde Tag und Nacht in strenger Haft gehalten . In diesen schweren Tagen stand das Atelier völlig verwaist , Baron Schilling verließ das Säulenhaus nicht mehr . Er war in der ersten Nacht fast mit dem Arzt zugleich erschienen , und seitdem hatte er ein Hinterzimmer des Oberbaues bezogen , um stets bei der Hand zu sein . Anfänglich kam er nur auf Stunden in das Krankenzimmer ; er fühlte sehr gut , daß die schweigende Pflegerin in ihrer namenlosen , wenn auch heroisch niedergekämpften Angst nicht beobachtet sein wolle . Nur ganz allmählich verlängerte sich sein Aufenthalt am Bett des Kindes , und er stieß auf keinen Widerspruch ; die Kräfte der Pflegerin waren nahezu aufgerieben , und sie mochte einsehen , daß sie eine zuverlässigere Stütze nicht finden konnte , als in dem Mann , der mit Augen voll Schmerz und tiefer Zärtlichkeit ihren Liebling behütete . Sie empfing ihn nicht mehr mit finster abweisenden Blicken , wenn er eintrat ; seine nahenden Schritte machten sie nicht mehr zornig emporschrecken aus der Stellung , die sie oft stundenlang , auf dem Teppich knieend , vor dem Krankenbett einnahm ... Sie hatte sich neulich gegen jegliche Art des Zusammengehens verwahrt , und doch kam und ging er jetzt infolge stillschweigenden Einvernehmens und wachte des Nachts bei dem Kranken , während er darauf bestand , daß die tieferschöpfte Pflegerin sich in der anstoßenden Kinderstube zur Ruhe niederlege – und sie fügte sich ; angesichts des furchtbaren Unglückes , das über sie hereinzubrechen drohte , versanken alle Bedenken , die sonst die Oberhand in ihrer stolzen Seele hatten . Es fiel