preßte den Kopf zwischen beide aufgestützte Arme . Gertrud , die ihn erlöschen sah wie ein Licht verlischt , wurde es schwindlig vor Mitleid . Ihre letzte Hoffnung war auf Lenore gerichtet , die um fünf Uhr fortgegangen war , weil sie es unerträglich gefunden hatte , Stunde um Stunde nichtstuend auf den Vater zu warten . Bei jedem Geräusch , das im Hause erschallte , horchte sie begierig auf . Daniel stand am Fenster und starrte in die violette Dämmerung über dem stillen Platz . Es schlug sieben Uhr , es schlug halb acht , es schlug acht , Lenore kam nicht . Daniel fing an , erregt durch das Zimmer zu gehen . Wenn er mit dem Fuß an einen Sessel stieß , zuckte Gertrud zusammen . Kurz nach acht Uhr ertönten Schritte auf der Stiege . Der Schlüssel kreischte im Gatterschloß , die Stubentür ging auf , und herein traten Lenore und Philippine Schimmelweis . 7 Alle sahen Philippine an ; sogar der Inspektor heftete einen matten Blick auf sie . Daniel und Gertrud waren sehr befremdet . Daniel erkannte seine Base nicht , denn er wußte nichts von ihr und hatte sie nur einmal als Kind gesehen . Er wußte nicht , wer das abschreckend aussehende Wesen war und forderte mit einem fragenden Emporheben der Brauen von Lenore eine Aufklärung . Lenore war die einzige , die Philippine wohlwollend betrachtete , und außerdem lag in ihrer Miene eine gewisse Neugier . Philippines ganze Erscheinung hatte etwas Monströses . Schon ihre Toilette war abenteuerlich . Der große , braune Strohhut mit dem steif in die Höhe strebenden Band war ein wenig nach hinten geschoben , damit die über die Stirn hängenden modischen Simpelfransen nicht um ihre Wirkung gebracht würden . Das grell karierte Kleid war unterhalb der Brust mit einem gelben Stoffgürtel so fest umschnürt , daß die Plumpheit des Körpers dadurch ins Lächerliche wuchs und ihn einer großen Sanduhr ähnlich machte . Die grob geschnittenen Züge hatten den Ausdruck lauernder Tücke . Nach einigen Minuten peinlicher Stille schritt sie auf Daniel zu und zupfte ihn am Ärmel . » Gell , du weißt gar nicht , wer ich bin ? « fragte sie , und ihre kleinen Augen blitzten ihn mit rätselhafter Wildheit an ; » ich bin die Philippine ; die Philippine Schimmelweis bin ich . « Daniel wich vor ihr zurück . » Nun gut , was soll ' s ? « fragte er stirnrunzelnd . Sie folgte ihm , packte ihn abermals am Ärmel und zog ihn in eine Ecke . » Hör zu , Daniel , « lispelte sie , » mein Vater , der muß dir Geld geben , so viel du brauchst . Dein Vater nämlich hat vor vielen , vielen Jahren alles Geld , was er gehabt hat , dreitausend Taler , meinem Vater gebracht , damit er ' s für dich aufhebt . Verstehst ? Ich hab ' s erhorcht , wie mein Vater mit meiner Mutter davon gesprochen hat . Das ist auch schon an die sieben Jahre her , aber ich hab mirs damals hinter die Ohren geschrieben . Mein Vater hat das Geld für sich verwendet ; er denkt , er kann ' s behalten . Geh hin und verlang , was du haben mußt , um denen da zu helfen . Darfst mich aber nicht verraten , sonst schlagen sie mich tot , verstehst ? Darfst kein Sterbenswort von mir sagen , gell ? « » Ist das wahr ? « entrang es sich Daniel , in dem unsäglicher Zorn mit unsäglichem Ekel kämpfte . » Es ist wahr , Daniel , bei meiner Ehr und Seligkeit , « erwiderte Philippine , » geh nur hin ; wirst schon sehen , daß es wahr ist . « Lenore wandte während des Zwiegesprächs der beiden , aus dem kaum der Ton der Stimmen zu ihr drang , keinen Blick von ihnen ab . 8 Seit dem Tage , an welchem Philippine ihren Bruder Markus zum Krüppel gemacht hatte , war sie eine Geächtete im Haus ihrer Eltern gewesen . Schwerlich hatte sie jemals Anlagen zur Güte und Heiterkeit besessen , aber die barbarische Züchtigung ihres Vaters hatte ihre Seele für immer verdunkelt und befleckt . Von ihrem zwölften Jahr an wurde ihr Geist ausschließlich vom Haß regiert . Der Haß erweckte sie , zeugte Gedanken und Pläne in ihr , verlieh ihr Willenskraft und Kühnheit und gab ihr eine frühzeitige Reise . Sie haßte ihren Vater , ihre Mutter und ihre Brüder . Sie haßte das Haus und seine Stuben , das Bett , in dem sie schlief , den Tisch , an dem sie aß . Sie haßte die Leute , die in die Wohnung , die Kunden , die in den Laden kamen , die Müßigsteher am Schaufenster , den langen Zwanziger , die Bücher und die Zeitschriften . Aber an jenem Mittag , als sie das Gespräch zwischen Vater und Mutter belauscht , hatte sich in ihrem finsteren und verwahrlosten Gemüt dem Haß eine zweite Macht beigesellt . Mit brennendem Kopf hinter der Tür stehend , hatte sie gehört , daß sie mit Daniel sollte verheiratet werden . Dieses Wort hatte sich die Dreizehnjährige mit der ganzen Wildheit einer Gefesselten , mit der ganzen Verbissenheit einer Phantasielosen zu eigen gemacht . Sie hatte darin nicht einen mehr oder weniger aussichtsvollen Plan des Vaters , sondern eine Schicksalsbotschaft hatte sie vernommen und lebte von nun an einer Idee , die Licht und Zweck in ihr Dasein brachte . Kurz nach seiner Ankunft in Nürnberg hatte sie Daniel unter den Meßbuden auf der Insel Schütt zum erstenmal gesehen ; der Vater hatte ihn ihr gezeigt . Sie wußte , daß er Musiker werden wollte ; sie empfand dabei nichts . Sie wußte , daß es ihm schlecht ging ; sie spürte weder Mitleid noch Bedauern . Als sie ihn später im Konzertsaal erblickte , war er ihr schon der Versprochene ; er gehörte ihr