? Hat niemand seine Sensationen über diesen Punkt niedergeschrieben ? So viel kommt hier zusammen , weißt du ! Innerliches , aber auch Äußerliches . Ich fand mein Haar zu lang und ließ es stutzen ; ich wollte eine rote Krawatte anstecken , aber Rösi will , daß ich ein Sträußchen rote Nelken trage - ich , die seit zehn Jahren keine Blume getragen hat ! Wird mir das Wort gehorchen ? Wird es mir nicht in der Kehle stecken bleiben wie das Wasser in einer zu vollen Flasche ? Wird meine Stimme ausreichen ? Wird sich das Band der Sympathie weben zwischen mir und den Hörern , ohne das alles ein totes Gerede bleibt ? Meine Hörer sind herrlich , das beste Auditorium , das denkbar ist . Ich kenne sie von manchem Abend her , diese Arbeiter und Arbeiterinnen , kenne ihre gespannten gläubigen Augen , ihre feurige und andächtige Bereitwilligkeit . Sie nehmen so auf , wie durstige Pflanzen dem Tau ihre Blätter hinbreiten . Liebe Leni , ich habe aus meinen Sorgen zwei oder drei Bündel gemacht und sie in die Ecken geschleudert . Ich werde starken Tee trinken vor meinem Vortrage und in die Sonne gehen , damit ich warm werde , ganz warm und hell . Und dann werde ich mit warmer , heller Stimme meine Freunde rufen . Werden sie mir antworten ? Einige frühere Patientinnen kommen auch hin , sie freuen sich , wie sie sagen , die guten Dinger . Wünsche mir Glück . Deine Josy . Helene an Josefine Liebste Freundin ! Dein Brief voll Jugendschwung hat mich nicht mehr in Berlin erreicht , sondern hier in dem freundlichen Münden , wo ich bei Lothars Mutter Sommerfrische halten will . Ich muß dir nur gleich mitteilen , liebe Josy , daß ich Lothar mein Jawort gegeben habe . Im Prinzip bin ich ja längst mit ihm einverstanden , und wenn es auch keine vulkanische Leidenschaft ist , die uns verbindet , so haben wir uns doch sehr gern und denken , daß unser neues Verhältnis unserer alten Freundschaft keinen Abbruch tun wird . Zur Hochzeit kommen wir nach Zürich , du mußt dabei sein . Nachher mieten wir uns ein , am Dolder irgendwo ; - ich denke es mir sehr hübsch , in Lothars Begleitung all unsere alten Plätze wieder aufzusuchen und besonders das Haus » Zum grauen Ackerstein « , wo ich so viel treue Freundschaft erfahren habe . Du verzeihst mir wohl , daß ich Lothar in deine Geschichte eingeweiht habe . Es konnte nicht gut vermieden werden . Seiner Teilnahme darfst du jedenfalls sicher sein . Im übrigen hält er dich für einen weiblichen Don Quixote , wie ich auch , liebste Josefine . Sonderbar , ich habe oft gelächelt , manchmal sogar gelacht , wie du weißt , über deinen Eifer , dir das Leben sauer zu machen , wo jeder andere vernünftige Mensch sich ' s möglichst süß machen will . Aber dann , wenn ich so über dich nachdenke , stehst du vor mir so hoch - und dem Lothar scheint es auch so zu sein . Geht es mir wie gewöhnlich , dann denke ich nicht an dich , Josy , du weißt , ich bin ganz offenherzig . Aber wenn es mir sehr schlecht oder , wie in diesem Augenblick , sehr gut geht , dann bekomme ich eine wahre Sehnsucht nach dir und bin ganz niedergeschlagen , daß ich nicht zu dir kann . Siehst du , solch eine Liebeserklärung hab ich noch niemand gemacht - sie sieht mir fast nicht ähnlich - was meinst du ? Was hörst du von Bernstein ? Schreibt Zwicky dir nie ? Und Loginowitsch ? Meine ganze Jugend liegt dort , im » Grauen Ackerstein « , im unvergeßlichen Zürich ! Ich komme mit Lothar hin und will sie mir wiederholen ! Man hetzt sich zu Tode in der Weltstadt und lebt doch nicht . Ich bete Berlin an und hasse es . Liebe Josefine , stärke mich mit deiner Kraft ! ich fühle mich oft so müde , so altbacken , so eingetrocknet . Und das ist nun Braut . Glücklicherweise ist Lothar noch viel müder , altbackener und eingetrockneter als ich . Aber ein feiner Philolog ist er und scharf in der Dialektik , da kann ich mich verstecken - huh ! Wir gedenken ein Knabenpensionat zu gründen , für Ausländer , die gut zahlen . Ich übernehme die Mathematik . Mit Knaben werde ich sehr gut fertig . Wo - ist noch unbestimmt . Vielleicht in Zürich ? Wir freuen uns darauf , dich reden zu hören ! Einzige Josy du , mit roten Nelken , feuerroten natürlich , in der feuerroten Volksversammlung ! Im Grunde bekümmert es mich zwar sehr , daß du ganz in das äußerst Radikale gerätst , du bist doch aus so guter bürgerlicher Familie ! Aber mit dir zu streiten lohnt nicht , du wirst nie etwas anderes tun , als was du willst . Bringe nur deinen Mann nicht mit in die » Eintracht « , wenn wir kommen , hörst du ? Dann wird aus der Eintracht eine Zwietracht , denn wir zwei hassen uns nun mal , dein Mann und ich . Schreibe doch , was er tut - von ihm möchte ich vor allem wissen . Weißt du warum ? Grüße ihn und die Kinder . Rösi muß aber angehalten werden , du verliebte Mutter ! Das sollte unsere Tochter sein . Sei herzlich umarmt von deiner Helene Begas . Gehorsamste Grüße sendet Ihnen , verehrte gnädige Frau , Ihr ergebener Lothar Bröker , Gymnasialoberlehrer . Plattner an seine Tochter Josefine Mein gutes Kind ! Meine kurze Meldung an dich von vorgestern muß ich leider heute bestätigen . Léon ist ruiniert , und - um dir ' s gleich zu sagen , mein ganzes Kapital ist mit verloren ! Es geschieht mir recht ; die großen Zinsen haben mich hineingekriegt , so