Muse der Musik auf ihr Postament gestellt . Noch vor Tagesneigen hatte man die schließende Platte in den Boden gefügt , und die letzte Spur von Thusnelda von Werbens Freudenleben war verschwunden . Programmgemäß wurde das Erlöschen des alten Geschlechts durch einen Schmaus gefeiert . Der Pächter bewirtete die Dienstleute des Hofes , für die Würdenträger , das heißt die Pfarrfamilie und den Justitiarius , öffnete Herr von Hartenstein zum ersten Male den Werbenschen Speisesaal . Dort wie hier waren die Tafelgenüsse der abgeschiedenen reichen Herrin würdig ; die Ehrenbezeugungen zu ihrem Andenken unter freiem Himmel jedoch lauter und nachhaltiger als zwischen den spärlich gefüllten vier Pfählen . Der Propst sehnte sich nach seinem Ruhebett , seine Gattin nach ihres Knaben Quarantänezimmer . Die Sonne hatte schon tief gestanden , als die Suppe , und sie war noch nicht gesunken , als der Kaffee genommen ward . Rat Hecht machte sich auf den Heimweg nach der Stadt , Pastor Blümel mit seiner Hanna auf den nach der Pfarre . Die junge Gesellschaft fühlte das Bedürfnis frischer Luft und brach zu einem Spaziergange auf . Nur Sidonie , die schwache Fußgängerin , blieb zu Hause . Sie schmachtete nach Musik , die sie seit der Abreise von Rom weder geübt noch gehört hatte , und da es in der geistlichen Familie außer einem Kinderklapperkasten ein Klavier nicht gab , wurde im Ahnensaal an Lydias Orgel der Vortrag einer Bachschen Fuge zu einer abschließenden Trauerfeier . Peter Kurze , der Lustigmacher , war zum Vorteil einer geziemenden Stimmung nicht von der spazierenden Partie , indem er , als ungeladener Tafelgast , sich in die Umgegend verzogen hatte . Die anderen zerstreuten sich gruppenweis unter dem dämmernden Abendhimmel . Leutnant Martin kletterte mit Lebensgefahr am Mühlgrabenufer auf und ab , die zarten Vergißmeinnicht zu pflücken , die ohne seine augenschärfenden Erstlingsgefühle ungesehen verblüht sein würden . Schönröschen , auf einem Baumstamme sitzend , wand einen Kranz aus den Blaublümlein . Des Leutnants Seligkeit hing von dem Besitze dieses Kranzes ab . Er wollte ihn im Schlachtgewühl als feienden Talisman auf seinem Herzen tragen . Das schnöde Röschen aber meinte lachend , für solches Unterfutter sei seine Uniform viel zu knapp , und setzte den Kranz auf ihre schwarzen Locken , worauf der Leutnant versicherte : er stehe ihr göttlich ! An Dezimus ' Arm hatten sich die beiden Fräulein Priszilla und Phöbe gehängt mit der Bitte , er solle sie an diesem feierlichen Abend ein wenig mit der Sternenwelt bekannt machen . Und warum sollte Dezimus ihnen dieses weihevolle Verlangen nicht befriedigen ? Er führte sie nach dem Hünengrabe und nannte ihnen die Sternbilder , die eines nach dem anderen am östlichen Horizonte auftauchten , während gen Abend der Himmel noch im Karmin des Sonnenunterganges glühte . Nun wollten die Fräulein aber auch für die fünf Schloßgeschwister ein besonderes Sternbild gleich dem der sieben Pfarrschwestern ausgesucht haben . Und warum sollte Dezimus ihnen nicht auch dieses Verlangen befriedigen ? Er ließ ihnen sogar die Wahl zwischen der Kassiopeja und dem kleinen Bären . Sie konnten lange nicht einig werden ; die Kassiopeja war freilich viel schöner , der lieben Nachbarschaft wegen entschieden sie sich aber doch für das Fünfgespann neben dem Siebengespann . Max hatte Lydias Arm unter den seinen gezogen und ging mit ihr den Uferpfad entlang . Der milde Abend lud zu einer Wasserfahrt ein , aber der Bootsmann hatte nach dem heutigen sauren Tagewerk zu früher Stunde Schicht gemacht , und der Kahn regierte sich schwer von einem allein . So setzten sie sich denn auf eine Bank vor der aus Rohr geflochtenen Fährhütte und blickten eine lange Weile schweigend auf den Fluß , der zu ihren Füßen im Abenddämmer glitzerte . Ringsum zog sich das alte Werbensche Fasanengehege . Das Unterholz ist zu Bäumen herangewachsen , und es nisten seit vielen , vielen Jahren keine goldenen und silbernen Jagdvögel mehr in ihrem Laub . Aber unscheinbare Nachtigallen haben sich angesiedelt in dem verlassenen Reich und locken von weit und breit Sangesgenossen herbei . Windstille in dichten Laubkronen , klares Wasser , Ameisenhügel , von keinem Spatenstich gestört , dann und wann ein Ruderschlag und abends vor der Fährhütte ein lauschendes Paar , was braucht eine Nachtigall zum Heimischwerden mehr ? Es waren glückliche Kolonisten . So gut jedoch wie heute , wo man die alte Menschenschwester zur Ruhe gelegt , so gut war es ihnen lange nicht geworden , denn sie hatten allerlei Volks an ihrem Gehege vorüberstreifen sehen , und die Nachtigallen sind auch in der Minnezeit gar neugierige Kreaturen . Nun aber ist es wieder still geworden . Nur dort unter dem Fliederbusch sitzt noch ein Menschenpaar , so schön , wie noch keines ihren Liebesweisen gelauscht , und was ein Maienabend an Wonnen zu bieten hat , dieser bot es . Hoch oben die blaue Nacht mit ihrem Goldgefunkel , linde Lüfte und vom Boden Nektarwürze , aus allen Wipfeln sehnsüchtig schmachtendes Locken . Im engen Bett rauscht weiter abwärts der Fluß ; hier aber weitet er sich still und dunkel zu einem Himmelsspiegel . » Still und dunkel wie deine Augen , Lydia , « flüstert Max . » Ein süßes , heiliges Märchen wie du ! « Und dann saßen sie wieder lange Hand in Hand und schwiegen und atmeten den Zauber des Mai . Am anderen Morgen nahm die Schloßfamilie mit ihren Gästen das Frühstück auf der Terrasse ; der Propst hatte sich über Nacht merklich erholt , Philipp sonnte sich mit seinem Mütterchen zum ersten Male nach der langen Zimmerhaft . Aus aller Blicken sprachen Hoffnung und Lust , so als antworteten sie auf den Maienblick der Natur . » Mir ist dieses Tal früher gar nicht so anmutig vorgekommen , « sagte Max , und Sidonie , die allen anderen gern neckend widersprach , aber jederzeit ihres Bruders Echo war , setzte hinzu : » Ich hatte keine Erinnerung mehr von ihm , stellte es mir aber vor wie den Anfang