Seither trieb er sich in Berlin umher , ohne daß Jemand wußte , wovon er lebe . Er erzählte stets merkwürdige Geschichten aus seiner Londoner Vergangenheit , wie er als man of fashion drei Jahre lang sein ererbtes Vermögen aufgezehrt habe . Englisches Halbblut mütterlicherseits , behauptete er sogar eine hypothetische Verwandtschaft mit einem bekannten britischen Staatsmann . Von seiner Londoner Aera wollte er auch die Vorliebe für Brandy mitgebracht haben . » Let ' s have a drink ! « bedeutete bei ihm , wie sich Leonhart erinnerte , das Hinunterstürzen etlicher Gläser Cognac . Auch im Biere leistete er Großes . Leonhart lernte ihn zuerst kennen , als der rührige Streber eine Zeitung gründen wollte . Diese Idee schien jedoch mehr als Lockvögelei berechnet und zerann spurlos im Sande . Im » Feudalen Klub « trat er als ständiger Gast mit stolzer Sicherheit auf . Einmal klagte er Leonhart gegenüber voll Entrüstung , daß der Klub-Vorsitzende Graf Bärme , der sogenannte Mephisto mit der schwarzen Ledermappe ( in welcher alle Collekten-Geheimnisse der Konservativen Partei schlummerten ) , ihn erst später , nachdem er mit einem fremden Herrn eine Viertelstunde am Tisch gesessen , näselnd vorgestellt : » Da es nun ja doch nicht mehr zu umgehen ist : - Sr. Excellenz Minister von X. - Doctor Paulus . « Noch mancher andren Ueberhebung hatte Graf Bärme ( der hochwohllöbliche Ordensjäger und Kammerherr , der sich vom einfachen » von « zum » Baron « und nachher zum » Grafen « emporschwang und die unerwartete Millionen-Erbschaft eines Onkels durch tausenderlei Geldgeschäfte und schmutzigen Geiz noch vermehrte ) sich gegen den kleinen Paulus schuldig gemacht . Das kerbte dieser ihm gründlich an , und sobald er ein großer Mann geworden , mußte Bärme dafür büßen . Ein großer Mann - ja , das wurde er bald genug . Leonhart gehörte zu den Wenigen , die es voraussahen . Sein tiefer psychologischer Scharfblick sagte ihm , daß aus dieser kleinen Schlange sich ein geflügelter Drache entpuppen werde . Er erkannte eine moderne Conquistadoren-Natur und sprach es Anderen gegenüber aus , die ihn darob belächelten . Doch die Ereignisse sollten ihm überraschend Recht geben . Paulus warf sich in die Colonialbewegung und klomm hier binnen kürzester Frist zu den höchsten Höhen des Erfolges empor . Meisterhaft verstand er es , seine Freunde auszunützen und ihnen dann einen Tritt zu versetzen . Intrigant vom Scheitel bis zur Sohle , liebte er die Taktik , alle Leute gegen einander zu hetzen und als beliebige Werthe auszuspielen . Vortrefflich berechnet wirkte auch sein Verhalten gegen seinen früheren herablassenden Gönner Graf Bärme . Er warf nämlich durch einen Staatsstreich diesen alten Herrn spornstreichs aus dem Vorstand der » Teutonischen Monopol-Colonial-Actiengesellschaft « hinaus , in den sich Bärme wie gewöhnlich hineingeschmuggelt hatte : Das kindliche Vergnügen , seinen Namen als Comité bei allen unpassenden Gelegenheiten gedruckt zu lesen , schien ihm gar zu süß ! Sobald nun Paulus seiner kleinlichen Nachsucht Genüge gethan , hob er den Zerknirschten sammt seiner schwarzen Ledermappe huldvoll wieder auf und bugsirte ihn aufs neue an hervorragender Stelle in den Vorstand . Der gräfliche Mephisto fühlte sich überwunden . Feig und demüthig dem Stärkeren gegenüber , wie alle brutalen Naturen , kroch er jetzt den großen Mann bereitwillig an und wurde sein ergebenster Sclave . Paulus brauchte einen gräflichen Namen bei seiner Actien-Unternehmung und Bärme , den er aus diesem Grunde auf allen Geschäftsreisen als Adjutanten mit sich als Bärenführer herumschleppte , sonnte sich gern in der Ruhmessonne , die den schneidigen Colonial-Pfadfinder umstrahlte . Dieser erlaubte ihm sogar , einzelne Catilinarier auf Gesellschafts-Unkosten in weißen Stoffen , als Colonialreisende auszurüsten , damit Bärme in allen Straßen das Naturwunder ausschreien konnte ( auch Leonhart genoß von ihm diese werthvolle Mittheilung ) : Er , Bärme , rüste auf seine Kosten Reisende aus . - - » Ich erlaube mir ... « hob der Gewaltige an , indem er sein Cognac-Gläschen grüßend gegen Leonhart schwenkte , sobald sie sich auf einem Sammetsopha des Café Boulevard niedergelassen . » Haben uns ja so lange nicht gesehn . « » Sie sind mittlerweile ein großer Mann geworden . Dachte mir ' s immer . Aber eine so glänzende Carriere wie Ihre ist mir doch wirklich in meiner Praxis noch nicht vorgekommen . « Paulus lachte kurz auf , als ob er das Gesagte für überflüssig halte . Schien ihm seine Carrière jetzt doch ganz selbstverständlich . » Und Sie , lieber Herr Leonhart ? Haben indeß viel publizirt , nicht ? Ach , wer kommt heut zum Lesen ! « » Das hat man schon zu Adams Zeiten gesagt , um sich zu entschuldigen ! « warf jener bitter ein . » Ja , mag sein . Doch wirklich , das ist heut ein trauriger Beruf . Ich bitt ' Sie , kann man denn davon leben like a gentleman ? - Wissen Sie was , Sie sollten doch mal Ihre schneidige Stahlfeder in den Dienst unsrer patriotischen Sache stellen . Wollen Sie ? Ich lade Sie hiermit feierlich ein , als Gast der Teutonischen Monopol-Kolonial-Actiengesellschaft « , er sättigte sich mit Behagen an dem volltönenden Titel , » bei uns in Afrika zu verweilen . Wir stellen Ihnen große Blätter zur Verfügung für Berichte . Allerdings , haha , « er zwinkerte verständnißvoll mit den Augen , » würde man von Ihrer wohlbekannten Unpartheilichkeit erwarten , daß Sie gerecht , aber wohlwollend über unsere Verhältnisse urtheilen . Natürlich unpartheilich , unpartheilich ! Nun , was sagen Sie dazu ? « » Das ließe sich hören , « meinte Leonhart sinnend . Er hätte gern einmal dem ganzen Europa-Krempel Valet gesagt . » Gut . Basta . Herr Beuthin ! « Der hochgewachsene Generalsekretär der » Teutonischen Monopol-Colonial-Aktiengesellschaft « fuhr auf den herrischen Wink des kleinen Mannes zusammen , murmelte wie unbewußt » Zu Befehl « und riß eine gelbe Brieftasche heraus . » Notiren Sie ! Herr Doctor Leonhart wird für uns wirken .