Urlaub ist fast abgelaufen ; seine Rechnungen sind in unsern Händen , der Wirth , der Arzt , der Schneider - - Und alles das muß die Gräfin zahlen ? fragte Gotthard . Leider ! Sie besucht ihn alle Vormittage , er nimmt jedesmal halb und halb von ihr Abschied , versichert , ein förmliches Lebewohl sei ihm unerträglich , und am nächsten Morgen findet sie ihn wieder . Was kann das sein , er kann uns doch nicht immer so in Wien auf dem Halse bleiben wollen ! Sollte er verliebt sein oder heimliche Schulden gemacht haben ? Er hat gespielt , erwiderte Gotthard , wie durch plötzliche Eingebung . Ich will sogleich zu ihm . Gotthard hatte die Fessel richtig erkannt , welche den Unglücklichen von seinem Krankenlager nicht sich lösen ließ . Louis war einem Stube an Stube mit ihm wohnenden Glücksjäger in die Hände gefallen und alles Geld , das er von Anna erhalten , jenem bereits zur Beute geworden . Die Art und Weise , durch welche es Gotthard gelang , den Unbesonnenen zum Geständniß zu bringen , kann für uns kein sonderliches Interesse haben . Als die Summen berechnet waren , reichte Alles , was Louis an baarem Gelde besaß , nicht hin , die Hälfte der Schuld zu decken . Des ganz Unbemittelten Aufenthalt in einem Hotel , seine Krankheit , seine verschiedenen Bedürfnisse hatten Annens Hilfsquellen erschöpft ; sie hatte es nicht geradezu gesagt , Gotthard hatte es im Gespräch mit ihr durchfühlt , er übernahm sogleich einen Theil der Zahlung , für den andern sagte er gut und verließ Louis erst , nachdem er eine lange Unterredung mit dem Spieler gehabt und jenen zum Posthofe begleitet hatte . In den letzten Momenten seines Aufenthalts , während Gotthard zu seinem Nachbar hinüberging , nahm Louis in einigen Zeilen Abschied von seiner Schwester und übergab den Brief dem Lohnbedienten des Hotels . Nachdem auf diese Weise alles geordnet und Louis abgereist war , glaubte Gotthard Annen beruhigen zu müssen , ohne ihr jedoch von der sich auf einige und fünfhundert Gulden belaufenden Summe etwas zu sagen , die zu zahlen er übernommen , und von welcher er hoffte , sie solle ganz unerwähnt bleiben , um der theuern Frau nicht auf ' s Neue eine Ursache zu geben , über ihren Bruder zu klagen . Als er Annens Zimmer betrat , fand er sie in Thränen , sie hatte ihn angenommen , weil sie sich ' s nicht zu versagen vermochte . Es war die erste Unbesonnenheit ihrer Liebe , der erste Fehltritt . Louis hatte ihr alles geschrieben . Zu redlich , einen ihm ganz Fremden um eine ihm bedeutend erscheinende Summe zu bringen , zu leichtsinnig , um die möglichen Folgen der Uebertragung seiner Anleihe zu bedenken , schien ihm der natürlichste Ausweg der , seine Schwester zu Gotthard ' s Schuldnerin zu machen . Kahl und nackt , ohne alle Selbstentschuldigung , hatte er ihr die Sache hingestellt , wie sie eben war ; ja , er hatte sogar den aufgeregten fieberhaften Zustand , während welchem er dem Hazardspieler in die Hände gefallen , dem unverantwortlichen Betragen Kronbergs gegen sich und Annen zugeschrieben . Es lag wenig Liebe und gar keine Hingebung in diesen herben Abschiedsworten an seine Schwester , und dennoch schlossen sie mit der Voraussetzung , daß sie um seinetwillen den Verlust der paar Thaler leichter verschmerzen werde , als er , der freilich nur zerstörte oder halberfüllte Hoffnungen seinem armen Weibe heimzubringen habe . Anna weinte bittere Thränen , Louis ' Egoismus schnitt ihr in ' s Herz , sie fühlte sich zwischen Gatten und Bruder so fürchterlich allein , so fremd , wie in einer endlosen Wüste . Louis ' Anklage ihres Mannes war schonungslos scharf , das Aussprechen seiner Treulosigkeit gegen sie that ihr aus ihres Bruders Munde weher , als in all den Bemerkungen der frivolen Gesellschaft , welche am Ende nur lachte , spöttelte und - vergaß . Auch Gotthard , dem ganz unbegüterten Freunde , eine neue Last aufgebürdet zu sehen , schmerzte sie - da hörte sie den ihn meldenden Bedienten . Als er aber nun eintrat mit dem milden freudigen Ausdruck in den geisteshellen Zügen , ward ihr , als senke sich plötzlich die Heimat um sie nieder , aus dem Himmel in ihr Herz . Gotthard setzte sich diesmal neben sie , statt wie sonst ihr gegenüber . Ihm war so unsäglich wohl und leicht ; war doch nun diese Sorge der theuern Frau entnommen . Er sprach sogleich von Louis , ging freimüthig in dessen Lage und Ansicht ein , erst ihn beklagend , dann heiter ihn vertheidigend . Er schilderte ihr Schlesien , Glatz , das er kannte , das gemüthliche , etwas beschränkte Bürgerleben des Städtchens ; sprach über manche kleine Vortheile und Annehmlichkeiten , die ein längerer Aufenthalt Louis und den Seinen dort gewähren müsse . Mit jedem neuen Abschnitt lichtete er die Farbe seiner Darstellung . Zuletzt erzählte er von sich , daß er selbst früher gern sein Glück auf einen raschen Wurf gesetzt und schwer dem Spiel entsagt . Er lobte Louis ' sanftes Hinnehmen seines Eingriffs in eine ihm ganz fremde Angelegenheit ; er breitete eine lange bunte Scenenreihe vor dem geliebten Blicke aus , wie man einem kranken Kinde ein Bilderbuch aufschlägt und mit ihm es durchblättert , und lockte so aus allen Tiefen ihrer Seele die Schmerzen und dunkeln Gedanken hervor , um sie wie mit einem balsamischen Zauber zu umweben . In diesem Augenblicke lag nicht die mindeste Leidenschaft in seinem Thun zu Tage ; es war die Wundermacht des tief sein ganzes Sein durchdringenden Gefühls eines schonenden tiefen Wohlwollens , das er bewußt und sanft anwendete , wie ein Arzt die ihm inwohnende heilende Kraft . Anna war , als habe sie noch nie Jemanden zugehört , oder als tauche ihre Kindheit wieder auf , als säße sie noch auf Sophiens Schoos und lauschte emsig deren Erzählungen .