Tagen ist die Rekrutierung « , sagte Frau Rosel . » Aber bis dahin - « » Sollen wir warten ? « fuhr der Rabbi auf . » Unmöglich ! Lea ! Es bleibt dabei . « Während so über seine Zukunft entscheiden worden , saß Sender ahnungslos in der Werkstätte . Als Meyerl Kaiseradler hereinstürzte , ihn zum Rabbi zu entbieten , schrak er heftig zusammen . Hatte Rabbi Manasse von seinen Besuchen im Kloster erfahren ? Dann war er verloren ! » Warum ? « stammelte er . » Wozu - « » Es ist wegen der Rekrutierung « , sagte Meyerl beruhigend . » Der Rekrutierung ? « stammelte Sender mit bleichen Lippen . » Ich bin ja frei ! « » O nein ! « flötete Jossele Alpenroth mit sanfter Stimme , aber seine Augen leuchteten vor Freude , » das ist ein Irrtum von dir , lieber Sender ! Du mußt dich stellen ! « » Ja , das mußt du ! « bestätigte Meyerl . » Ich hab ' dir ja auch den Befehl zur Losung zuzustellen gehabt . Deine Mutter hat ihn eben für dich übernommen . Aber komm ' - sie warten ! « Einen Augenblick stand Sender starr vor Schrecken . Dann begann er zu taumeln ; er empfand plötzlich einen furchtbaren Schmerz in der Lunge , als würde ihm da ein Messer eingebohrt , und gleichzeitig überflutete das Blut sein Hirn - ein Schwindelanfall wie am Morgen , nur ungleich stärker . Erschreckt sprang der Meister auf den Schwankenden zu und ließ ihn auf den Schemel gleiten . Schwer atmend saß Sender da , sein Antlitz ward abwechselnd tiefrot und totenfahl ; instinktiv hielt er die Hand auf die Brust gepreßt . » Sellner ! « stammelte er . » Jetzt ! ... Barmherziger Gott ... jetzt ! « » Aber nein ! « tröstete Meyerl . » So höre doch nur ! Sie beraten ja eben ! Komm ' ! « Sender raffte sich auf und folgte dem Boten ; anfangs zögernden Schritts , dann lief er rascher als dieser . Die Wärme und Schwere in den Lungen wuchs zur quälenden Hitze , der Atem ging pfeifend aus und ein , das fahle Antlitz war von kaltem Schweiß überdeckt . So stürzte er , lange vor Meyerl , in die Stube des Rabbi und auf seine Mutter zu , die ihm , fast ebenso bleich wie er , das Antlitz von Tränen überströmt , die Arme entgegenbreitete . » Es ist ja nicht möglich ! « keuchte er mühsam hervor . » Ich bin ja dein einziger Sohn ! ... Wo ist der Befehl ? « Er riß ihr das Schriftstück aus der Hand . » Sender Glatteis ! « schrie er auf . » Das bin ja nicht ich ... Und doch ... bei der Rosel Kurländer ... « Das Blatt entfiel seiner Hand . » Barmherziger Gott ! « stöhnte die alte Frau auf und schlug die Hände vors Antlitz . » Mutter ... was ist das ... was bedeutet das ? ! « Zitternd tastete seine Hand nach der ihrigen ... Da fühlte er sich plötzlich an der Schulter gefaßt und zurückgerissen . Der alte Rabbi stand vor ihm , hoch aufgerichtet , mit verstörten Augen , fassungslos vor Zorn . » Elender ! « schrie er . » Du kannst diese Buchstaben lesen ? ... Meinen Fluch über dich ... Hinweg ... « Sender suchte sich loszumachen - da fühlte er jenen schneidenden Schmerz wiederkehren , heiß und salzig quoll es in seiner Kehle empor und drohte ihn zu ersticken ; er sank zu Boden und ein Blutstrom brach aus seinem Munde . » Er stirbt ! « schrie Frau Rosel auf und warf sich über ihn . » Ihr habt ihn mir getötet ! « Sechzehntes Kapitel Als Sender wieder zum Bewußtsein gelangte und um sich blickte , fand er sich in seinem Bette , aber im Wohnzimmer des Mauthauses . Es war Nacht , auf dem Tisch brannte ein Öllämpchen , die Fenster standen weit offen und ließen die laue Frühlingsluft einströmen . Von der Straße her klang lauter Gesang aus rauhen Kehlen , der allmählich in der Ferne verhallte . Dieses Lärmen mochte ihn aus dem Schlaf geweckt haben , in dem er wohl lange gelegen , sehr lange ; er empfand dies sofort , als er die Augen aufschlug . Auf seinem Kopf lag etwas Kaltes , Nasses - er tastete darnach , es war ein in Eiswasser getauchtes Tuch . Vom Fußende des Bettes erhob sich eine Gestalt und beugte sich über ihn . » Reb Itzig ? « murmelte der Kranke erstaunt . » Gottlob ! « rief der Marschallik fröhlich . » Aber nun schläfst du noch ein bissele , wenn ich dich schön bitten tu ' ! Es ist kaum Zwei - was fängst du so früh an ? ! « » Ich war wohl krank ? « stammelte Sender und nun kam ihm die dunkle Erinnerung , als hätte sich das letzte Mal , da er dies Antlitz gesehen , etwas Peinvolles , ja Furchtbares zugetragen - aber was war es nur gewesen - und wann ? ... » War das gestern ? « murmelte er . » Pst ! « machte der Marschallik . » Geschichten erzählen wir uns ein andermal . « Er streichelte ihm liebevoll das Antlitz . » Nun schlaf ' , sag ' ich ! « Und Sender schloß gehorsam die Augen - er fühlte sich so furchtbar müde . Der Alte nickte zufrieden . Dann schlich er auf den Fußspitzen ans Fenster . Am Schranken draußen stand Frau Rosel ; sie konnte heute nacht ihren Posten kaum auf eine Minute verlassen . Denn es war die Nacht nach der Rekrutierung ; von Mitternacht ab strömten die Bauern des Bezirks aus Barnow wieder in ihre Dörfer zurück ; die einen traurig , die anderen fröhlich , aber alle betrunken . Wer