auf dem Piano und sie und Herr Rochester sangen ein Duett . “ „ Herr Rochester ! ich wußte nicht , daß er singen könne . “ „ O ! er hat eine schöne Baßstimme und einen vortrefflichen Geschmack für Musik . “ „ Und was hatte Miß Ingram für eine Stimme ? “ „ Eine volle und kräftige : sie sang zum Entzücken : es war ein Genuß , sie anzuhören — und dann spielte sie auch . Ich habe kein Urtheil über Musik , aber Herr Rochester ; und ich hörte ihn sagen , daß ihr Vortrag außerordentlich gut gewesen . “ „ Und diese schöne und talentvolle Dame ist noch nicht verheirathet ? “ „ Es scheint nicht so : ich glaube , sie und ihre Schwester haben beide kein großes Vermögen . Die Besitzungen des alten Lord Ingram waren größtentheils unveräußerlich , und der älteste Sohn erhielt fast Alles . “ „ Aber es wundert mich , daß sich nicht irgend ein reicher Herr in sie verliebt hat , Herr Rochester zum Beispiel . Er ist reich , nicht wahr ? “ „ O ja . Aber sehen Sie , das Alter ist beträchtlich verschieden : Herr Rochester ist beinahe vierzig , und sie erst fünf und zwanzig . “ „ Was thut denn das ? Es werden alle Tage noch viel ungleichere Verbindungen geschlossen . “ „ Es ist wahr ; doch sollte ich kaum denken , daß Herr Rochester einen solchen Gedanken hegt . — Aber Sie essen ja gar nicht zu Ihrem Thee . “ „ Nein , ich bin zu durstig , um zu essen . Wollen Sie mir noch eine Tasse erlauben ? “ Ich war im Begriff , zu der Wahrscheinlichkeit einer Verbindung zwischen Herrn Rochester und der schönen Blanca zurückzukehren ; aber Adele kam herein und die Unterhaltung nahm eine andere Richtung . Als ich wieder allein war , überdachte ich die erhaltene Nachricht , blickte in mein Herz , prüfte seine Gedanken und Gefühle , und war bemüht , die , welche sich in dem unbegrenzten und spurlosen Raume der Phantasie verirrt hatten , mit fester Hand in die sichere Hürde des gesunden Verstandes zurückzuführen . Von mir selbst als Zeugin aufgefordert , hatte die Erinnerung von Hoffnungen , Wünschen und Empfindungen , die ich seit der letzten Nacht gehegt , so wie von meinem allgemeinen Gemüthszustande seit beinahe vierzehn Tagen Zeugniß abgelegt ; die Vernunft war vorgetreten und hatte auf ihre eigenthümliche ruhige Weise in ungeschmücktem Berichte gezeigt , wie ich das Wirkliche zurückgewiesen und begierig nach dem Idealischen gestrebt , und ich sprach folgendes Urtheil aus : daß eine größere Thörin , als Johanna Eyre , nie gelebt ; daß eine phantastischere Wahnwitzige sich nie mehr als sie auf süße Lügen verlassen und Gift wie Nectar hinuntergeschluckt . „ Dich sollte Herr Rochester mit günstigen Blicken ansehen ? “ sagte ich . „ Du solltest mit der Macht begabt sein , ihm zu gefallen ? Du solltest ihm in irgend einer Art wichtig sein ? Geh ! deiner Thorheit ist mir zuwider . Und gelegentliche Zeichen des Vorzuges — zweideutige Zeichen , die ein Herr von Stande und ein Weltmann einer Untergebenen und Novize zu erkennen gegeben , haben Dir Vergnügen gewährt ? Wie kannst Du das wagen , armes , thörichtes Ding ? — Konnte Dich nicht das eigene Interesse weise machen ? Du wiederholtest Dir diesen Morgen die kurze Scene der letzten Nacht ? — Verhülle Dein Gesicht und schäme Dich ! Er sagte Nichts zum Lobe Deiner Augen , that er das ? Blinde Puppe ! öffne Deine geblendeten Augen . Sieh Deine eigene verdammte Sinnlosigkeit ! Es ist für kein Frauenzimmer gut , wenn ihr Vorgesetzer ihr schmeichelt , da es nicht zu erwarten steht , daß er die Absicht hat , sie zu heirathen ; und es ist Wahnsinn für alle Frauenzimmer , wenn sie zugeben , daß eine geheime Liebe sich in ihnen entzündet , die , wenn sie unerwiedert und unbekannt ist , ihr innerstes Leben verzehren muß , und die , wenn sie erweckt und erwiedert wird , gleich einem Irrlicht in Wildnisse führen muß , aus welchen kein Ausgang ist . “ „ So höre denn Dein Urtheil an , Johanna Eyre : stelle morgen den Spiegel vor Dich und zeichne getreu Dein eigenes Bild , ohne einen einzigen Mangel zu mildern , ohne eine harte Linie auszulassen , oder eine unangenehme Unregelmäßigkeit zu glätten , und schreibe darunter : Portrait einer armen und einfachen Erzieherin ohne Verwandte und Freunde . “ „ Dann nimm ein Stück glattes Elfenbein — Du hast ein solches in Deinem Farbenkasten — nimm Deine Palette , mische Deine frischesten , schönsten , klarsten Farben , wähle Deine zartesten Pinsel und male mit Sorgfalt das lieblichste Gesicht , welches Du nur erdenken kannst ; male es mit den sanftesten Schatten und glänzendsten Farben nach der Beschreibung , die Dir Mistreß Fairfax von Blanca Ingram gegeben : erinnere Dich ihrer dunklen Locken , ihres orientalischen Auges — wie ? Du kehrst schon wieder zu Herrn Rochester als einem Modell zurück ! Zur Ordnung ! keine Umschweife ! — keine sentimentale Gedanken — kein Bedauern ! nur Verstand und Entschlossenheit ist hier am Platze ! Erinnere Dich der erhabenen und doch harmonischen Züge , des griechischen Halses und der Büste : laß den runden und schimmernden Arm sichtbar sein und die zarte Hand ; laß nicht den Diamantring noch das goldene Armband aus ; stell getreu die Gewandung von luftigem Spitzengewebe und schimmerndem Atlas , die graziöse Schärpe und die goldene Rose dar , und nenne sie Blanca , eine vollendete Dame hohen Ranges . “ „ Wenn Du künftig Dir einbilden solltest , Herr Rochester denke gut von Dir , so bringe diese beiden Gemälde zum Vorschein , vergleiche sie mit einander und sage : Herr Rochester könnte die Liebe jener edlen Dame höchst wahrscheinlich gewinnen , wenn er darnach streben wollte —