in den Kasten des Schreibtisches gleiten lassen - unter einem abermaligen Erröten . So konnte und durfte sie ihre Teilnahme für den kleinen Max nicht wieder bethätigen wollen - der Weg war ihr verschlossen . Sie fühlte sich machtlos ; die Verhältnisse übersehen und wissen , wie da zu wirken sei , das konnte nur ein Mann . Sie nahm sich vor , mit Herbert darüber zu sprechen ... 19 Seitdem waren zwei Tage verstrichen . Der Landrat war noch nicht zurückgekehrt , und deshalb herrschte tiefe Ruhe auf der sonst so frequentierten Treppe und im oberen Stock . Margarete ging jeden Morgen pflichtschuldigst hinauf , um der Großmama guten Tag zu sagen . Das war stets ein saurer Gang ; denn die alte Dame grollte und zürnte noch heftig . Sie schalt zwar nicht laut - Gott behüte , nur keine offenkundige Leidenschaftlichkeit ! Der gute Ton hat ja dafür feinere und desto sicherer treffende Waffen : Messerschärfe in Blick und Stimme , und Dolch- und Nadelspitzen auf der Zunge . Aber diese Art und Weise des Angriffs empörte die Enkelin doppelt , und sie brauchte oft ihre ganze Selbstbeherrschung , um gelassen und schweigend zu ertragen ... Meist ungnädig entlassen , ging sie dann immer mit dem Gefühl der Erlösung die Treppe wieder hinab , um für einen Moment in den Flursaal einzutreten . Es herrschte zwar eine mörderische Kälte in dem weiten Saal , und Papas Privatzimmer waren versiegelt ; nicht einer der traulichen Räume , in denen er gelebt und geatmet , nicht der kleinste Gegenstand , den seine Hand berührt , waren ihr zugänglich ; sie mußte sich mit der Stelle begnügen , wo sie ihn zum letztenmal friedlich schlafend , einen Schein der Verklärung auf der im Leben so finsteren Stirn , gesehen hatte . Aber an dieser Stelle überkam sie doch immer das wehmütig wohlthuende Gefühl , als spüre sie einen Hauch seiner Nähe . Drunten geschah ja alles , um die Spuren seines Daseins und Wirkens möglichst schnell zu verwischen ... Heute morgen nun hatte Margarete beim Verlassen des Flursaales eine Begegnung gehabt . Sie war rasch auf die Schwelle der Thüre getreten und hatte plötzlich Auge in Auge vor der eben vorübergehenden schönen Heloise gestanden . Der jungen Dame um einige Schritte voraus war die Baronin Taubeneck die Treppenwendung hinaufgekeucht ; sie hatte , von der Anstrengung des Emporsteigens ganz benommen , die aus dem Flursaal Tretende gar nicht gesehen ; ihre Tochter dagegen hatte sehr freundlich gegrüßt , ja , ihr Blick war sogar mit dem unverkennbaren Ausdruck von Teilnahme über die Mädchengestalt in tiefer Trauer hingeglitten , das konnte Margarete sich selbst nicht wegleugnen ; und doch war sie in Versuchung gewesen , den höflichen Gruß zu ignorieren und ohne ihn zu erwidern , in den Flursaal zurückzuflüchten ... Diese schöne gerühmte Heloise war ihr nun einmal in tiefster Seele unsympathisch - weshalb ? Sie wußte es selbst kaum ... So in nächster Nähe gesehen war die herzogliche Nichte in der That am schönsten . Die herrliche Sammethaut des jungen Gesichts , die Pracht der Farben und die großen , glänzend blauen Augen blendeten förmlich , und der Großpapa hatte recht , wenn er sagte , davor müsse sich seine Enkelin , das braune Maikäferchen , verkriechen . Selbst die phlegmatische Ruhe ihres Wesens machte sich im Gehen nur als stolze Würde und Vornehmheit geltend . » Was , Neid , Grete ? « hatte sich das junge Mädchen selbst in diesem Augenblicke des aufsteigenden Grolles und Widerwillens gefragt . Nein , Neid war es nicht ! Ihr war es ja stets ein Genuß gewesen , in ein schönes Mädchenantlitz zu sehen - Neid war es ganz bestimmt nicht ! Wohl aber mochte es die angeborene Verbitterung des plebejischen Blutes gegen die Widersacher des Bürgertums sein - ja , das war der Grund ! Und als die Großmama droben unter einem Wortschwall der Freude und Beglückung dem Besuch entgegengekommen war , da hatte das junge Mädchen die Hände auf die Ohren gelegt und war die Treppe hinabgeflohen . Drunten aber hatte der herrschaftliche Schlitten , eine herrliche Muschel mit kostbarer Pelzdecke , vor der Thüre gehalten , und nachdem später die Damen wieder eingestiegen waren , da hatte die schöne Heloise mit ihrem weißen Schleier und wehenden Goldhaar ausgesehen , als fliege eine Fee über den Schnee hin . O weh , wie lächerlich dagegen mochte neulich das zusammengeduckte » Rumpelstilzchen « im Schlitten gehockt haben , wie frostgeschüttelt und hilfsbedürftig neben Herberts vornehmer Erscheinung ! - Den ganzen Tag über hatte sie bittere , aufdringliche Gedanken und Empfindungen nicht los werden können ; und dazu war es dunkel in allen Stuben . Der Himmel schüttelte unermüdlich ein dichtes Flockengestöber über die kleine Stadt her , und nur selten fuhr ein Windstoß lichtend durch die stürzenden Schneemassen , die wie ein silberstoffener Behang alle Aussicht in Gassen und Straßen verschloß ... Erst am Abend , als die Lampe auf dem Tische brannte , wurde es heimlicher in der Wohnstube und stiller in Margaretens Seele . Tante Sophie war trotz des Schneewetters ausgegangen , um einige unaufschiebbare Bestellungen zu machen , und Reinhold arbeitete in seiner Schreibstube ; er kam überhaupt nur noch herüber , wenn er zu Tisch gerufen wurde . Margarete ordnete den Abendtisch . Im Ofen brannten die Holzscheite lichterloh und warfen durch die Oeffnung der Messingthüre einen breiten , behaglichen Schein über die Dielen , und von dem Gesims der unverhüllten Fenster her , gegen die draußen die Schneeflocken wie hilflos flatternde Seelchen taumelten , um an den erwärmten Scheiben rettungslos zu sterben , dufteten doppelt süß Tante Sophiens Pfleglinge , ganze Scharen von Veilchen und Maiblumen ... Nein , gerade dem häßlichen Tage zum Trotze sollte nun der Abend gemütlich werden ! Bärbe brachte sauber garnierte kalte Schüsseln herein , und Margarete entzündete den Spiritus unter der Theemaschine ; und als Reinhold sagen ließ , man möge ihm ein belegtes Butterbrot hinüberschicken , er werde