» Schwester « - ihr Allerinnerstes war aufgeregt . Die Baronin sprach : » Wie geht es , lieber Neffe ? « - » Ganz leidlich , aber man behandelt mich übel . « - » Wieso ? « - » Da haben sie mir Blut gelassen , das ist grausam ; sie haben es weggeschafft , das ist frech ; es gehört ja nicht mein , es gehört alles , alles ihre . « Mit diesen Worten schien sich seine Gestalt zu verwandeln , doch mit heißen Tränen verbarg er sein Antlitz ins Kissen . Hilariens Miene zeigte der Mutter einen furchtbaren Ausdruck , es war , als wenn das liebe Kind die Pforten der Hölle vor sich eröffnet sähe , zum erstenmal ein Ungeheures erblickte und für ewig . Rasch , leidenschaftlich eilte sie durch den Saal , warf sich im letzten Kabinett auf den Sofa , die Mutter folgte und fragte , was sie leider schon begriff . Hilarie , wundersam aufblickend , rief : » Das Blut , das Blut , es gehört alles ihre , alles ihre , und sie ist es nicht wert . Der Unglückselige ! der Arme ! « Mit diesen Worten erleichterte der bitterste Tränenstrom das bedrängte Herz . Wer unternähme es wohl , die aus dem Vorhergehenden sich entwickelnden Zustände zu enthüllen , an den Tag zu bringen das innere , aus dieser ersten Zusammenkunft den Frauen erwachsende Unheil ? Auch dem Leidenden war sie höchst schädlich , so behauptete wenigstens der Arzt , der zwar oft genug zu berichten und zu trösten kam , aber sich doch verpflichtet fühlte , alles weitere Annähern zu verbieten . Dabei fand er auch eine willige Nachgiebigkeit , die Tochter wagte nicht zu verlangen , was die Mutter nicht zugegeben hätte , und so gehorchte man dem Gebot des verständigen Mannes . Dagegen brachte er aber die beruhigende Nachricht , Flavio habe Schreibzeug verlangt , auch einiges aufgezeichnet , es aber sogleich neben sich im Bette versteckt . Nun gesellte sich Neugierde zu der übrigen Unruhe und Ungeduld , es waren peinliche Stunden . Nach einiger Zeit brachte er jedoch ein Blättchen von schöner , freier Hand , obgleich mit Hast geschrieben , es enthielt folgende Zeilen : » Ein Wunder ist der arme Mensch geboren , In Wundern ist der irre Mensch verloren , Nach welcher dunklen , schwer entdeckten Schwelle Durchtappen pfadlos ungewisse Schritte ? Dann in lebendigem Himmelsglanz und Mitte Gewahr ' , empfind ' ich Nacht und Tod und Hölle . « Hier nun konnte die edle Dichtkunst abermals ihre heilenden Kräfte erweisen . Innig verschmolzen mit Musik , heilt sie alle Seelenleiden aus dem Grunde , indem sie solche gewaltig anregt , hervorruft und in auflösenden Schmerzen verflüchtigt . Der Arzt hatte sich überzeugt , daß der Jüngling bald wieder herzustellen sei ; körperlich gesund , werde er schnell sich wieder froh fühlen , wenn die auf seinem Geist lastende Leidenschaft zu heben oder zu lindern wäre . Hilarie sann auf Erwiderung ; sie saß am Flügel und versuchte die Zeilen des Leidenden mit Melodie zu begleiten . Es gelang ihr nicht , in ihrer Seele klang nichts zu so tiefen Schmerzen ; doch bei diesem Versuch schmeichelten Rhythmus und Reim sich dergestalt an ihre Gesinnungen an , daß sie jenem Gedicht mit lindernder Heiterkeit entgegnete , indem sie sich Zeit nahm , folgende Strophe auszubilden und abzurunden : » Bist noch so tief in Schmerz und Qual verloren , So bleibst du doch zum Jugendglück geboren ; Ermanne dich zu rasch gesundem Schritte , Komm in der Freundschaft Himmelsglanz und Helle , Empfinde dich in treuer Guten Mitte , Da sprieße dir des Lebens heitre Quelle . « Der ärztliche Hausfreund übernahm die Botschaft , sie gelang , schon erwiderte der Jüngling gemäßigt ; Hilarie fuhr mildernd fort , und so schien man nach und nach wieder einen heitern Tag , einen freien Boden zu gewinnen , und vielleicht ist es uns vergönnt , den ganzen Verlauf dieser holden Kur gelegentlich mitzuteilen . Genug , einige Zeit verstrich in solcher Beschäftigung höchst angenehm ; ein ruhiges Wiedersehen bereitete sich vor , das der Arzt nicht länger als nötig zu verspäten gedachte . Indessen hatte die Baronin mit Ordnen und Zurechtlegen alter Papiere sich beschäftigt , und diese dem gegenwärtigen Zustande ganz angemessene Unterhaltung wirkte gar wundersam auf den erregten Geist . Sie sah manche Jahre ihres Lebens zurück , schwere drohende Leiden waren vorübergegangen , deren Betrachtung den Mut für den Moment kräftigte ; besonders rührte sie die Erinnerung an ein schönes Verhältnis zu Makarien , und zwar in bedenklichen Zuständen . Die Herrlichkeit jener einzigen Frau ward ihr wieder vor die Seele gebracht und sogleich der Entschluß gefaßt , sich auch diesmal an sie zu wenden : denn zu wem sonst hätte sie ihre gegenwärtigen Gefühle richten , wem sonst Furcht und Hoffnung offen bekennen sollen ? Bei dem Aufräumen fand sie aber auch unter andern des Bruders Miniaturporträt und mußte über die Ähnlichkeit mit dem Sohne lächelnd seufzen . Hilarie überraschte sie in diesem Augenblick , bemächtigte sich des Bildes , und auch sie ward von jener Ähnlichkeit wundersam betroffen . So verging einige Zeit ; endlich mit Vergünstigung des Arztes und in seinem Geleite trat Flavio angemeldet zum Frühstück herein . Die Frauen hatten sich vor dieser ersten Erscheinung gefürchtet . Wie aber gar oft in bedeutenden , ja schrecklichen Momenten etwas Heiteres , ja Lächerliches sich zu ereignen pflegt , so glückte es auch hier . Der Sohn kam völlig in des Vaters Kleidern ; denn da von seinem Anzug nichts zu brauchen war , so hatte man sich der Feld- und Hausgarderobe des Majors bedient , die er , zu bequemem Jagd- und Familienleben , bei der Schwester in Verwahrung ließ . Die Baronin lächelte und nahm sich zusammen ; Hilarie war , sie wußte nicht wie , betroffen , genug , sie wendete das Gesicht weg , und dem jungen Manne