darauf von starken Armen emporgehoben und hinübergetragen . „ Du mußt mir das schon zu Gute halten , “ klang es kühl und bitter in ihr Ohr , als sie wieder auf festem Boden stand . „ Eine Dame kann unmöglich diese Stelle ohne Hülfe passiren . “ Der Rest des Weges wurde schweigend zurückgelegt . Als sie in den Hausflur traten , lugten die neugierigen Gesichter der Mädchen aus der Küche , und die Muhme kam ihnen entgegen . „ Ist das ein Wetter ! “ meinte sie freundlich und öffnete ihnen die Thür zur Wohnstube . „ Guten Abend , Muhme , “ sagte Army und faßte nach ihrer Hand , aber die alte Frau zog sie merkwürdig eilig zurück . „ Gehen Sie immer hinein , Herr Baron ! “ bedeutete sie kühl . „ Lieschen kommt schon nach ; ich hab ’ ihr erst noch etwas zu sagen , und Sie werden ja noch so mancherlei mit Ihrem Herrn Schwiegervater zu besprechen haben . “ Sie zog das junge Mädchen an der Hand fort in ihr Stübchen . [ 842 ] „ Wir bekommen Besuch , Muhme , “ sagte diese ; „ Peter soll Army ’ s Mutter und die Nelly mit dem Wagen abholen . “ „ Schön werd ’ es bestellen . “ Die alte Frau ging hinaus , und als sie wieder eintrat , fiel der flackernde Scheiu der Lampe , die sie trug , auf ein ganz verweintes Gesicht , das vorhin die Dämmerung verdeckt hatte . „ Du hast geweint , Muhme ? “ fragte Lieschen und beugte sich zu ihr hinunter . „ Nun ja , Kind , das kommt so – laß ’ nur ! Ich wollte Dir heute Abend ein paar Worte sagen , weil doch Dein Verlobungstag ist . “ Sie stellte die Lampe auf den Tisch und trat zu dem jungen Mädchen . „ Sieh , Lieschen , ich hab ’ immer gemeint , er würde einmal fröhlicher werden , dieser Tag , und hab ’ gemeint , Du würdest einmal eine weniger blasse Braut sein . Es ist Dein Wille , Kind , Du sagst ja auch , Du bist glücklich , und hast den Eltern die Einwilligung auf den Knieen abgebettelt , aber mich , Lieschen , mich konntest Du nicht täuschen ; ich weiß es ganz genau , wie es in dem armen kleinen Herzen da aussieht , und das thut mir so jammervoll weh ; ich könnte schier vergehen vor Herzeleid . “ Sie wandte sich um , ging zur Kommode , zupfte die Decke zurecht und schob die Kasten auf und zu , und dabei liefen ihr die Thränen aus den Augen und fielen auf die alten Hände ; Lieschen stand noch schweigend mitten im Zimmer . „ Daß Du so still bist , Kind , und so starr , “ sagte die Alte und trocknete sich die Augen , „ das kann mich so angst machen ; sprich doch , mein Herzel ! Es wird Dir leichter darnach . “ „ Was soll ich denn reden , Muhme ? Ich habe ja nichts , wovon ich gern sprechen möchte , “ erwiderte sie . „ Komm einmal her zu mir , Liesel ! “ bat die alte Frau , „ versprich mir eins ! Wenn er jemals vergessen sollte , was Du für ihn gethan , wenn er jemals unfreundlich zu Dir ist und ich lebe noch , Kind , dann komme zu mir ! Dann werde ich mit ihm reden , und zum zweiten Male versucht er es nicht . “ Sie lächelte nur . „ Aengstige Dich doch nicht , Muhme ! “ „ Und die alte Baronin , Kind , hast Du sie gesprochen ? “ „ Nein , Muhme , ich glaube , sie will mich nicht sehen . “ Die alte Frau fuhr heftig auf , und ihr gutes Gesicht sah einen Augenblick unbeschreiblich bitter aus ; sie hatte eine derbe Rede auf den Lippen , aber ein Blick auf das bleiche Mädchen vor ihr ließ sie verstummen . „ Lieber Gott ! “ murmelte sie nur , „ und das Alles , ohne Liebe ! “ Und wieder füllten sich ihr die Augen mit Thränen . Draußen fuhr eben der Wagen dröhnend über die Brücke , der die Damen von dem Schlosse holen sollte , zu gleicher Zeit aber wurde auch die Hausthür geöffnet ; lautes Sprechen erschallte , und dann Dörte ’ s bedauerlicher Ausruf : „ Ach du lieber Gott ! Ach Jesses ! “ „ Das war doch der alte Thomas aus der Pfarre , “ sagte die Muhme und öffnete die Thür . Richtig , da stand der alte krumme Mann , und die Mütze , die er in der Hand hielt , triefte vom Regen , und Dörte rief der Muhme entgegen : „ Ach hören Sie doch nur , das Karlchen von Pastors ist gestorben , vorhin ; ach Gott , wie mir das doch leid thut ! “ „ Der Karl ? “ fragte Lieschen und stand plötzlich neben dem alten Boten , „ der Karl ? “ „ Ja , Fräulein , um sechs Uhr ist er eingeschlafen ; ach , Fräulein Liesel , die arme Mutter und der Vater ! Es war so ein prächtiger Junge ; Gott , ist das ein Jammer da unten ! Sie glauben ’ s gar nicht . “ Das junge Mädchen war noch in Mantel und Hütchen . Ohne sich zu besinnen , schritt sie der Hausthür zu . „ Wo willst Du hin , Kind ? Kind , bei diesem Wetter ! “ „ Ich gehe zu Onkel Pastor , Muhme , laß mich – bitte ! “ Und schon stand sie wieder in dem tosenden Wetter und kämpfte gegen den Wind , um vorwärts zu kommen . Die Rufe der alten Frau verhallten im Sturme , und über ihr bogen sich die Zweige der Erlen am