Dorothees Lippen bewegten sich nicht . Schweigend führte Siegmund Faber seine junge Frau bis an die Kirchhofspforte , winkte den Wagen herbei und eilte zu geschäftlichen Abmachungen in die Sakristei zurück . Die Eltern nahmen Abschied von dem Kinde , das sie neben dem eigenen von der Wiege ab gehegt hatten . » Gottes Segen über Sie , teure Dorothee , auch im Namen unserer guten , fernen Hardine , « sagte der Vater , nachdem er seinen Liebling umarmt hatte , und ging dann rasch dem glücklichen Gatten nach , um seine Tränen zu verbergen . Bei dem Namen Hardine war es wie eine Sinnestäuschung , wie ein Wahn , der das junge Weib berückte . Unter konvulsivischem Zucken stürzte sie zu Boden und umklammerte der Mutter Knie . » Barmherzigkeit , Hardine ! « schrie sie , » Barmherzigkeit ! Ich wollte ja nicht - aber ich mußte ! Ich wollte ja reden - aber ich konnte nicht . - Das Kind , das arme Waisenkind ! Barmherzigkeit , Hardine - Barmherzigkeit - um des Toten willen . « Die letzten Worte wurden kaum noch verständlich gelallt . Sie taumelte mit gebrochenen Augen rückwärts über ein frisch geschaufeltes Grab . Faber stürzte herbei und trug die Bewußtlose in den Wagen . Eine Minute später rollten sie auf der Straße zur neuen Heimat voran . Zehntes Kapitel 1806 Das Geheimnis ist enthüllt . Ihr wißt jetzt , meine Freunde , wer August Müllers Mutter gewesen ist und welches Verhältnis mir die Lippen band , als die Welt mich dafür genommen hat . Was weiter nach außen hin an mir und durch mich geschehen ist , liegt zutage , die Geschichte dürfte zu Ende sein . Weil aber jede Geschichte eine Pointe haben soll , das heißt : weil jedes Schicksal nicht nach außen , sondern nach innen hin gipfelt , und weil , ist nur einmal der erste Strich getan , es ein besonderes Vergnügen gewährt , den Grundriß seines Lebensbaues vor lieben Menschen zu entfalten , so will ich den meinigen weiterführen von Stock zu Stock , bis zu der Spitze , die sich vor Euch enthüllen wird , nachdem Ihr den Richtspruch vernommen habt . Die Schwäche , mit welcher ich jahrelang Dorothees Heimlichkeit geduldet und gewahrt , hatte mein Gewissen frei gelassen . Nun aber , da eine untilgbare Schuld gegen einen anderen daraus erwachsen war , drückte sie mich wie ein Alp . Es gab jetzt einen Menschen , dessen ehrenwehrten Namen ich nicht hören konnte , ohne zu erbleichen ; einen , vor dem ich in der Erinnerung die Blicke niederschlug , den ich belügen oder in seinem innersten Heiligtum vernichten mußte , wenn er mir unter die Augen getreten wäre mit der Frage : » Handeltest du rechtschaffen und ehrenhaft gegen den Vertrauenden ? « Die Dämonen des Lebens : Unruhe , Zweifel , Furcht und Scham , sie , die ich mehr gefürchtet hatte als Verlassenheit und Armut , jetzt lernte ich sie kennen . Der Stolz der Unschuld war vernichtet , alle Sicherheit des Gefühls gebrochen , seitdem die Nachgiebigkeit gegen ein Gefühl mich so weit von meinem Grundwesen vertrieben hatte . Von Dorothee hörte ich nichts . Ich hatte nicht erwartet , daß sie mir schriebe , und würde ihr nicht geantwortet haben . Ob sie mit dem Propst in Verbindung geblieben , mochte ich nicht wissen , bezweifelte es aber . Wir waren fertig miteinander . Auch zu dem Propst hatte mein Verhältnis sich abgeschwächt , seitdem seine Schlaffheit , wie ich es schalt , mir eine Gewissensschuld aufgebürdet . Ich suchte ihn auf , sooft ich im Elternhause verweilte , unterhielt eine Art Zusammenhang zwischen ihm und seiner alten Gemeinde , folgte nicht ganz ohne Anteil seinen Bestrebungen in der Gegenwart ; von unserem gemeinsamen Geheimnis aber war niemals die Rede . Niemals jedoch , sooft ich ihn besuchte , unterließ er es , mir seinen besonderen Schützling vorzuführen und meine frühere Teilnahme für ihn wieder anzuregen , denn - und das war wohl der häßlichste Umschlag meiner Stimmung - , denn der Knabe , an dem ich mit so viel Wohlgefallen gehangen hatte , und der sich gleichmäßig schön und kraftvoll entwickelte , war seit jener Mitternacht , wo ich ihn hinter der Klosterpforte verschwinden sah , meinem Herzen ein Greuel . Ich erblickte in ihm nicht mehr das Ebenbild seines Vaters , der die Lust und das Leid meines kurzen Lenzes , nicht mehr das Schmerzenskind seiner Mutter , die meine einzige Gespielin gewesen war ; er erinnerte mich nur noch an den Mann , der durch meine Mitschuld um das Glück betrogen wurde , das Pfand einer reinen Liebe an sein Herz zu drücken . Ungerecht , wie ich war - auch gegen mich selbst - , grollte ich des Knaben stürmischer , schwer zu zähmender Natur ; er wurde mir zum Wildling Muhme Justines , zu dem verlorenen Kinde der Sünde , und vergeblich suchte der alte Freund aufzuklären und zu entschuldigen . » Er lügt niemals , und er ist beherzt vor allen anderen , « sagte der Freund ; ich aber sagte : » Er ist eine Range vor allen anderen , « und wenn August Müller zwanzig Jahre später erzählt hat , daß das Bild Fräulein Hardines sich ihm durch eine drastische Manipulation eingeprägt habe , so erinnere ich mich dieser Tatsache wahrscheinlich nur darum nicht , weil mir nicht einmal , sondern hundertmal zu solchem Korrektiv die Hände zuckten . Alles war mir verleidet , alles vergällt , zumeist der Aufenthalt im Elternhause . Denn das Haus war die Stätte des Verrats , der mich mein Selbstgefühl gekostet hatte , und vor den ehrlichen Augen der Eltern , die nur durch meine Schuld Mitschuldige an demselben geworden waren , konnte ich nicht bestehen . Ich langweilte mich in dem ohne mich ausgefüllten häuslichen Getriebe , und der gesellschaftlichen Plattheit hatte ich mich in dem freien ländlichen Wesen meiner Reckenburg bis