und Verstimmungen , nicht zutraf . Ganz im Gegenteil schien dieses liebevolle Verstehen zwischen Mutter und Sohn noch inniger . Sie gingen so herzlich miteinander um , als könne Güte ihnen helfen - aber daß die Stimmung sehr ernst war , sah Tulla wohl . Und sie sah ja auch : wenn Allert abends kam , zog er sich mit der Mutter immer erst für einige Minuten zurück . Sie hörte auch : er verzweifelte beinahe , weil die Lage dunkel blieb . Der abgereiste Doktor Dorne schrieb nicht . Man wußte nicht , wohin er gereist war . Man konnte gar nicht nachforschen . Das vorsichtige Anfragen bei den Dienstboten schien schon fast zu viel riskiert . Man wollte , durfte kein Aufsehen machen . Skandal war zu vermeiden . Der Mann konnte doch unerwartet zurückkehren . Oder schreiben . Die Leute in der Wohnung wußten nichts ... In der Fabrik sagte Allert , daß sein Teilhaber in wichtigen Familienangelegenheiten verreist sei . Die wissenschaftliche Arbeit mußte inzwischen der Assistent weiterführen , der , das sah Allert gleich , ein tüchtiger und selbständiger Mann war . Schon sprach Allert mit seiner Mutter davon , ob man sich mit der Polizei in Verbindung setzen wolle ... Sechs Tage schlichen so hin - Und Raspes Ankunft stand vor der Tür . So klagte Tulla es denn laut der Mutter des geliebten Mannes vor : » Diese Geschichte wird ihm seinen Osterurlaub verderben . Und sie geht ihn doch gar nichts an . « » Nun , die Sorgen des Bruders gehen ihn wohl an , « sagte Sophie . Aber sie dachte selbst voll Bekümmernis daran : Er kam , vielleicht das Herz voll Spannung und Vorfreude - vielleicht sollte er sich über sein ganzes zukünftiges Mannesleben entscheiden - in festlichen Frühlingstagen sich prüfen , ob junge Liebe und seliges Hoffen zu herrlicher Wahrheit werden können . Und da drängten sich diese häßlichen Sachen dazwischen . Die Furcht vor Aufsehen , die Allerts geschäftlichen Ruf doch immer ein wenig trüben konnte - wie , wenn der unselige Mann sich ein Leid angetan ? - Wenn das alles in die Presse käme ? Allert in solchem Zusammenhang genannt zu sehen - welch ein Gedanke ! Sophie dachte daran : am besten würde es sein , mit Tulla und Raspe zusammen fortzugehen . An Vorwänden fehlte es nicht . Sie war überarbeitet , sie durfte das Bedürfnis nach einer Ausspannung wohl geltend machen . Man konnte in die Lüneburger Heide gehen - malerische Studien versuchen und den herben nordischen Frühling skizzieren . Aber Tulla , das verwöhnte Prinzeßchen , würde in den einfachen Wirtshäusern der Heidedörfer vielleicht zu viel entbehren . Doch Helgoland ? Sophie kannte es nicht . Als sie den Gedanken laut erwog , schien Tulla entzückt . Sie war mal dagewesen - als ganz kleines Kind , mit Papa und Mama , in den Zeiten , als es noch vorkam , daß Papa und Mama zusammen reisten . Sie konnte sich jedoch beim besten Willen nicht mehr erinnern , wie es dort aussah . Ja , ja , nach Helgoland . Und sie ward so belebt von der Aussicht auf diese kleine Reise , daß Sophie wohl herausfühlen mußte : es hatte schon an Abwechslung gefehlt . Sie war es ja auch nicht anders gewöhnt : immer Veränderung , Vergnügen . Neues Vorhaben tauchte schon auf , wenn ein Programm noch nicht ganz zu Ende genossen war ... Es gab nun einen Kampf für das Mutterherz . Sie wünschte so heiß , ihrem älteren Sohn in dieser schweren Zeit der Ungewißheit zur Seite zu bleiben . Aber sie wünschte nicht minder dringlich , dem jüngeren Sohn die bevorstehenden Tage zum Fest zu machen . Aber da kam ein im Grunde für sie ja recht nebensächliches Ereignis und verhalf zur Entscheidung . Dory Vierbrinck verlobte sich mit dem Baron von Patow . Er war der Sohn von Sophiens verstorbenem Bruder . Wie hätte sie sich der Teilnahme an all den Festlichkeiten entziehen können ? Das neue Brautpaar sollte in der Osterzeit durch viele Diners gefeiert werden . Einladungen für sie und ihre Söhne kamen gleich reichlich ins Haus . Dies alles mitmachen und den jungen lieben Gast dann immer allein lassen , hätte geheißen , die ganze Urlaubszeit Raspes um ihren eigentlichen , unausgesprochenen Zweck bringen . Und wie wenig war der Mutter nach Festen zumute , jetzt , wo so schweres Gewölk über dem Leben ihres Sohnes stand . Allert selbst riet : reise ab , nimm Raspe und Tulla mit Dir , ich will versuchen , ab und an die Familie zu vertreten ; und übrigens weiß ja Fritz ziemlich Bescheid und kann mir ' s nicht verargen , wenn ich nicht allemal dabei bin , wo er und seine Braut angefeiert werden . Es schien ihm selbst fast willkommen , ein paar Tage allein zu sein . Er fühlte täglich mehr : alles erträgt sich gut , ja besser zu zweien . Nur gerade nicht Ungewißheiten - deren Peinlichkeit steigert sich beim Besprechen . So war es denn beschlossen . Am Dienstag nach Palmsonntag wollte man sich einschiffen und am Ostermontag zurück sein . Und Sophie fuhr am Montag spät nachmittags zur Bahn , um Raspe abzuholen . Tulla blieb in der Wohnung zurück - ganz aus aller Haltung vor fieberhafter Spannung . Zweimal zog sie sich um , und Therese mußte ihr die Kleider im Rücken schließen . Das nahm Therese übel , denn sie war nicht gewohnt , in ihrer Arbeit so oft gestört zu werden . Tulla wollte wissen , welches Kleid ihr besser stehe , und bekam die Antwort : » Beides ejal . Schwarz steht jnä Fräulein nu mal nich . « Und Mamas Jungfer hatte doch immer bewundert , wie vorteilhaft die Trauerkleidung für Tulla sei ! Sie weinte beinahe . Sie zog ein drittes Kleid an . Das aus schwarzen Spitzen , das den Hals freiließ . Und geängstigt von Theresens