Bruder noch sehen ? « - » Sie hat dich tausend- und tausendmal grüßen und segnen lassen , aber dich zu sehen , hat sie nicht mehr verlangt « , lautete die Antwort , und die ehrwürdige Mutter fiel ein : » Sie war losgelöst von allem Irdischen , sie gehörte schon dem Himmel an ... Sie sah ihn offen in ihrer letzten Stunde , sah Gott in seiner Herrlichkeit und hörte den jauchzenden Gesang der Engelchöre , die sie willkommen hießen im Reiche der Glückseligen . « » Wann ist sie gestorben ? « würgte Pavel hervor . » Gestern abend . « Gestern abend - während er ein Fest mitfeierte , während seine Gedanken so fern von ihr waren ! Mit wildem Zweifel ergriff es ihn : Es kann nicht sein , es ist ja unmöglich - - und er rief : » Wo ist sie ? ... Führen Sie mich zu ihr ... « » Sie ist noch nicht aufgebahrt « , versetzte die Oberin ; aber Pavel ließ keinen Einwand gelten , und die Gebietende , die zu herrschen Gewohnte gab nach . Sie stiegen die Treppe zum zweiten Geschoß empor , durchschritten einen Gang , in welchen viele Türen mündeten . Vor der einen blieb die Oberin stehen . » Das Zimmer Marias « , sprach sie in tiefer Ergriffenheit . Pavel stürzte vor und riß die Tür auf ... In der weißgetünchten , von Sonnenlicht durchfluteten Zelle mit dem vergitterten Fenster , mit den glatten Wänden stand ein schmales Bett , eine Wachskerze in schwarzem , eisernem Leuchter brannte zu dessen Häupten und eine zu dessen Füßen , vor demselben knieten , im Gebet versunken , zwei Klosterfrauen , und auf dem Bette lag , mit einem Linnen bedeckt , eine starre , hagere Leiche . Die Oberin näherte sich ihr und zog das Tuch vom Gesicht herab . Pavel prallte zurück , taumelte und schlug an den Türpfosten an , an dem er stehenblieb und sich wand wie ein Gefolterter . Endlich , endlich brachen Tränen aus seinen Augen , und er schrie : » Das ist nicht meine Milada , das ist sie nicht . Wo ist meine Milada ? « Er war nicht zu beruhigen , sein Schmerz spottete des Trostes . Die Frau Baronin ließ ihn rufen , weinte , sprach von Milada , und er hatte nicht das Herz , ihr zu sagen , was er unaufhörlich dachte : Würde man sie zu rechter Zeit aus dem Kloster genommen haben , sie wäre jetzt am Leben ; du hättest dein Kind noch und ich noch mein lichtes Vorbild , mein kostbarstes Gut . Auf den Wunsch der alten Frau blieb er in der Stadt bis zum Tage des Begräbnisses , irrte in den Gassen umher , durch den ungewohnten Müßiggang seinem Schmerze ohnmächtig preisgegeben . » Milada , meine liebe Schwester « , sprach er vor sich hin , und manchmal blieb er stehen und meinte , es müsse ihm jemand nachkommen und ihm sagen : Kehr um , sie lebt , sie fragt nach dir . Das kleine , zusammengezogene Totenangesicht , das du gesehen hast , war nicht Miladas Angesicht . Als sie in der Kapelle aufgebahrt lag im Glanz von hundert Lichtern , weißgekleidet , mit weißen Rosen bedeckt , war er nicht zu bewegen , an den Katafalk heranzutreten . - Erst als der Sarg geschlossen wurde , der die Reste seiner Milada barg , warf er sich über ihn und betete , nicht für sie , sondern zu ihr . Bei der Beerdigung machte der Anblick des Schmerzes seiner alten Gutsfrau ihn fast unempfindlich für seinen eigenen . Ganz gebrochen stand sie neben ihm am Grabe ihres Lieblings auf dem stillen Klosterfriedhofe und ließ nach beendeter Trauerfeierlichkeit den Zug der Nonnen vorüberschreiten , ohne sich ihm anzuschließen . Nach einer Weile erst sprach sie zu Pavel : » Führe du mich jetzt zurück auf mein Zimmer , und dann geh nach Hause und sage im Schloß , daß sie alles zu meinem Empfang vorbereiten sollen . Ordentlich - es wird ohnehin die letzte Mühe sein , die ich meinen Leuten mache . Ich glaube , daß ich nur heimkommen werde , um mich hinzulegen zum Sterben . « Pavel widersprach ihr nicht . Er fühlte wohl , auf einen Widerspruch war es hier nicht abgesehen wie so oft bei alten Leuten , wenn sie Anspielungen machen auf ihren nahenden Tod ; es war ernst gemeint , und also wurde es aufgenommen . Spät am Nachmittag langte er im Dorfe an . Sein erster Gang war nach dem Schloß , wo er den Auftrag der Frau Baronin bestellte . Die Dienerschaft lief zusammen , als es hieß , er sei da ; alle sahen ihn voll Neugier an , und er machte sich rasch davon , besorgend , daß Fragen über Milada an ihn gestellt werden könnten . Auf der Straße begegnete er derselben Aufmerksamkeit , die er im Schlosse erregt hatte . Einer oder der andere blieb stehen in der Absicht , ihn anzureden ; aber Pavel eilte mit kurzem Gruß vorbei . Vor dem Hause Vinskas auf einer Bank saß Virgil , der sich seit dem Ableben Peters bei seiner Tochter einquartiert hatte . Er winkte Pavel heran : » Bist endlich da ? « rief er ihm zu ... » Du , dein Hund wär verhungert , wenn ich mich seiner nicht angenommen hätt . « » Hab mich ohnehin darauf verlassen « , erwiderte Pavel und schritt weiter ; Virgil jedoch schrie aus allen Kräften : » Lauf nicht , bleib ! Die Vinska hat dir was zu sagen « , und da trat sie auch schon aus der Tür , ging auf Pavel zu und sprach in der demütigen Weise , in welcher sie sich ihm gegenüber jetzt immer verhielt : » Wir haben von deinem Unglück gehört ... es tut uns leid ... « » Laß , laß das