sein , es sind ihrer aber auch solche , die wol nur dadurch entstanden , daß die Fürstin Amanda in ihrer Jugend sehr schön , sehr liebenswürdig und von aller Welt angebetet war .... Bei diesen Worten erhob sich Herr von Harder . Er ahnte in ihnen eine Beziehung zu seiner Gemahlin . War er auch wenig in die eigenen Lebensbezüge derselben , die erst seit zehn Jahren seine Gattin war , verwachsen , so wußte er doch , nach der ihm von der energischen Frau gegebenen Anweisung , sehr vollkommen , welche Farbe er in dieser , überhaupt in jeder Gesellschaft halten mußte . Sie sagte ihm ja immer : Sei kalt oder warm gegen Diesen oder Jenen ! Und ohne daß er die Gründe dafür erfuhr , war er dann eiskalt gegen Den oder in seiner Weise glühend gegen Jenen . Er wußte vollkommen , daß seine Gattin in ältern Tagen , noch während ihrer ersten Verheirathung - mit ihm führte sie die zweite Ehe - mit der Fürstin verfeindet war ; er hatte noch neuerdings , wo gerade auf ihre Veranlassung der Ankauf der Hohenberg ' schen Einrichtung betrieben wurde und sie sich vor Ablieferung an den Hof die genaueste Untersuchung derselben in der Residenz bedingte , bei Auseinandersetzung der Gründe , die sie scheinbar dazu bestimmt hätten , das lebendigste Auftauchen der alten Erinnerungen Paulinens beobachten können , und somit überstieg das Gespräch das Maaß Dessen , was er als Gatte und überhaupt als Excellenz glaubte hier so ungeahndet mit anhören zu dürfen .... Melanie aber rief : Laßt die Todten ruhen ! Was quälen wir uns damit , zu erforschen , was die Verstorbenen noch Alles gedacht oder gefühlt haben mögen ! Zürnen Sie nicht , Herr Pfarrer , daß wir so oberflächlich und weltlich sind ! Unsere Religion ist die Natur , die Kunst , die Freude ! Kommen Sie , wir wollen etwas Musik machen , wenn dieser Tonkasten hier bei guter Laune ist und die Gnade hat , noch einige Klänge herzugeben . Damit öffnete sie den Flügel , der noch in diesem Saale von den ehemals hier gehaltenen Betstunden stehengeblieben war . Es war ein altes verbrauchtes Instrument , dessen Klang schon vor Jahren nur soweit ausreichte , leidlich eine Melodie anzugeben oder durch kraftvolles Anschlagen der Dominante einen Bauernchor zu verhindern , nicht immer taumelnd in den Octaven herumzuspringen oder einen Vers um eine Terz höher zu schließen als man ihn angefangen hat .... Melanie schlug eine Polka an . Manche Saite war schon gesprungen , manche sprang jetzt erst . Sie ließ sich jedoch nicht irremachen , sondern begleitete die leicht tändelnde Melodie , die sie spielte , mit den entsprechenden Bewegungen ihres Körpers . Zuletzt gab es denn aber doch ein zu klägliches Durcheinandersummen der ungestimmten Töne . Ärgerlich brach sie ab . Sie konnte aber vollkommen befriedigt sein von dem heitern Erfolge ihrer Improvisation . Man war die feierliche Stimmung los , stand auf , nahm einige kalte Speisen zu sich , die Madame Schlurck nach dem Thee herumreichen ließ , und stellte sich in Gruppen an die Fenster , an den Flügel , an das Kanapee der freundlichen Wirthin . Guido Stromer aber war nicht der Mann , der sich so leicht entthronen ließ . Er warf sich mit leichtem Geschick auch auf diese neue Wendung des Abends , lobte Melanie ' s Spiel , rühmte die Speisen , erörterte die kleinsten Dinge durch piquante Commentare und entwickelte dabei immer denselben analytischen Geist , der sich in jede Gedankenreihe mit dem Talente , sie auszuspinnen und sinnig zu verknüpfen , finden konnte . Herr von Harder mied jedoch den vulkanischen Mann . Ohnehin neckte ihn Melanie und wußte ihn , gleich einem Magnet , der in einer Wasserschüssel blecherne Enten und Fische nach allen Seiten zieht , bald in diese bald in jene Ecke zu locken , sodaß er nahe daran war , von dem Nimbus seiner ihn umstrahlenden Würde viel einzubüßen und sich wie Einer der Andern unter den Andern zu verlieren . Als er anfing , doch auch zu freundlich zu zerschmelzen , zu geziert , wie Malvolio in Shakspeare ' s » Was Ihr wollt « , nach geschnörkelten Phrasen wie nach Fliegen zu haschen , entwand sich ihm das listige Mädchen und ging gerade da , wo er schon zweideutig zu flüstern begann , in einen lauten Ton über , den Alle hören sollten . Man gruppirte sich um sie . Sie neckte Alle . Sie neckte den Commerzienrath mit seinen Staatspapieren , den Justizdirector mit seinen Processen , Eugen Lasally mit seinen Wettrennen , für die er Pferde und Jockeys hungern und mager werden lassen müsse .... So hatte sie es dahin gebracht , daß Alles wieder saß und sich gefallen ließ , Räthsel und Charaden zu lösen , die sie in schnellster Gewandheit , den anwesenden Personen angepaßt , zu erfinden verstand . Die Überladung , die das eigentümliche Kennzeichen der Häuslichkeit Schlurck ' s war , brachte auch für diesen Abend , wie für jeden noch eine Collation Champagner . Dieser Wein war bei Schlurck so eingebürgert , daß man wol sagen konnte : er floß bei ihm in Strömen . Es mochte dieser Luxus daher kommen , daß Viele seiner Committenten , Viele der Personen , denen er Häuser , Güter , Geschäfte verwaltete , ihn mit Naturalgeschenken dieser Art gern erfreuten . Ein gewisses prahlerisches Wohlleben war leider die tägliche Ordnung im Schlurck ' schen Hause und für so besonnen und klug Melanie ' s Mutter auch im Praktischen gelten konnte , nach dieser Richtung hin gestattete sie die vollste Freiheit und liebte es , jeden Tag als einen Tag der Freude zu begrüßen und zu beschließen , als ein Fest , wo Abends die Becher blinkten und Morgens wieder Rosen sie frisch umkränzten . Ja ! ja ! rief zuletzt der vom Champagner angeregte Stromer , der kein Auge für Linchen , seine bescheidene Frau ,