gern , wenn sie zuweilen in die Werkstatt kam , sich in einen alten Armstuhl setzte und schweigend unserm Schaffen zusah , indes ihr einziger Sohn , ein etwan siebenjährigs Bürschlein , als ich ihn erstmals sah , sich in eine Ecke hockte und aus den Bruchstücken des Marmors Grotten und Höhlen baute und allerhand Käfer und Fliegen darein verschloß . Also lebte ich fröhlich in diesem Hause , und mein guter Meister verfolgte mit wahrer Freud und Teilnahm meine Arbeit , bald anerkennend , bald verbessernd , wie es grad vonnöten war . Und noch einer war mir in diesen glückhaften Tagen meines Werdens ein treuer Berater und väterlicher Freund ; - der alte Professor Boos , dessen Name um jene Zeit einen guten Klang hatte . Er war schon ein hochbetagter , greiser Mann , mußt sich beim Gehen auf den Arm seiner Tochter stützen und wohl auch die leitende Hand seines Jüngers Eberhard dulden , wenn er einmal die zwei steilen Himmelsteigen zu unserer Wohnstatt hinaufklettern wollte . Dieser würdige Meister hatte der Münchnerstadt und dem Lustschloß Nymphenburg manches große Werk geschaffen , hatte den Marmor Tirols und den von Salzburg in herrliche Götter und Nymphen verwandelt und in großmächtigen Holzblöcken die Taten des griechischen Halbgotts Herkules verkörpert . Und also saßen wir beieinander in unserer Werkstatt und hatten nur Aug und Ohr für die edle und herrliche Kunst , indes die Straßen widerhallten vom Kriegsgeschrei und der Weltbezwinger Napoleon seinen Einzug in die Stadt hielt und in großmütiger Freigebigkeit dem Churfürsten die Königskrone samt dem Gottesgnadentum überreichte . Hab annoch , Gott sei Dank , nicht brauchen mitzuschreien und ihm Salut zu geben ; denn man kunnt mich wegen meines armseligen Körpers nicht gebrauchen zu einem Soldaten . Doch hat es auch in meiner Hand gezuckt und ist mirs durchs Herz gefahren , da man nachmals die gefangenen Landsleute meines besten Freundes , des Bildlthomas , zu München schmähte und mit Kot und Steinen bewarf , dafür , daß sie um ihr Tirolerland , um ihre angestammte Heimat stritten . Mag nicht daran denken , an die Schmach , da man den tapfern Andreas Hofer im ganzen Bayerland verfluchte und über sein traurigs End frohlockte , solang jener korsische Herrgott die Bayern samt ihrem König am Gängelband führte , bis endlich nach jenem furchtbaren Feldzug dreißigtausend Bayern in Rußland blieben , Max Joseph plötzlich umsattelte und zu Österreich hielt und die Macht dieses Despoten bei Leipzig gebrochen ward . Da begann man allenthalben jenes überaus klägliche Lied vom Andreas Hofer zu singen und zu plärren , darin vom heilgen Land Tirol und vom treuen Hofer gar viel geschmalkt und geredet wird ; und mag wohl in dieser Zeit , da ich schon betagt bin , kein Wirtshaus sein , daselbst nicht Bänkelsänger und Saufbrüder dies Lied im Maul haben und mit Hafendeckeln und blinden Patronen den Todesschuß markieren . Doch genug von solcherlei Geschichten ! Mag nimmer daran denken und red lieber von jener glückhaften Zeit , da ich den Endzweck meines Schaffens , jene persönliche Kraft fand , die ich an den alten Vorbildern und Meisterwerken so sehr wertschätzte und liebte . Will einer die Werke unserer heutigen Bildschnitzer und Herrgottschneider recht betrachten , so mag er nur den Christmarkt und die Dult besuchen oder den Korb eines jener von Haus zu Haus ziehenden Burschen ausräumen : er wird bald finden , daß jene Lauterkeit und Größe der Lebensführung , so man gemeiniglich Kultur nennt , bei dem gebildeten Städter auch in seiner Vorliebe für religiöse Bildwerke von Tag zu Tag niedriger wird , verweichlicht und verflacht . Wo sind jene einfachen , natürlichen Linien , die so sehr die Kraft des Schöpfenden erwiesen , wo jene Unmittelbarkeit , jene Wucht , mit der die Werke früherer Tage den Beschauer packen und zur Andacht zwingen ? Weichlich und ohne Halt , kalt lassend in ihrer Glätte , oder aber durch süßliche Verlogenheit zu falscher Gefühlsheuchelei führend , so stehen und hängen sie zu Dutzenden um uns in Schulen und Wohnstätten , in den Wirtsstuben und Verkaufsläden , ja selbst in den Kirchen und Klöstern . Fade Öldrucke wechseln mit schablonenhaften Gipsfiguren , geschmacklose Madonnenstatuetten mit sinnlich-sentimentalischen Wandkreuzen , deren Anblick niemals einen Menschen aus der gleichgültigen Lauheit des Alltags reißen kann , wie uns annoch die allgemein übliche Betätigung der täglichen und häuslichen Andachtsübungen gar trefflich zeigt . Immer seltener werden jene ergreifenden Darstellungen aus dem Leben und Leiden unseres Herrn , die gerade durch die harte und scheinbar kunstlose Führung der Linien , durch die Anspruchlosigkeit und Einfachheit der Gebärde ergreifen und zum Göttlichen weisen . Sogar die Krippe der Weihnacht mit ihren holzgeschnitzten Figuren wird von Jahr zu Jahr mehr aus dem bürgerlichen Haus verbannt und dafür süßfarbige papierene Bilder auf den Hausaltar gestellt ; denn unserer bürgerlichen Zeit ist alles Lebenswahre zu roh , zu kraß und nicht selten - zu unsittlich . Wie himmelhoch stehen dagegen die Werke einfacher Bauernschnitzer , insonders der Tiroler , vor uns : ein einschichtigs Feldkreuz , - ein armseligs Bildwerk einer Votivkapelle , - der anspruchlose Wandherrgott in einer Sennhütten kann uns zur wortlosen Andacht , zum Nachdenken und zu ernster Betrachtung zwingen . Die Art , wie dieser Gekreuzigte das Haupt senkt - , jener die Finger einkrallt oder die Glieder im Schmerz renkt oder im Tode streckt , - die unmittelbare Auffassung der biblischen Legende und ihre lebenswahre Verkörperung ist es , die uns armselige Erdenwandler ergreift und erschüttert . Und diese Vorbilder waren es , an denen ich mich erbaute und sie mir zunutze machte ; die lebendige Wiedergabe des wirklichen Lebens wollte ich von ihnen lernen . Unter solcher Arbeit gingen die Tage hin , und die Zeit brachte in zwanzig Jahren ihres Laufs mannigfache Veränderungen - dem Land , der Stadt , den Leuten und auch mir ; denn da man zählte 1826 , da stand ich als schier vierzigjähriger Herrgottschneider einsam in der Werkstatt des Meisters Roman Boos ,