ebenso sehr zu seinem eigenen Vergnügen wie zu meinem Wohle suchte . Ich sprach in der That verhältnismäßig wenig ; aber es war mir ein Genuß , ihn sprechen zu hören . Es lag in seiner Natur , mitteilsam zu sein . Er liebte es , einem Gemüte , das mit der Welt unbekannt war , Bilder und Scenen aus derselben vorzuführen , ( ich meine nicht sittenverderbte Bilder und wüste Scenen , sondern solche , welche durch ihre Neuheit fesseln konnten und ihr Interesse von dem großen Schauplatz herleiteten , auf welchem sie spielten ) und es war für mich eine reine Wonne , die neuen Gedanken , welche er bot , in mich aufzunehmen ; mir die Bilder zu vergegenwärtigen , welche er malte und ihm durch die neuen Regionen zu folgen , welche er eröffnete . Niemals erschreckte oder bekümmerte er mich durch eine verderbliche , schädliche Anspielung . Die Leichtigkeit und Freiheit seiner Manieren befreite mich von quälendem Zwange ; seine freundliche Offenherzigkeit , die ebenso korrekt wie wohlthuend war , zog mich zu ihm hin . Zuweilen war mir , als sei er mir nahe verwandt , ich vergaß ganz , daß er eigentlich mein Brotherr ; wohl war er hier und da noch gebieterisch und herrisch ; aber es kränkte mich nicht mehr ; ich wußte , daß dies nun einmal so seine Art sei . Ich wurde so zufrieden , so glücklich mit diesem neuen Interesse , welches mein Leben erhalten hatte , daß ich aufhörte mich nach Gefährtinnen meines Geschlechts zu sehnen ; die zarte Mondessichel meines Geschicks schien zu wachsen ; die Leere meines Daseins war ausgefüllt ; meine körperliche Gesundheit wurde besser , ich wurde stark und kräftig . Und war Mr. Rochester in meinen Augen noch immer häßlich ? Nein , mein lieber Leser . Dankbarkeit und andere gute , freie , sympathische Regungen machten , daß sein Gesicht das wurde , was ich auf der Welt am meisten zu sehen liebte ; seine Gegenwart machte das Zimmer heller und wärmer und gemütlicher , als das loderndste Kaminfeuer . Seine Fehler hatte ich jedoch noch immer nicht vergessen , und ich konnte es auch in der That nicht , denn er führte sie mir beständig vor Augen . Er war stolz , sarkastisch , hart gegen Untergebene jeder Art ; in der geheimsten Tiefe meines Herzens wußte ich , daß ungerechte Strenge gegen viele andere seiner großen Güte gegen mich die Wage hielt . Er war auch launenhaft und das in der unberechenbarsten Weise . Wenn er mich hatte holen lassen , daß ich ihm vorläse , fand ich ihn mehr als einmal allein in der Bibliothek , den Kopf auf die verschränkten Arme gebeugt ; und wenn er dann aufblickte , verdüsterte ein mürrischer , fast maliziöser Blick seine Miene . Aber ich glaubte , daß seine Launenhaftigkeit , seine Härte und seine früheren Sünden ( ich sage frühere , denn jetzt schien er sich bekehrt zu haben ) ihren Ursprung in irgend einem harten Schicksalsschlage hatten . Ich glaubte , daß die Natur ihn zu einem Menschen von besseren Neigungen , strengeren Grundsätzen und reinerer Geschmacksrichtung bestimmt hatte , als die traurigen Verhältnisse später in ihm entwickelt , die Erziehung ihm eingeträufelt , das Schicksal in ihm ermutigt hatten . Ich glaubte , daß ausgezeichnete Eigenschaften in ihm schlummerten , obgleich für den Augenblick sein ganzes Innere verworren und elend schien . Ich kann nicht leugnen , daß ich um seinen Schmerz trauerte , welcher Art er auch sein mochte ; und ich muß gestehen , daß ich viel gegeben hätte , wenn ich ihn hätte auf mich nehmen können . Obgleich ich meine Kerze jetzt ausgelöscht hatte und bereits im Bette lag , konnte ich nicht schlafen , weil ich fortwährend den Blick vor mir sah , mit welchem er in der Allee stehen geblieben war und mir erzählt hatte , daß sein Schicksal vor ihm erstanden und ihn trotzig gefragt habe , ob er es wage , in Thornfield glücklich sein zu wollen . » Weshalb nicht ? « fragte ich mich ; » was entfremdet ihn dem Hause ? Wird er es bald wieder verlassen ? Mrs. Fairfax erzählte , daß er niemals länger als vierzehn Tage hier bleibe , und jetzt residiert er schon acht Wochen hier . Wenn er wieder geht , wird es eine schmerzliche Veränderung für mich sein . Wenn er nun Frühling , Sommer und Herbst fortbliebe : wie freudlos würde dann der Sonnenschein , wie traurig würden die schönen Tage für mich sein ! « Ich weiß nicht , ob ich nach diesen Reflexionen eingeschlafen war oder nicht ; auf jeden Fall fuhr ich aber erschreckt empor , als ich ein undeutliches Murmeln , seltsam und unheimlich , vernahm , das , wie ich glaubte , gerade über meinem Kopfe war . Ich wünschte , daß ich meine Kerze hätte brennen lassen ; die Nacht war trübe und dunkel , mein Gemüt war bedrückt . Ich erhob mich und richtete mich im Bette auf , um zu horchen . Die Töne verstummten . Wiederum versuchte ich zu schlafen ; aber mein Herz klopfte ängstlich , meine innere Ruhe war hin . Weit unten in der Halle verkündete die Uhr die zweite Stunde . In diesem Augenblick war es , als berühre jemand die Thür meines Zimmers , als hätte jemand sich durch die dunkle Galerie an den Holzverkleidungen der Wand entlang getastet . Ich rief : » Wer ist da ? « Niemand antwortete . Die Furcht machte mich fast erstarren . Plötzlich fiel es mir ein , daß es Pilot sein könne , welcher oft , wenn die Küchenthür nicht geschlossen war , seinen Weg bis an die Schwelle von Mr. Rochesters Zimmer fand . Oft hatte ich ihn am Morgen selbst dort liegen sehen . Einigermaßen durch diesen Gedanken beruhigt , legte ich mich wieder . Stille und Ruhe stärken die Nerven , und da jetzt