hoch kommt , an die achtzig Jahr ’ — und ist es köstlich gewesen , so ist es Mühe und Arbeit gewesen ! “ Seine Augen hafteten lange sinnend auf dem ernsten Wahlspruch dieses noch so jungen Mädchens . Seine hohe kräftige Stirn umschattete eine milde Trauer , als er sich abwandte und die hunderterlei Blättchen betrachtete , die umhergestreut waren , alle mit wenigen Zahlen oder Zeilen beschrie ­ ben , unverkennbar schnell verworfene Anfänge von wissenschaftlichen Arbeiten aller Art und , wie es schien , meist unwillig und hastig weggeschleudert . Seitwärts des Tisches , teils auf einem Pult , teils auf der Erde lagen ganze Stöße aufgeschlagener , mit Zetteln und Anmerkungen versehener Bücher , Broschüren usw. Namen wie Helmholtz , du Bois , Ludwig , Darwin u. a. m. zeigten , welch ’ riesiges Material dieser kühne strebende Geist zu seinen Arbeiten herbeizog , — über welche Berge von Mühe er den Weg nach seinen ehr ­ geizigen Zielen nehmen wollte . „ So viel lebendige Kraft an fruchtlose Bestrebungen , so viel edlen Eifer an eine Verkehrtheit verschwendet , wie schade ! “ sagte Johannes mit einem unwillkürlichen Seufzer . Da bemerkte er ein kleines offnes Fach inmitten des Schreibtisches , wo Ernestine ihr besonders wertvolle Bücher zu bewahren schien . Das Eine war Kuno Fischers „ Leben Kants “ — das Zweite du Bois ’ Gedächtnisrede über Johannes Müller , und das Dritte : Andersens Märchenbuch . Eine eigene Rührung spiegelte sich in den Zügen des ernsten Mannes , da er dies erblickte . Nur ein starkes tiefes Gemüt vermochte die Erinnerungen seiner Kindheit so treu zu bewahren . — Er konnte nicht widerstehen , sich des Buches zu bemächtigen , um es genauer zu betrachten . Als er es in die Hand nahm und darin blätterte , fiel ihm ein vergilbtes Papierzeichen auf — es lag zwischen den letzten Seiten des Märchens vom häßlichen jungen Entlein , gerade da , wo die Kinder um den Teich stehen und rufen : „ Es ist ein neuer Schwan hinzugekommen ! “ Das war es wohl , was ihr die Märchen so wert machte — die Prophezeiung , daß aus dem Entlein ein Schwan werde , nicht das fromme Festhalten an dem , was ihrer Kindheit einst wert war ? Er stellte das Buch an seinen Platz zurück . Ein Schatten legte sich wieder über Johannes ’ Gesicht , — diese letzte Betrachtung hatte ihm weh getan . Er war so tief in Sinnen versunken , daß er fast erschrak , als sich eine Tür hinter ihm öffnete und Ernestine ihm entgegentrat . Als er die hohe Gestalt mit ihrer königlichen Würde vor sich stehen sah , schweigend und ruhig in dem edlen Be ­ wußtsein ihrer geistigen Bedeutung , da wiederholte er in Gedanken die Worte : „ Es ist ein neuer Schwan gekommen . “ Ja ! dem häßlichen jungen Entlein waren die Flügel gewachsen . Einen Augenblick pochte ihm vor innerer Erregtheit das Herz rascher . Er hatte Mühe , seine Haltung zu bewahren . „ Vergebung , mein Fräulein “ , begann er , „ daß ich an Stelle dessen , den Sie riefen , Ihnen meine Hilfe anzubieten wage . “ „ Wenn der alte Heim Sie schickt , sind Sie mir willkommen ; ist er krank — daß er mir einen Stell ­ vertreter sendet — oder zürnt er mir ? “ Ernestine faßte bei diesen Worten den Fremden fest ins Auge . „ Weder das Eine noch das Andere , mein Fräu ­ lein “ , erwiderte dieser ; „ er erlaubte mir nur , seinen Namen als den Talisman zu gebrauchen , welcher mir dies verzauberte Schloß öffnen sollte . “ „ Und warum das ? “ fragte Ernestine , ihn immer aufmerksamer betrachtend . „ Weil ich die Überzeugung habe , daß ich Ihre Krankheit besser zu behandeln verstehe , als der alte Heim . “ Ernestine stutzte und wandte den Blick von dem stolzen Sprecher ab , ein Anflug von Unwillen verdüsterte ihr Gesicht , aber es währte nicht lange ; bald schlug sie ihre großen Augen wieder prüfend zu ihm auf und sagte voll Vertrauens : „ Nein ! Sie sprechen nicht im Ernst . Einen Mann , der so an ­ maßend und eitel wäre , wie diese Worte Sie erschei ­ nen lassen , würde mir Heim nicht empfohlen haben ! “ Johannes reichte ihr erfreut die Hand . „ Das war ein tüchtiges Wort , mein Fräulein — das ge ­ fällt mir ! Aber dennoch muß ich den Vorwurf der Anmaßung und Eitelkeit auf mir ruhen lassen , bis Sie ihn selbst von mir nehmen , — denn ich sprach nur meine und Heims eigene Überzeugung aus ! Sie schütteln befremdet das Haupt und verstehen mich nicht . — Ich hoffe , Sie werden dies bald lernen . Wie hätte ich den Mut gehabt , durch eine so kecke Sprache Ihre Mißbilligung herauszufordern , wenn ich nicht wüßte , daß die nächste Zeit mich rechtfertigen wird ? “ Ernestine winkte ihm , sich zu setzen , „ Ist es indiskret von mir , mein Herr , wenn ich Sie , bevor wir weiter sprechen , nach Ihrem Namen frage ? “ Johannes sah sie freundlich bittend an . „ Liebes Fräulein — lassen Sie mich diesen noch verschweigen , ich möchte so gern , daß Sie Vertrauen zu mir faßten , zu mir , zu meiner Person , ohne die Ge ­ währ eines wohlbeleumundeten Namens . Wie köstlich , wie beglückend wäre solch ein Vertrauen ! Nennen Sie das eine Grille , wenn Sie wollen , aber lassen Sie mir dieselbe ! “ „ Wie Sie wünschen , mein Herr “ , sagte Ernestine etwas befangen , und ein forschender Blick heftete sich wieder auf sein Gesicht . Es war , als suche sie etwas in den reinen , edlen Zügen , als dämmere etwas wie eine Erinnerung bei Betrachtung