zu einer Beschäftigung mit dem getrieben , was man die Frauenfrage nannte , und hatte für sich selbst einen Ausgang gefunden , denn sie lernte fleißig bei Lehrern , weil sie das Abiturientenexamen machen wollte und dann in der Schweiz Medizin studieren ; und indem auch hier noch keine Scheidung eingetreten ist zwischen den tüchtigen Menschen , auf denen die Zukunft ruht , die ja irgendwie anders sein wird als die Gegenwart , und den zerfaserten und untüchtigen , die nur aus Schlechtigkeit und Ohnmacht mit allem Neuen gehen , so kam sie in ihren Kreisen mit Johanna zusammen und gewann eine Zuneigung zu ihr , wie ja solche innerlich gänzlich zerstörten Personen von Johannas Art oft die Liebe gerade der Besten gewinnen . Karl hatte durch seine Natur die Gewohnheit , daß er gern mit Frauen sprach , und nachdem seine wunderliche und unpassende Liebschaft ein Ende genommen , besuchte er wieder häufiger eine solche Gesellschaft , wo er Frauen und Mädchen antraf , die zu seiner Klasse gehörten . So kam er jetzt auch oft wieder zu Luisen , die ihn in ihrem jungfräulichen Stübchen empfing , mit ihrem Bruder zusammen , der sich immer mehr zu einem wortkargen und scheuen jungen Gelehrten entwickelt hatte , und saßen die drei dann behaglich um den runden Tisch , wo Luise mit Freundlichkeit als Wirtin waltete , und eine besondere Wärme , die von den friedlichen Wänden , der reinen Luft des Zimmers und der Stille ihrer Bewegungen ausging , bewirkte in seinem Herzen ein besonderes Wohlgefühl ; dann wurde nicht gestritten und disputiert , nur Kleinigkeiten wurden erzählt , oft in Andeutungen , die bloß den drei verständlich waren , und zuweilen brachte Karl eine Blume mit , und wenn Luise die in einem zarten Glase auf den Tisch setzte , so freute er sich . Schon länger hatte er von der neuen Freundschaft gehört , aber wegen des veränderten Namens war ihm keine Ahnung gekommen . So fand er unvorbereitet an einem Tage Johanna beim Eintritt in das Zimmer vor , wie sie an dem Platz gegen das einzige Fenster saß , den er selbst sonst innehatte , und so kam es , daß er sie bei der Vorstellung nicht erkannte , sich gleichmütig verbeugte und unbekümmert setzte . Da sprach Johanna zu ihm : » Ich denke , wir müssen uns kennen . « Dieser Worte Klang trieb ihm plötzlich das Blut zum Herzen , er sprang auf und zitterte , und war ihm , als müsse er ohnmächtig werden ; sie aber brach in ein silberhelles Gelächter aus , das von einer wunderbaren Lieblichkeit anzuhören war . Da schien es ihm , als geschehe das alles meilenweit entfernt von ihm . Es geschah Karl , daß unter seinem gewöhnlichen Menschen , den er kannte , sich plötzlich ein andrer und neuer Mensch erhob , den er nicht kannte , denn der hatte bis dahin unbewegt geschlummert . Ganz plötzlich erhob sich der und zeigte sich als blind und ganz erfüllt von einer unsinnigen und leidenschaftlichen Liebe zu Johanna , und während er sonst alle andern Regungen durch genaue und kranke Selbstbeobachtung in klares Licht stellen konnte , war an diesem Treiben gar keine Beobachtung möglich , denn es schien , als sei es ebenso einfach und nicht zu untersuchen wie der Hunger oder Durst . Gleichzeitig mit diesem verspürte er einen neuen Wunsch , nämlich , daß er an Gott glauben könnte , und indem er meinte , daß es keinen lebendigen Gott gibt , betete er zu dem , daß er ihm Glauben geben möge an ihn . Aber es war ein tiefes Dunkel und Schweigen , und kein Trost kam herab in sein furchtsames Herz . Ehe er Johanna wiedersah , hatte er oft an Luise gedacht und sie sich vorgestellt , und solches Bild hatte ihn dann getröstet . Etwa sie saß unter einem blühenden Kirschbaum , in welchem die Bienen summten , und ein Blütenblatt fiel langsam sich drehend in ihren Schoß , oder ihre großen und dunklen Augen hatten jenen wunderbaren , tiefinnerlichen Ausdruck , den viele durchweinte Nächte erzeugen , wenn es die Dinge unsrer Seele gewesen sind , um die wir geweint haben ; und ihre kühle Hand lag auf seiner Hand , Ruhe in ihm verbreitend und den Frieden , den sie sich erkämpft hatte . Denn auch sie hatte schwere Zeiten in ihrem Innern gehabt , aber wenn es im Gespräch an diese kam , so glitten die Worte an ihr ab ohne Wirkung , und nur im Gefühl teilte sie mit von dem , was sie besaß . Und er wußte , das Leben entflieht , wie der Schatten einer Wolke dahinzieht über schweigende Wälder und Berge . Nun waren zu dem noch die Gefühle und Triebe des andern und untenliegenden Menschen gekommen , die sich um Johanna bewegten . Sehr merkwürdig war es , welche Übereinstimmung er mit ihr in scheinbar unbedeutenden Dingen hatte , die doch auf Tieferes in uns weisen ; so liebten sie beide , wenn im Bücherbrett die Bände eng zusammenstanden , und wo eine Anzahl Werke von geringerer Höhe neben größeren aufgestellt waren , legten sie andre oben quer über , damit die Lücke ausgefüllt wurde . Eine eigne Rührung überfiel ihn , als er das bemerkte . Auch schien es , als seien sie in allem der gleichen Meinung , und eine Uneinigkeit entstehe nur scheinbar und durch Mißverständnisse . So gelangte er auch neben Johanna oft zu dem Gefühl der Beruhigung . Zuweilen , wenn seine Gedanken einander widerstritten , sagte sie ihm , welches seine richtige Meinung war , ehe er selbst Klarheit gewonnen hatte ; bei solchen Gelegenheiten konnte sie ihm scherzend vorwerfen , er rede oft doppelsinnig . Aber plötzlich wurde ihm dann klar , daß sein Kreis enger geworden , und daß er das frühere Gefühl verloren hatte , hinter seinem Bewußtsein breite sich noch ein großer und dunkler Raum aus , der ihm