Pension oder Alumnat . » Ich habe selbst schon an dergleichen gedacht « , antwortete der Alte , » gestehe Dir aber , daß ich durch alles , was ich von Berliner Pensionsanstalten gesehen und geprüft habe , geradezu zurückgeschreckt worden bin . Bei dem Direktor des Joachimsthals , wo der junge Reck ist , kann man Griechisch und Latein genug in den Klassen lernen ; aber damit Basta . Im übrigen ist der Umgang mit den dort studierenden Bengeln , trotzdem das Joachimsthal immer noch als das beste gilt , äußerst gefährlich . Lüderlichkeit herrscht in den meisten derartigen Anstalten , in der Stadt überhaupt , 40 was Du schon daraus ersehen magst , daß man , um die neue Universität vor derartig üblen Einflüssen zu sichern , den › Neustädtischen Bezirk ‹ , also den ganzen Stadtteil von der Schloßbrücke bis zum Brandenburger Tor , und von der letzten Straße ( Dorotheenstraße ) bis zur Kochstraße , von allen lüderlichen Etablissements gereinigt hat . Selbst die berüchtigte Madame Bernard hat ihr Haus in der Behrenstraße verkaufen und mitsamt ihren Nymphen sich außerhalb des eben angegebenen Bezirks niederlassen müssen . Dies ist geschehen , weil die meisten Studenten ( um in Nähe der Universität zu sein ) in dem Neustädtischen Bezirk Wohnung genommen haben . « Erwägungen dieser Art führten begreiflicherweise zu dem Entschluß , es mit » Pension und Alumnat « nicht übereilen zu wollen , bis nach Ablauf von abermals anderthalb Jahren , eine Verpflanzung in die große Stadt nicht wohl länger hinausgeschoben werden konnte . Doch auch jetzt nicht in eine » Pension « . Es wurde vielmehr beschlossen , den nun Siebzehnjährigen ohne weiteres in den Kreis der Studierenden eintreten und im Hause des befreundeten Geheimrats Focke Wohnung nehmen zu lassen . Das war im April 1812 . Allerhand Kollegia kamen auch wirklich an die Reihe , viel regelmäßiger aber als diese wurden Visiten gemacht und Gesellschaften besucht , und aus zahlreichen Nachschriften und Randbemerkungen ersehen wir , daß es die Reckes und Itzenplitzes , die Beymes und Boguslawskis waren , in deren Zirkel er vorzugsweise verkehrte . Dazu die Fockes selbst . Zu den ihm gleichaltrigen Söhnen einiger dieser Häuser unterhielt er alsbald die herzlichsten Beziehungen , und wenn in Liebenberg ein Fuchs gejagt oder ein ländliches Fest gefeiert wurde , so brach die ganze Freundschaft auf , um auf einen Tag oder eine Woche daran teilzunehmen . » Am 1. August hatten wir Erntefest « , schreibt der Alte . » Karl und drei Söhne von Geheimrat Focke waren herüber gekommen , und als weitere Zuschauer hatten sich die Seilers und hernach auch die Gentzs und Bergemanns von Gransee her eingefunden . Die jungen Leute wollten tanzen , und es entstand nun ein Ball von sechs Paaren , der bis 10 Uhr dauerte . Ich hätte gewünscht , Du wärest mit dabei gewesen . Ein solches Impromptu verläuft oft besser als eine geplante Festivität . « Und vier Tage später : » Auch eine Goldene Hochzeit haben wir gehabt , die der alten Guichards , wobei sich ' s traf , daß Karl und die jungen Fockes noch hier waren . Alles verlief aufs beste . Die Neumann hat etwas davon in die Zeitung rücken lassen , was mit meinem Hange vergessen zu sein , wenig übereinstimmt . « Er schreibt wörtlich : » mit meiner Gemütlichkeit vergessen zu sein . « Überhaupt finden sich viele sprachlich originelle Wendungen . In dieser Weise ging das Leben Karls von Hertefeld und erst bei Beginn des Winterhalbjahres war er der gesellschaftlichen Zerstreuungen insoweit überdrüssig , daß er ein regelrechtes Studium anfing , statt sich bloß » Studierens halber aufzuhalten « . Er warf sich zunächst auf Physik und deutsche Literatur , insonderheit auf das » Alt-Deutsche « , was eben damals in die Mode gekommen war . Obenan das Nibelungenlied , über das man übrigens in Liebenberg ebenso klein und gering dachte , wie dreißig Jahre früher in Sanssouci . Wenigstens schrieb der Alte : » Gestern , beim Aufräumen , ist mir auch das Nibelungenlied in die Hände gekommen , und schick ' ich es Dir , weil ich mittlerweile vernommen habe , daß Du Vorlesungen darüber hörst . Wenn übrigens der Nibelungen-Siegfried in Xanten seinen Sammelplatz gehabt hat , so ist vielleicht eine Dissertation über den Ort zu schreiben , wo er den Lindwurm totschlug . Ich , meinesteils , würde vermuten , daß es in der an Xanten grenzenden Bonnekater Heide geschehen sein müsse , die so wüst daliegt , als ob ein Lindwurm seine volle Bahn darauf gehabt habe . Vor Zeiten trugen unsere Bänkelsänger die Geschichte vom gehörnten Siegfried und vom Reineke Voß auf dem Lande herum und sangen ihre Knittelverse dazu . Wer damals gedacht hätte , daß solche Märchen noch aufs Katheder kommen würden ! Tempora mutantur et nos mutamur in illis . « * Es läßt sich annehmen , daß Karl von Hertefelds Eifer an diesem Spotte nicht erlahmte , die Zeit im ganzen aber war der wissenschaftlichen Beschäftigung ungünstig , selbst widerstrebend , und als in den ersten Tagen des Jahres 1813 die Yorksche Kapitulation in Berlin bekannt wurde , war es mit dem Studium auf lange hin vorbei . Nur ein Gefühl beherrschte die Gemüter , insonderheit der Jugend , und Karl von Hertefeld wäre mit unter den ersten gewesen , die damals die Waffen nahmen und auszogen , wenn nicht seinem eigenen Enthusiasmus ein absolut unenthusiastischer Vater mit sehr abweichenden Ansichten und Wünschen entgegengestanden hätte . So bracht ' er seiner Kinderliebe das denkbar schwerste Opfer und blieb , ohne sich durch Mißdeutungen , denen er kaum entgehen konnte , beirren oder umstimmen zu lassen . Als aber ein halbes Jahr später die Leipziger Schlacht geschlagen und der Marsch auf Paris eine beschlossene Sache war , wurde ihm der Zwang unerträglich , und er brach auf , um wenigstens ein Zeuge der letzten entscheidenden Ereignisse zu sein . Am 5. März 1814 war er