glauben . Er will einen Glauben haben , und zwar den strengsten , um die Öde seines Wesens zu bevölkern . Jetzt mag ihm mein Heidentum viel Herzeleid machen , obwohl er mir nimmer ein Wort darüber sagt . Als ich von der Universität heimkam , fand ich meinen Vater bei dem Herrn dieses Hauses , bei dem er Geschäfte hatte . Als dieser hörte , daß ich musikalische Kenntnisse besäße , fragte er , ob ich seiner Tochter Musikunterricht geben wolle , ihr Verlobter , der Graf Stanislaus liebe Musik . Fräulein Hedwig war damals ein Jahr jünger als jetzt ; man hatte die beiden jungen Leute schon als Kinder verlobt - ich blieb . Da kam die Revolution und der Krieg . Ich bat um eine Soldatenjacke , ich wollte ein Vaterland haben - man gewährte sie mir . Mit Ihnen , mein Herr , kam ich zum erstenmal seit dem Dezember wieder hierher , und ich törichter Mensch wundere mich , daß man mir unter dem Kaskett noch immer den Juden ansieht . - - Ich weiß selbst nicht , was mir fehlt , und ich will auch nicht mehr weinen - lassen Sie uns zu Bett gehen . « Der Vorschlag war dem Valerius nur zu angenehm , er hatte keinen Trost für ihn . Die Lücke in seiner Erzählung , wo er von der Universität heimkehrte , war ihm nicht entgangen . Man hatte das Feuer vergessen , es war dunkel geworden , nur die glühende Asche warf einen unsicheren roten Schimmer auf das schmerzenreiche Antlitz des schönen Joel . Valerius nahm ihn bei der Hand , und sie suchten schweigend ihre Zimmer . 9. Den andern Morgen schien die Sonne ; das trübe Wetter hatte sie bisher immer verborgen . Sie brachte Mut in das schwer gedruckte Herz des deutschen Freiwilligen . Die Sonne hat wirklich ein wunderbares Belebungselement für die sinnenden Menschen , die in lauter Gedanken das Leben hindurchklettern und jener körperlichen Anregung zur Freude entbehren , welche die stumpfe Masse und die eigentlich glücklichen Menschen zu Lust und Jauchzen stachelt . Valerius gehörte nicht zu diesen letzteren , und er verehrte darum die Sonne wie ein Peruaner ; sie war ihm das wirkliche Auge des Himmels , und Gott und der Himmel waren für ihn der Begriff von eitel Schönheit , Freude und Glück . Es war ihm aber auch dieser Trost nötiger als je , es tat ihm mehr als je not , ins Auge , in die Seele der Welt hineinzublicken . Er befand sich auf jenem traurigen Standpunkte menschlicher Entwickelung , wo der graue Zweifel , die aschfarbene Ungewißheit Herz und Geist anfüllt , wo bei leidenschaftlichen Menschen die Verzweiflung ausbricht , bei ruhigeren aber jene tötliche Gleichgültigkeit des Unbehagens . Sogar die Vergangenheit war ihm verleidet : sein eigenes sicheres , abgemachtes Wesen , das ihn früher ausgezeichnet hatte , war jetzt seiner Erinnerung ein Greuel . Abgeschmackt , eitel , töricht erschien ihm diese knabenhafte Sicherheit , dies ganze gesetzte Wesen , das ihm stets ein so großes Übergewicht unter seiner Umgebung eingeräumt hatte . Und doch waren es nicht jene Freiheitsgedanken an sich , die er jetzt bezweifelte ; es waren die Verhältnisse im großen , die allgemeinen historischen Entwickelungen , die ihm den Geist mit Dämmerung bedeckten . Er ahnte das Tausendfältige der menschlichen Zustände , die tausendfältigen Nuancen der Weltgeschichte , die millionenfachen Wechsel in der Gestalt eines Jahrhunderts und in der Gestalt seiner Wünsche und Bedürfnisse . Er sah die Armut des menschlichen Geistes , der reformieren will , neben dem unabsehbaren Reichtume , der unendlichen Mannigfaltigkeit dieser Welt und ihres verborgenen ewigen Gedankens . Wie ein Prisma schimmerte ihm aus dem Dunkel seiner Seele jener ewige Gott der Welt mit seinen Farben . Und dies Gefühl der Schwäche , daß er nicht eine einzelne bestimmte Farbe herausblicken konnte , das Gefühl der Ohnmacht , sie nicht im Geiste alle vereinigt halten zu können , dies Gefühl der menschlichen Beschränktheit drückte ihn zu Boden . Es gibt Menschen , welche zu stolz sind , einen Schritt weiter zu gehen , bevor sie das Ziel genau kennen , auf welches sie losschreiten . Zu diesen gehörte Valerius . Er glaubte noch an all seine früheren Gedanken , aber sie erschienen ihm jetzt unvollkommen , Anfänge der Bildung . Das sind die trostlosesten Momente im Leben , wo wir den Fuß erhoben haben von einer früheren Entwicklungsstufe , und noch keinen neuen festen Boden unter uns fühlen . Wir sehen mit Schrecken , wie tief jene Stufe noch gelegen , wir erinnern uns mit Scham , wie weit wir uns schon vorgeschritten glaubten , als wir auf . jener Stufe standen , und der Gedanke zerknirscht unser stolzes Herz , daß wir beim nächsten Ruhepunkte wieder in denselben Irrtum verfallen , und uns für fertig , für vollendet halten werden . Wir sehen ängstlich fragend zum Himmel : Wo ist das Ende , wo ist der Gipfelpunkt des Menschen ? Aber der blaue Himmel ist endlos für das menschliche Auge , und wenn wir noch so hoch gestiegen sind , wir wissen ' s nicht , ob es höher Stehende gibt , die uns verlachen . Da bricht das Herz , und wir greifen nach jener Milde und Toleranz für andere , damit wir Versöhnung in das Leben bringen . Valerius seufzte tief auf nach solchen Gedanken und sah schmerzlich lächelnd in die Sonne : » Nun denn , du mildes Licht , ich will eben weiter gehen , und jeder deiner Strahlen soll mir Mut verleihen . « Es war ihm sanft zu Sinne , als habe er sich recht ausgeweint , und er ging leichten Schrittes in den Hof hinunter , um einen Ritt ins Freie zu machen . Er wollte mit der Sonne schwelgen . Magyac war nicht zu sehen ; als wieder rüstig gewordener Soldat ging er nach dem Pferdestall , den litauischen Gaul selbst zu satteln , den ihm