für überwunden zu erklären . Das erste , was manche Leute von einer neuen wissenschaftlichen Theorie erfahren , ist , daß man sie schon längst widerlegt und abgetan hat . Verbreitet wird sie viel später als abgeurteilt . Und nun gar der große Kampf , dem Rudolf sich angeschlossen hatte : die Überwindung der jahrtausendalten Institutionen menschlicher Unfreiheit , ein Kampf , der kaum erst begonnen hat , und zu seiner Austragung der rastlosen und kraftvollen Anstrengung mehrerer Generationen bedürfen wird - der soll auch schon als veraltete Philisterei belächelt werden ? ... Wahrlich , Schlagworte wechseln heutzutage schneller als Hutmoden . Man darf sich ja - in der geistigen jeunesse dorée - gar nicht mehr sehen lassen mit einem vorjährigen Ideal ! Erst dann läßt sich wieder damit hervortreten , wenn es eine Zeitlang » überwunden « gewesen , und die Reihe an die Überwinder kommt , ihrerseits » vieux jeu « zu werden . In immer rascherem Tempo spielt sich dieses Hin und Her ab , dieses Altwerden des Neuen und Wiederneuwerden des Alten - mit Hinzukommen von wirklich noch nie dagewesenen Begriffen und Dingen . Man müßte dabei ganz haltlos , schwindlig und rasend werden , wenn es nicht ein paar feste , ruhige Punkte gäbe , - einiges , das unter all diesem Wirbelnden , Flüchtigen , Aufblitzenden und Untertauchenden als das Ewigragende erscheint ... Zum Beispiel - Rudolf suchte nach solchen Ewigkeitsbegriffen - zum Beispiel : Liebe , Güte . Er mußte unwillkürlich lächeln : Da bin ich ja wieder mitten drin in der - wie sagte doch der hartgesottene Auslebe-Jüngling - alten Idealsmeierei . Ein Vorübereilender stieß an ihn an . Da hob er den Kopf und bemerkte , daß er sich vor dem Tor des von der Familie Ranegg bewohnten Hauses befand . Dem Impulse , hier einen Besuch abzustatten , folgte er rasch . » Die Frau Gräfin zu Hause ? « fragte er den Portier . » Zu dienen , gräfliche Gnaden , « antwortete der Mann und gab das Glockenzeichen . Oben ließ ihn der Diener ohne vorherige Meldung in den Salon ein . Gräfin Ranegg und ihre Töchter Cajetane und Christine saßen um einen in einer Salonecke stehenden runden Tisch , auf dessen Mitte eine schirmbedeckte Lampe brannte , und der mit Büchern , Arbeitskörben und Schreibmaterial bedeckt war . Als Rudolf eintrat , erhoben sich alle drei Stimmen , um ihn zu begrüßen ; es schien ihm , als wäre unter den Ausrufen : » Ah , Sie ? - Ah , Graf Dotzky - Das ist schön ! « auch ein leiser Schrei ausgestoßen worden . War denn sein Besuch gar so überraschend ? Sonst war er ja ein häufiger Gast in diesem Hause gewesen und diesen gemütlichen runden Tisch kannte er ganz gut , um welchen die Raneggschen Damen in den Nachmittagsstunden zu sitzen pflegten , mit Lektüre , Handarbeiten und Korrespondenz beschäftigt . War er denn , seit seinem Auftreten , ein gar so exotisches Geschöpf geworden , daß sein Erscheinen erschreckte , wie das des steinernen Gastes ? Die Gräfin aber reichte ihm mit sichtlicher Freude die Hand . » Setzen Sie sich her zu uns , Graf Rudi ... Es ist wirklich schön von Ihnen , daß Sie bei Ihren neuen , großartigen - ( sie suchte nach einem passenden Ausdruck , fand aber keinen ) hm , Sachen die alten Freunde nicht vergessen . « » Ach , meine großartigen Sachen , « antwortete Rudolf lächelnd , indem er sich setzte , » werden wohl viele alte Freunde mir entfremden , nicht mich ihnen . « Er blickte Cajetane an und war erstaunt , sie so blaß zu sehen , blaß bis in die Lippen . » Ich war am Sonntag verhindert , Sie anzuhören , « sagte die Gräfin - » aber die Caji war dort mit den Blaskowitz ' - sie war ganz entzückt . « Jetzt war das Gesicht des jungen Mädchens mit Purpur übergossen . Rudolf schüttelte den Kopf . » Entzückt ? Das Wort scheint kaum zu passen . Die Frage ist : waren Sie einverstanden ? « Cajetane nickte . » Ja , « sagte sie leise und fügte hinzu : » Neue Horizonte haben sich mir eröffnet ... es war schön . « Rudolf ergriff ihre Hand : » Danke , Gräfin ... Das ist das erste Beifallswort , das mich erfreut . Ja , darum handelt es sich : neue Horizonte - die sollen der Gemeinde aufgehen , wenn der Prediger von einem gelobten Lande spricht . « » Prediger ? « fiel Christine ein . » Hören Sie , Graf Rudi , so heilig fassen Sie nicht alle Ihre Zuhörer auf . Ich kenne mehrere , die nennen Sie Agitator . « » Beweger ? Auch kein schlechter Name . Ich wollte , ich könnte die Menschen aufrütteln . « » Nehmen Sie mir ' s nicht übel , « sagte die alte Gräfin , » aber vom Rütteln bin ich keine Freundin . « » Das weiß ich , Exzellenzfrau . « » Sie wollen sagen , daß ich so konservativ bin , weil ich die Frau eines Geheimen Rates bin ? O nein - sondern überhaupt ... es ist doch nicht gemütlich , wenn der Boden , auf dem man steht , zum Zittern , die Säulen , an die man sich lehnt , zum Wanken gebracht werden , nicht wahr ? « » Wo jetzt der Ring steht , da stand noch vor vierzig Jahren die Bastei . Hätte niemand an den Basteimauern rütteln dürfen , so wäre hier nicht Ihr schönes Haus erbaut worden - « » Ist das aber ein Grund , um mir mein Haus gutwillig zerstören zu lassen ? Das können Sie doch nicht von mir verlangen ? « » Nein , das kann ich nicht verlangen . Sehe ich aber wirklich danach aus , als ob das meine Absicht wäre ? Wie man doch immer