, wenn tausend Erschütterungen mich von allen Seiten fassen und mein Herz zerdrücken , meine Seele zerreißen . Sehe ich auf meine nächsten Umgebungen , was erblicke ich ? den Neffen , den Erben meines Namens , meiner Güter , den Sohn meiner Wahl , trocken , kalt , von einer Leidenschaft verzehrt , welche allen Erwartungen seiner Freunde zu spotten scheint . So geht er an dem Leben hin , als habe es keinen Theil an ihm . Und Emma ? die schöne , starke Seele , sinkt ermattend in sich zusammen . Ruht sie nur aus von den Kämpfen , oder lastet die Erde zu schwer auf ihr , und kann sie sich nicht mehr frei machen von der harten Decke ? Ist es wirklich vorbei für diese Welt ? Sie scheint es zu glauben , mit fast an Stumpfheit gränzender Abspannung , läßt sie geschehen , was sie allein noch hindern könnte . Seit sie schwach und matt das Zimmer hütet , kümmert sie sich wenig um Dinge , die außerhalb vorgehen . Sie hat das Ansehn , Niemand zu vermissen , und bemerkt es kaum , daß Hugo ganze Tage außer dem Hause zubringt . Uns Alle ängstigt diese Gleichgültigkeit . Die Mutter setzt sie in Verzweiflung . Der Arzt sagt wenig dazu . Hugo scheint nicht zu wissen oder nicht zu glauben , daß man anders als vor Alter sterben könne . Und kennt er auch gefährliche Krankheiten , so ist ihm doch das Kranksein zu fremd , um seine Bedeutung recht einzusehen . Kurz , es ist unmöglich , Ihnen , liebste Sophie ! einen Begriff von den peinlichen Widersprüchen zu geben , die hier einander durchkreuzen . Die Spannung wächst täglich . Die einzige Vermittlerin schweigt . Umstände und Leidenschaft werden den entscheidenden Schlag herbeiführen . Halten Sie sich bereit , geliebte Freundin ! uns auf den ersten Ruf zu Hülfe zu eilen . Ich bin gewiß , daß der Augenblick nicht mehr fern ist . Gestern , in aller Frühe , hat Tavanelli dem Prior drüben bei den Remonstratensern gebeichtet . Es war noch dunkel , als er sich an dem Klosterthor zeigte . Der Pförtner glaubte einen Wahnsinnigen vor sich zu sehen . Mit sonderbarer Hast , mit unstätem , verwildertem Blick forderte er Einlaß . Er gab vor , ein Kranker verlange geistlichen Beistand . Hierauf wurde ihm geöffnet . Nach einer Weile sah man ihn , in Begleitung des Sacristan , nach der Kirche gehen . Nicht lange , so folgte der Prior . Dieser blieb geraume Zeit mit dem Jünglinge im Beichtstuhl verschlossen ; als Tavanelli den Rückweg späterhin antrat , lagen Bangigkeit und Zerknirschung auf seinem todtbleichen Gesicht . Seitdem ist er schon zweimal an Emma ' s wie auch an meiner Thüre gewesen , ohne gleichwohl Zutritt zu finden . Ich hege eine Scheu vor ihm , wie vor allen überspannten Menschen , die sich in Momenten der Exaltation nicht angehören , und Worte über ihre Lippen fliegen lassen , die sie vielleicht späterhin mit ihrem Leben zurückkaufen möchten . Zum Glück hat die Oberhofmeisterin nichts von jenen wiederholten Besuchen erfahren . Sie schlief noch , oder war spatzieren gefahren , als der Geistliche hier war . Ich habe ein Vorgefühl von dem , was er uns bringen will ! Aber wenn es das ist - wenn das Unglück einmal auf dem Wege zu uns ist , werden wir hindern können , daß es irgendwo bei uns eindringt ? Ich schreibe Ihnen mit mehr Unruhe , als weise , mit mehr Unwillen , als recht ist . Ich weiß nicht , wen ich bei der allgemeinen Verwirrung eigentlich tadeln soll ? und deshalb bin ich mit Niemand zufrieden . Auch nicht mit mir . Ich verehre , ich bewundere Emma , ich beweine ihr Geschick ; doch kann ich nicht aufhören , mit zärtlicher Hinneigung an Elisen zu denken . Ich würde die Hand zu lähmen wünschen , die es versuchte , einen Stein gegen sie aufzuheben . Und doch , wenn ich die Thränen der Mutter sehe , wenn ich an Emma ' s Bett sitze ! - Gott allein ist hier Richter . Wir wollen schweigen und zum Handeln bereit sein . Deshalb , meine Sophie ! lassen Sie Ihren Freund nicht vergebens bitten . Eilen Sie , so bald Sie können , größerem Uebel vorzubeugen . Elise bedarf Ihrer , so viel ist ausgemacht . Sie kennen ja ihren arglosen Trotz gegen die Meinung der Welt . Was sie in dieser Stimmung zu thun im Stande ist ? welche Veranlassung sie müßigen Lauschern geben könnte , mit ihr , uns Alle zu verderben ? Beste ! Liebe ! eilen Sie , eilen Sie zu uns ! Leontin an Tavanelli Ich suchte Sie gestern Abend in Ihrem Zimmer auf . Sie waren nicht darin . Doch stand es offen . Mehrere Papiere flogen mir vom Boden entgegen . Ueber den Stuhl vor dem Schreibtisch hing ein abgeworfener Rock . Hut und Handschuh fand ich hier und dorthin geschleudert , der Spatzierstock lag quer über dem Sopha , alles trug die Spuren einer Unachtsamkeit , die ich sonst nie an Ihnen bemerkte . Es fiel mir auf , daß die Leute im Hause von Ihrer Abwesenheit nicht unterrichtet waren , da sie mich hierher zu Ihnen gewiesen hatten . Die Vermuthung , Sie vielleicht unten im Garten zu treffen , entstand nun ganz natürlich in mir . Ich ging , und kam bis an die Bucht am See , ohne einem Menschen begegnet zu sein . Hier spielte , zu meiner großen Verwunderung , Georg mit einer Ziege , die er von seinem kleinen Wagen losspannte , und sie Gras fressen ließ . » Wo ist Dein Freund Tavanelli ? Kind ! « fragte ich , ahndend , daß Sie in der Nähe sein müßten . Der Kleine antwortete erst gar nicht ; später , als ich meine Frage wiederholte , sagte er gleichgültig ,