noch Schwester gehabt , Ihre Mutter ist Ihnen so früh gestorben ; Ihr Vater hat Sie , wie Sie mir selbst sagten , von jeher mit grenzenloser Liebe überschüttet ; alle Welt hat Sie geliebt und geehrt - wie Sie es gewiß verdienen ; diese alte strenge Dame selbst sieht in Ihnen , dem jungen Mädchen , das noch vor wenig Jahren ihre Schülerin war , heute schon eine ebenbürtige Freundin - aber ich - ich habe andere - doch wir verplaudern die Zeit und noch dazu über recht sonderbare Dinge . Eilen wir , daß wir an Ihren Flügel kommen . Es war nicht das erste Mal , daß Helene einem Gespräch , das vertraulich zu werden drohte , plötzlich eine gleichgiltige Wendung gegeben hatte . Sophie mußte sich darein fügen , obgleich ihr dieser Mangel an Vertrauen weh that , um so mehr , als sie fühlte , wie einsam Helene dastand , wie ganz nur auf sich angewiesen , und welche Wohlthat es für sie gewesen sein würde , hätte sie ihr übervolles Herz in das theilnehmende Herz einer wahren Freundin ausschütten können . Sie fühlte sich deßhalb auch diesmal nicht durch Helenens stolze Schweigsamkeit beleidigt ; im Gegentheil ! sie war mehr als je entschlossen , sich in Helenens Vertrauen lieber hineinzustehlen und hineinzuschmeicheln , als Stolz mit Stolz , und Schweigsamkeit mit Schweigsamkeit zu erwidern . Die jungen Damen , nachdem sie bei Sophie angelangt waren , hatten fast ohne Unterbrechung musicirt , bis es in dem zu ebener Erde gelegen tiefen Zimmer zu dunkeln begann . Sie hörten auf , weil sie nicht mehr gut sehen konnten , und gingen nun Arm in Arm im Gemache auf und ab , während die Musik noch in ihren Seelen nachzitterte und selbst Helenens stolzes Herz milder und weicher fühlte . Es war vor allem ein neues , von einem jüngeren Meister componirtes Lied gewesen , das sie in schmerzlich süßer Weise an ihren todten Liebling erinnert hatte . Noch klangen ihr die traurig klagenden Worte mit der traurig klagenden Melodie im Ohr : Und soll ich sterben so frisch und jung , Ade dann , du goldener Sonnenschein , Und Mondenschimmer und Sternenlicht , Und ade , schwarzäugiges Mägdelein . Ich hab ' euch alle ja so geliebt , Und soll nun sterben so jung ! Sie dachte an die Nacht , als Baron Oldenburg sie mitten aus der Reihe Tanzenden heraus an Bruno ' s Sterbebett holte : sie sah bei ihrem Eintritt das Auge des Knaben dunkel aufflammen in dem todtenblassen Gesicht . Und soll nun sterben so jung ! murmelte sie , wie wenn sie mit sich selbst spräche . Es scheint dies Lied auf Sie einen eben so großen Eindruck zu machen , wie auf den Doctor Stein , sagte Sophie . Auf wen ? rief Helene , jäh aus ihrer Träumerei erwachend . Auf den Doctor Stein , wiederholte Sophie so ruhig , als hätte sie sich nie über das Verhältniß , das möglicherweise zwischen Oswald und Helene stattfand , Gedanken gemacht . Wann haben Sie ihn gesehen ? fragte Helene wieder in ihrer ruhig vornehmen Weise . Gestern Abend , hier , zum ersten Mal . Er war schon zwei Tage in der Stadt , ohne Franz gesprochen zu haben . Gestern traf Franz ihn zufällig auf der Straße und brachte ihn mit . Sonst hätten wir wohl noch länger auf seine Visite warten können . Weßhalb das ? Nun , er sah gerade nicht so aus , als ob ihm der Besuch besonderes Vergnügen mache . Indessen kann ich darüber weniger urtheilen , da ich ihn gestern zum ersten Male in meinem Leben sah . Mir schien es , offen gestanden , als ob ihm überhaupt nichts auf Erden Vergnügen machen könnte . Franz sagt , das sei durchaus nicht der Fall , fand aber selbst , daß Herr Stein sich in der kurzen Zeit , wo sie sich nicht gesehen , merkwürdig verändert habe . Wie war er denn , so lange Sie ihn kannten ? Sophie glaubte zu fühlen , daß Helenens Herz , als sie diese Frage möglichst unbefangen that , höher schlug . Doch war von dieser Erregung nichts in dem Ton zu merken , mit dem sie antwortete : Ich habe Herrn Stein selten oder nie anders als in Gesellschaft gesehen , und Sie wissen , da hat man wenig Gelegenheit , die Menschen zu sehen , wie sie wirklich sind . Er schien meistens ernst , fast traurig , sehr reservirt und verschlossen , besonders in den letzten Wochen . Doch mochten dazu auch die in meiner Familie herrschenden Verhältnisse nicht wenig beitragen . Wie war er denn gestern ? Es ist das schwer zu beschreiben für Jemand , der , wie ich , kein großer Psycholog ist , antwortete Sophie , entschlossen , auf jeden Fall , auch wenn sie Helene verletzen sollte , die Wahrheit zu sagen . Er schien mir lustig , ja ausgelassen , aber nicht heiter ; gesprächig , aber nicht mittheilsam ; witzig , aber nicht unterhaltend ; mit einem Wort , eine lebendige Vereinigung von lauter Gegensätzen , welche auf mich , die ich das leicht Verständliche , Klare , Einfache liebe , offen gestanden , einen peinlichen Eindruck gemacht hat . Besonders mißfiel es mir wie er über seinen Beruf und über seine hiesigen Verhältnisse sprach . Er schien Alles nur wie ein leeres Spiel zu betrachten . Er schilderte eine Gesellschaft , die er bei Director Clemens mitgemacht , und schüttete eine wahre Fluth von Hohn und Sarkasmus über die armen Menschen aus . Er beschrieb seine feierliche Einführung in die Schule , die gerade an demselben Morgen stattgefunden hatte , und stellte das Ganze wie eine Scene auf einem Puppentheater dar . Franz hatte mir gesagt , daß er etwas Faustisches in seinem Wesen habe ; mir ist er wie ein rechter Mephisto vorgekommen . Auch fand ich ihn nicht so schön ,