dem Konzert . Das hatte Toni nun alles versäumt ! Natürlich , es war ja verrückt von ihm , diese Frau mit dem lebenslustigen Sinne zwingen zu wollen an das Siechbett ihres Kindes . Sie hatte die richtige Lebensauffassung ! Zum Teufel , man macht es doch nicht besser mit dem ewigen Trübsalblasen , ändert nicht das Geringste und – was schadet ’ s denn , wenn der kleine Bursche dann und wann mit dem Mädchen allein bleibt ? Nichts , gar nichts ! – Dumme Sentimentalität ist ’ s , wenn man die Sachen nicht nehmen will , wie sie einmal liegen , ja ja ! – – Und er blieb sitzen und schalt auf sich und rüttelte sein Herz in der Brust zurecht und mühte sich , ihm etwas einzureden das er selbst nicht glauben wollte , und in diesem Widerstreit war es ihm , als ob plötzlich die Stimme des Kindes laut und deutlich sagte : „ Und sie hat um mich geweint , Papa ! “ Er sprang empor und schritt plan- und ziellos in den Park hinein , zuerst rasch dahinstürmend , dann langsam , immer langsamer , und plötzlich hielt er inne . Es herrschte tiefe Stille um ihm , die Nachtigallen waren verstummt und die Frösche auch . Er stand im Dunkel eines Baumganges , dicht vor ihm auf einer kleinen Lichtung erblickte er , kaum erkennbar , das geschweifte Dach des Theepavillons , und daraus scholl halblaut und doch deutlich , furchtbar deutlich , die Stimme Tonis ! “ „ Kurz und gut , ich sage es noch einmal , er hat Verdacht – sei vorsichtig ! “ Und ebenso deutlich klang die Antwort „ Zum Teufel auch , das ist peinlich ! “ Eine Eiseskälte überfiel Heinz , und dabei ein Reiz zum Lachen über sich selbst – den dummen guten anständigen Kerl , der er war . [ 224 ] Und was nun ? Was nun ? Hineinstürzen in dieses unselige Versteck ? Den Buben ins Gesicht schlagen , das Weib am Arm packen und jenem vor die Füße schleudern ? – Er hielt sich an dem Stamme der Weißbuche , neben der er stand – ihm schwindelte , er keuchte und ein Stöhnen rang sich von seinen Lippen . Mit Aufbietung aller Kräfte setzte er einen Fuß vor den andern , und am Pavillon angekommen , lehnte er sich , wieder schwankend , an den roh behauenen Eingangspfosten . Eine Gestalt trat ihm entgegen . „ Grellert ! “ stieß er hervor . „ Sie hier , Kerkow ? “ fragte die wohlbekannte näselnde Stimme zurück . „ Famoser Abend – wollen Sie nicht Platz nehmen ? “ Und gleichzeitig strich er ein Zündhölzchen an , das für ein paar Sekunden den kleinen Raum völlig erhellte . Er war leer , die in der Rückseite befindliche Thür offen . „ Grellert “ , sagte Heinz fast heiser , „ Sie sind ein Schurke ! “ „ Herr ! “ „ Ein Schurke – sage ich ! “ – wiederholte Heinz fast schreiend . „ Sie werden von mir hören , Herr Schloßhauptmann ! “ Heinz lachte laut und höhnisch und wandte ihm den Rücken . Er wußte später nie mehr , wie er sich nach Hause gefunden , er erinnerte sich nur , daß er gegen Morgengrauen noch immer in seinen Kleidern neben dem Bettchen des Kindes gesessen und immerfort den Gedanken in seinem Kopfe umhergewälzt hatte , was wird aus ihm , wenn es für mich schlecht ausgeht ? Hede ist ja da – natürlich ! Aber das arme , in abhängiger Stellung befindliche Mädchen noch mit der Sorge für das Krüppelchen belasten zu wollen das hieße grausam handeln . – Die Mutter würde es einfach vernachlässigen , und als Frau dieses gewissenlosen Bengels ? – – Es schüttelte ihn – – nur das nicht ! Das an Liebe so gewöhnte Kind durfte nicht verkümmern . Hinterlassen konnte er ihm natürlich nichts , gar nichts , und unter solchen Umständen einen Zweikampf ausfechten , einen mit geschärften Bedingungen ? Die Ehre will ’ s freilich so , ja , ja – ach diese alberne unverständliche Welt ! Das beste wäre , er nähme den Revolver und schösse zuerst das jammervolle kleine Geschöpf da und hinterher sich selbst tot . Aber nein , das wäre feige , und außerdem , es geht nicht , denn er hat kein Recht dazu ! Er erhob sich schwerfällig und ging ins Nebenzimmer an seinen Schreibtisch . Dort warf er ein paar Worte auf eine Karte , steckte sie in ein Couvert und adressierte es . Er wollte klingeln und sah auf die Uhr – es war noch viel zu früh , die erste graue Morgendämmerung drang eben durch die Fenster . Ihn fröstelte , er trat an den Liqueurschrank und nahm eine Flasche Cognak und ein Glas heraus , trank und streckte sich dann auf das Ruhebett neben dem Schreibtisch . Ein paarmal glaubte er , im Nebenzimmer leise Tritte zu hören , aber es mußte Täuschung sein ; Toni stand nicht vor zehn Uhr auf , auch konnte sie ja noch keine Ahnung haben . Dann kam eine bleierne Müdigkeit über ihn und er schlief ein . Mit heftig schmerzendem Kopf erwachte er , taumelte empor und blickte ins Nebenzimmer nach dem Bettchen des Kindes , die großen Augen lugten wach aus dem geduldigen blassen Antlitz verwundert zu ihm herüber . „ Papa “ sagte der Kleine , „ es ist schon so spät und ich bin hungrig , aber wenn du müde bist , warte ich noch . “ „ Nein , mein Herz , nur das Gesicht mit kaltem Wasser waschen dann öffne ich die Fenster und klingele um dein Frühstück . „ Kommst du dann mit mir in den Garten ? “ „ Ja , das heißt , heute nicht , mein Junge , ich habe nämlich – ich erwarte einen Besuch , aber dann , dann werde