Wunden geblutet haben ; deßhalb sind für uns solche abgeschmackte Rücksichten nichts , und was sind alle Rücksichten gegen mein Gefühl ; hier an derselben Stelle , wo ich Sie beleidigte , bitte ich Ihnen mein Unrecht ab ; hier sage ich Ihnen , daß ein wilder Schmerz mich dahin brachte , Sie gern zu verkennen , daß ich einen Zweikampf suchte , um mein Leben darin zu endigen , und hier antworten Sie mir , ob Sie mein Gefühl mit derselben Freimüthigkeit erwiedern können . Bester Graf , sagte St. Julien mit Rührung , Sie sind so erschüttert , daß Ihr Zustand mich besorgt macht , lassen Sie uns vergessen , daß wir uns gegenseitig verkannt haben , und schenken Sie mir Ihre Freundschaft . Freundschaft ? wiederholte der Graf mild lächelnd ; ja , lassen Sie uns Freunde sein , und helfen Sie mir die Qual des Kummers und die Seligkeit des Entzückens ertragen , die mich beide zu vernichten drohen . Sie müssen es erfahren , fuhr er nach einem kurzen Schweigen , während dessen er sich gesammelt hatte , mäßiger fort , was mich bei meiner Ankunft hier auf dem Schlosse in jene unselige Stimmung versetzt hatte , und wodurch jetzt mein Gefühl so gänzlich umgewandelt worden ist , damit Sie mich nicht für einen Thoren halten , dessen Zorn eben so wenig , als seine Freundschaft Achtung verdienen . Sie müssen wissen , daß ein großer Theil unseres Adels mit der Armuth kämpft , und zu diesen Unglücklichen gehört mein Vater . Von frühester Kindheit an hörte ich es beklagen , daß mein Oheim hier das gesammte Familen-Vermögen mit Unrecht besitze ; es wurden oft ohnmächtige Pläne gegen ihn entworfen , und man behauptete , daß hauptsächlich meine Tante ihn abhielte , sich mit meinem Vater in Unterhandlungen einzulassen . Auf mich machte dieß Alles keinen tiefen Eindruck , außer , daß ich einen Widerwillen gegen meinen Oheim und besonders gegen meine Tante faßte . Ich nahm Militairdienste eben so wohl aus Noth , als aus Neigung ; ich lernte früh entbehren , denn mein Vater konnte mich nur wenig unterstützen , von den jungen reichen Leuten beim Regiment zog ich mich zurück , einen Bruder hatte ich nicht , und so lebte ich die schönsten Jahre der Jugend in tiefer Einsamkeit des Herzens . Endlich lernte ich ein Wesen kennen , in noch beschränkterer Lage , als ich selbst , dessen zarte Schönheit , die wie eine Knospe im Erblühen war , dessen edle Eigenschaften , die sich unter den ungünstigsten Umständen dennoch herrlich zu entwickeln begannen , tausend zarte Bande um mein Herz legten , und ich lernte eine Seligkeit kennen , die ich in diesem armen Leben nie geahnet hätte . Ich erwartete von meinem Vater nichts , aber ich hoffte , daß sein Gut ihm die Mittel zur Existenz gewähren würde , so lange er lebte . Ich war Stabsrittmeister , und es konnte nach meiner Meinung nicht mehr lange währen , daß ich eine Eskadron bekommen müßte ; dann wollte ich mich mit dem holden Wesen vereinigen , in dessen unschuldigen Augen ich zu meinem Entzücken las , daß sie , vielleicht ohne es zu wissen , auf mich die Hoffnungen ihres Lebens baute . Der Krieg begann , und ich mußte mich von meiner holden Freundin und ihrem ehrwürdigen Vater trennen . Bei Eylau wurde ich schwer verwundet und verlor zugleich Alles , was ich an irdischen Besitzthümern mein nennen konnte . Nach Monaten hatte ich mich in so weit erholt , daß ich reisen konnte , und nun wurde es durch den Waffenstillstand auch möglich . Ich kam bei meinem Vater an , den ich in vielen Jahren nicht gesehen hatte , und in den ersten Stunden schon überzeugte ich mich , daß er völlig zu Grunde gerichtet war , wozu der Krieg das Seinige beigetragen hatte . Ich war kaum einige Tage bei meinen Eltern , als der Friede mit allen seinen Bedingungen bekannt wurde , und in Folge der großen Reduktionen bei der Armee erhielt ich meinen Abschied . Jetzt wurde meinem Vater die Nachricht mitgetheilt , daß mein Oheim damit umgehe , das gesammte Vermögen einem Fremden zuzuwenden . Mich erbitterte mehr , als alles Andere , die Ungerechtigkeit gegen meinen Vater , und ich ließ mich bestimmen , die Reise hieher zu unternehmen ; ich war hiezu um so lieber bereit , da mich die größte Unruhe quälte über das Schicksal meiner Freunde , alle meine Briefe waren unbeantwortet geblieben , und die heißeste Sehnsucht erfüllte mein Herz . Auf dem Wege hieher eilte ich zuerst die Unruhe meines Herzens zu endigen . Ich wollte mich an dem Anblicke meiner Freundin stärken und erfreuen ; ich hoffte selbst Rath von ihrem Vater , vor Allem aber wollte ich sie sehen und über ihr Schicksal beruhigt sein ; so erreichte ich nach den qualvollsten Tagen der heißesten Sehnsucht endlich ihre Wohnung . Fremde Menschen kamen mir entgegen ; ich fragte nach dem Obristen Thalheim , ein plumper breiter Mensch fragte : Meinen Sie den vorigen Pächter ? Nun ja , das war ja der Obrist Thalheim , rief ein Weib aus einem Winkel . Der ist gänzlich hier verarmt , ergänzte nun der widrige Mensch ; vorigen Winter wurde er hinaus getrieben und wird nun wohl schon gestorben sein . Und seine Tochter ? fragte ich mit höchster Anstrengung . Gott weiß , sagte der Mensch , wo das Mädchen hingekommen sein mag ; wie kann man es wissen , da Freunde und Feinde hier durchgezogen sind . Ich weiß nicht , wie ich das Haus verlassen habe ; ich weiß nicht , was ich auf dem Wege hieher dachte und fühlte . - Mit dieser Qual im Herzen kam ich hier an . Alles kam mir nun feindselig vor , ja selbst der sichtbare Wohlstand empörte mich , denn ich dachte an die Entbehrungen meines Vaters ; mir fiel es ein , daß vielleicht