jezt , das gesteh ' ich Ihnen , begreif ' ich es nicht . Das Leben aus Instinct fortzupflanzen , welches mir meine Eltern aus Instinct gegeben haben , scheint mir keine erschöpfende Bestimmung zu sein , und alles Uebrige : diese Gesetze nach denen - diese Pflichten für welche - diese Genüsse um welche man lebt : entsprechen so wenig unsrer Natur , sind so sehr das Product eines künstlich zusammengesetzten Zustandes , daß man sich selbst verkünsteln muß bevor man sich an sie gewöhnt . « » Wer kann sagen : ich begreife das Leben ! erwiderte Sedlaczech . Niemand ! Das ist eben die Sache Gottes . Wir aber , die wir es nicht können , sollten die Hände davor falten , weil es eine Hieroglyphe ist , die ein göttliches Geheimniß verbirgt . « - » Immer die Fabel von der verschleierten Isis ! « » Ja ! aber auch immer im Fabelkleide die urewige Wahrheit . « » O Meister ! rief ich , wie sind Sie nur zu Ihren unumstößlichen Ueberzeugungen gelangt . « » Als ich in meine Seele hinein blickte fand ich sie dort vor ; denn sie sind uns eingeboren . « » Nimmermehr ! « rief ich . » Doch ! unterbrach er mich sanft . Als die Engel in Menschengestalt zu jenen Zeiten von denen nur Legenden uns erzählen , auf der Erde umher wandelten , hatten sie ein geheimnißvolles Wort , kraft dessen sie augenblicklich zu ihren Gestirnen und ihren Himmeln emporsteigen konnten . Die Menschenseele weiß auch von einer solchen Bannformel mit der sie sich über den Staub hinaufschwingen kann , und die ist ihr eben eingeboren , ohne Unterschied der intellectuellen Gaben - Allen ! sie heißt : Glaube und Liebe ! - der Glaube einer ewigen Einheit anzugehören , die ihrer Essenz nach nichts Andres als eine Vollkommenheit sein kann : das ist der Schöpfer ! .... die Liebe , welche uns die Vielheit , das Geschöpf , als unsers Gleichen , als Gefäß seines unerforschten Willens , als Symbol seiner Idee zeigt . « » Das ist genug für erhabene Menschen , entgegnete ich traurig ; - nicht für mich . Diese gleichsam unpersönliche Gemeinschaft mögte ich die der Heiligen nennen .... und die Heiligen , Fidelis , über welche Dornen und Kohlen sind sie gewandelt ehe sie dahin gelangten . Lesen Sie doch die Bekenntnisse des heiligen Augustin , der heiligen Theresia ! ist nicht jede Zeile , jedes Wort in ihre Thränen getaucht , von ihrem Herzblut überrieselt ? wie sich eine wunde Brust aus unsrer harten nordischen Luft in eine südlichere flüchtet : so haben sie ihre Herzen einer Region zugewendet , deren Aether feiner als unser derber irdischer ist , den die kaum vernarbten Wunden nicht ertragen würden . Sie tragen eine Glorie , ja ! aber deren Stralen sind verwandelte Dornen . « » War Christus nicht von seinem Herzblut überrieselt auf dem Weg zu Golgatha ? - Sie fürchten das Leid zu sehr , Sibylle ! « » Ich fürchte es nicht ! ich weiß nur aus unseliger Erfahrung , daß es uns nicht fördert und nicht hilft - und darum meid ' ich es « .... - - » Das heißt Sie lassen es fallen anstatt es reifen zu lassen . « » Das Leid pflegen .... ist Mißverstand . « » Es reifen lassen .... grenzt an Weisheit ! sprach er lächelnd . Es lebt sich dann durch alle Phasen durch und aus ; es gestaltet sich zuweilen zu einer köstlichen Essenz - wie starker Wein , das Leben kräftigend , wie Rosenöl , es mit Balsamduft durchhauchend . Zuweilen wird es freilich auch zu einer sehr , sehr bittern Frucht , durch die man nichts gewinnt als - eine schmerzliche Warnung oder Erfahrung . Doch gleichviel ! bei dieser inneren Arbeit ist der Boden so zergraben und gelockert , daß er fähig ist ein neues Samenkorn zu empfangen . Wird aber die Frucht hastig und unreif abgerissen - wie Sie es thun - so ist die ganze Entwickelung gewaltsam unterbrochen , und ringende Kräfte reagiren schädlich .... ja feindlich , weil sie nicht ihren natürlichen Gang gehen durften . Sie stocken , und es wird daraus das Allertraurigste was den Menschen befallen kann und was ich versetztes Leid nenne : Bitterkeit . Hüten Sie sich davor , theure Sibylle . « » O Meister ! rief ich bewegt und mit feuchten Augen , wie thun Sie mir wol ! bleiben Sie nur immer bei mir ! bei Ihnen fühl ' ich mich zu Hause und bei meines Gleichen ; denn Sie denken , empfinden und sprechen wie ein Mensch - während ich so lange ! so lange ! nur sprechen höre vom Standpunkt aus , den Beruf oder Gelehrsamkeit oder Verhältnisse zur Pflicht und zur Gewohnheit machen . Das ist natürlich .... ach , es mag sogar respectabel sein ! aber .... ich kann ' s nicht aushalten - ich kann es nicht ! All dies kluge Wissen , all dies brave Thun kommt mir vor wie der Teich Bethesda , dessen Gewässer stagniren und ohne Leben und Wirksamkeit sind bis ein Engel über sie dahin rauscht und sie segensvoll macht . Nach diesem lebendig machenden Geist schmachte ich - und von Ihnen weht er mich an . Bleiben Sie hier . « » Und wenn Graf Astrau kommt ? « .... - - » Er wird nicht kommen ! Käme er aber , so würde er ein Gast unter meinem Dach sein gleich Ihnen - und das Gastrecht meines Hauses genießen wie ein Fremder - und nicht wie Sie , mein Freund . « » Ich werde bleiben so lange ich kann ! entgegnete Sedlaczech nach einigem Schweigen und mit gepreßter Stimme . Kann ich nicht mehr so « .... - » So sind Sie frei - das versteht sich ! unterbrach ich ihn . Aber jezt .... bleiben Sie bei mir . Und