den Schlüssel im Schloß sich umwenden , und ein Mann mit einem strengen dunkelgefärbten Gesicht trat herein . Er bot mir einige Speise der ärmlichsten Art. Mein krankhafter Ekel bewog mich , sie schnell von mir zu wehren ; darauf reichte er mir einen Trank von Milch und Wasser , den ich mit Begierde verschluckte und soweit es meine Schwäche gestattete , dafür dankte . Des Mannes strenger Blick milderte sich ein wenig . » Ihr seyd heute früh etwas besser ? « fragte er . - » Ich werde es bald seyn « , erwiederte ich mit schwachem Lächeln . Er wendete sich um fortzugehen , als mich der Gedanke ergriff , daß ich nach meiner Auflösung , die ich für unfehlbar sich nahend ansah , diesem Manne , vielleicht seinen noch roheren Gehülfen , überlassen seyn könnte ; ich bot alle meine Kräfte auf , rief ihn zurück und bat : » wenn es mit mir aus ist , so bittet doch - aus Barmherzigkeit ! bittet irgend ein frmmes Frauenzimmer , daß sie für meinen Leichnam sorge ! Ich war von gutem Stande und bin keiner Unanständigkeit gewohnt . « - Der Mann versprach ohne Schwierigkeit mir zu genügen und ermunterte mich dadurch noch mehr zu bitten . » Ich habe einen Freund , dem möchtet Ihr doch auch schreiben ! « - » Warum nicht , wie heißt er ? « fragte er eifrig . - Herr Maitland , der reiche indische Kaufmann . Schreibt ihm Ellen Percy sey hier gestorben und habe seiner mit Achtung und Dankbarkeit gedacht . « - Der Wärter sah mich einen Augenblick mit Erstaunen an , dann lächelte er ungläubig und ging mit den sorglos ausgesprochnen Worten : » ja , ja , ich werde es besorgen « aus der Zelle . Meine zitternde Hoffnung , meine freudige Zuversicht eines heran nahenden Todes , ward diesen ganzen Tag von nichts als dem Eintritt des Wärters , der mir zu bestimmten Stunden Nahrung brachte , unterbrochen . Eine ruhige Nacht stärkte meine Kräfte so merklich , daß den folgenden Tag , mit der Möglichkeit zu leben , auch die Freude am Leben zurückkehrte . Mit dieser Freude ward aber auch das schreckliche Bewußtseyn meiner Lage in mir klar . Ich begriff , daß Irrthum oder Bosheit die Bewußtlosigkeit meines , von Jessy geerbten Fiebers für einen Zustand angesehen hatte , der mich in die Classe der Unglücklichen , welche diese Anstalt bewohnten , beigesellen mußte . Welche helfende Hand würde sich aber , wenn Bosheit mich hier festhielt , meiner erbarmen ? Kein lebendes Wesen entbehrte mich von allen , die mich jemals gekannt ; Niemand fand eine Lücke , da wo ich meinen Platz in der Gesellschaft besessen ; wer sollte nach mir forschen ? wer an mir , an der aus den Lebenden ausgestrichnen , Barmherzigkeit üben wollen ? - Meine Unerfahrenheit gab mir keine Möglichkeit an , mir einen Ausgang aus diesem furchtbaren Aufenthalt zu verschaffen . Monate lang hier zu bleiben , Jahre lang vielleicht , war ein Gedanke , vor dem ich meinen schwachen Kopf hüten mußte , denn er drohte mich den Unglücklichen gleich zu stellen , deren herzzerreißende Stimmen die Stille der Nacht mir hie und da zutrug . Sobald mein Wärter am zweiten Tage zu mir eintrat , empfing ich ihn mit der Frage : warum ich mich in dieser Anstalt , zu der mein Zustand mich keineswegs eigne , befinde ? » Herr und Mistriß Boswell « , sagte ich , » wissen beide , daß mich das Fieber bei der Krankenpflege ihrer Tochter befiel . « - » Ja , ja , das wissen sie , « antwortete er besänftigend . - » Warum haben sie mich denn hierher geschickt ? « - » Ja , für was halten Sie denn dieses Haus « ? sagte der Mann nach einigem Nachsinnen . » Denken Sie denn es sey ein Irrenhaus ? Es ist eine Krankenanstalt für Kranke Ihrer Art. « - Jetzt nahm ich wahr , daß er mich glaubte als eine Verrückte beruhigen zu müssen . Ich bat ihn dringend , er solle sich auf alle Weise von den sehr gesunden Zustand meines Gehirns überzeugen und mich aus dem Hause entlassen . Er versprach mir , daß dieses , sobald es mein Zustand erlaubte , geschehen sollte . Um meine Kräfte bald herzustellen , sey es aber nothwendig , mich ruhig zu halten , und mir die unnützen Gedanken aus dem Sinn zu schlagen . So schaudervoll dieser unbestimmte Aufschub meiner Wünsche war , mußte ich dem Mann doch rücksichtlich der Nothwendigkeit durch Ruhe Genesung zu erstreben , recht geben . Ich erbat sie innig von Gott , und wendete mein Gemüth mit unendlicher Anstrengung von der Hoffnung der Befreiung aus diesem fürchterlichen Aufenthalt , die meine nächste Zukunft beglücken sollte , zu der Vergangenheit hin , die durch Thorheit , Eigensinn und Unglück mich in diese schreckliche Lage gebracht hatte . Das Nachdenken während der nun folgenden Tage reifte meinen Geist mehr , wie Jahre des Glückes hätten thun können . Mein letztes Unglück hatte meinen stolzen Sinn völlig gebrochen ; ich hatte die Vergänglichkeit jedes Erdengutes erfahren , mein letzter Götze war der Vorzug , den mir mein Verstand über Mistriß Boswell gegeben und der Uebergang weniger Minuten von Gesundheit zu Krankheit , hatte diesen Verstand in eine Verfassung gesetzt , die mich den Bewohnern eines Irrenhauses gleichstellte . Wenn ich , statt des Unwillens , mit dem ich der dummen Leidenschaftlichkeit dieser Frau trotzte , mit wahrer Ueberlegenheit des Geistes und Milde des Gemüths sie behandelt hätte , würde der ganze Gang der Begebenheit verschieden gewesen , Jessy ' s Krankheit vielleicht vermieden , und ich nie in dieses fürchterliche Gewahrsam gekommen seyn . Mit allen diesen Betrachtungen kehrte wirkliche Ergebung in mein Gemüth zurück und durch sie stärkten sich meine Kräfte . Ich war wieder fähig das Bett zu verlassen und den engen Raum meines Kämmerchens